Zwischenbilanz

Nach einem Jahr im neuen Garten gilt es die Quote der Pflanzen festzustellen, die den kalten Februar tatsächlich überlebt haben

Vor einem Jahr wurde der neue Garten besiedelt. Zur Verfügung standen viele Quadratmeter frisch aufgeschütteter Erde rund um das neue Heim ebenso 105 Pflanzen vom alten Garten. Rosenstöcke, Lavendelbüsche, Clematen, Bambus, Farne, Funkien, Engelstrompeten, Hortensien, Rudbeckien, Perückenstrauch, Pfeifenstrauch, Gelber Muskateller und der baumgroße Kalifornische Flieder Ceano-thus.

Nun, Politikerinnen und Funktionäre würden von einer durchwachsenen Bilanz sprechen, fragte man sie nach der Quote des Überlebens. Auf bohrenden Fragen seitens kritischer, investigativer Gartenjournalisten müssten die Angesprochenen zugeben, dass sie sich beim Timing vertan hätten. Die Pflanzen würden im alten Heim zu früh ausgegraben, und im neuen Heim zu spät eingesetzt worden sein. Die Zeit dazwischen hätte ihnen nicht gutgetan. Es würde aber auch ein Lamento vom Zaun brechen, dass die Erde rund um das neue Haus von höchst beklagenswerter Qualität gewesen sei. Ein seriöses Bestellen des Ackers wäre nicht möglich gewesen. 

An den Wurzelspitzen frierend

Und dass just im Februar die Grade gering und die Luft so kalt sein würde, damit hätte doch auch keiner rechnen können. An dieser Stelle würden die Befragten eingestehen, dass rund neunzig Prozent (in Zahlen 90!) des Bambus Fargesia murielae dahingeschieden scheinen. Ein Jahr durften die möglicherweise toten Halme im Erdreich bleiben, in der Hoffnung, dass doch noch neue Triebe aus den Wurzelstöcken schießen. Doch schön langsam beginne man, die toten, fast zwei Meter hohen Triebe bodennahe abzuschneiden und im Frühjahr durch neue Individuen zu ersetzen. Doch es kam noch schlimmer.

Mit Frosch im Hals und stierem Blick würden die Damen und Herren vom Umzugskomitee eingestehen müssen, dass auch das Liebkind aller Gartenteilnehmer, der fast vier Meter hohe Ceanothus, nachhaltig tot scheint. Zu lange stand er in einem Trog Wasser, sehnsüchtig auf das Go des Immobilienentwicklers wartend, an den Wurzelspitzen frierend und langsam hinüber gleitend, hinüber in das Reich ewigen Wachstums. Liebevoll wurde er an einem Ort mäßigen Lichts, leichten Luftzugs und mittelfetter Erde eingesetzt, stets umsorgt begutachtet und mit der Hoffnung bedacht, dass es doch noch das eine oder andere Auge geben könnte, aus dem er austreibt. Doch vergebens.

Bis Mai bekommt er noch Zeit, doch dann wird er weichen müssen. Mit dem Muskateller verhält es sich nicht anders. Mindestens genauso tot schien der mächtige Perückenstrauch, doch dieser hat seine Chance als eingesetzter Halbtoter genützt und überraschte eines Tages mit drei zwei Zentimeter langen Trieben, die sogar drei Blättchen trugen. Die Freude war endlos. Von den Trieben ist mittlerweile nichts mehr zu sehen, die letzte Frostperiode hat wieder brutal zugeschlagen. Auch er wird bis Mai Gelegenheit bekommen, sein Leben zu beweisen oder seinen Tod letztendlich am Kompost zu zelebrieren. 

Königinnen unter den Zicken

Von den echten Toten zu den Halbtoten, kommt die Bilanz nun zu einer anderen Gruppe, den Zicken. Die Königinnen unter den Zicken sind die Rosen. Sie durften größtenteils in ihrem Substrat übersiedeln, bekamen im Frühjahr frische Erde und die besten Positionen an der Sonne. Und um nur ja nicht am Kompost zu landen, schickten sie regelmäßig ein paar Blätter raus, die vom Überleben zeugen sollten. Doch mehr kam nicht. Die schmollen. Grün belaubt und mit nicht aufblühenden Miniknospen, stagnieren sie vor sich hin, verweigern Längenwachstum und wollen damit noch mehr Zuwendung erheischen.

Das Drohen mittels neuer, ausgesprochen prächtiger Duftrosen von exaltierten Züchtern quittierten sie mit einem schmallippigen "pfff" und ließen diesen Versuch zu einer pädagogischen Sackgasse verkommen. Seither ist Sendepause, und das kommende Frühjahr wird ja zeigen, ob sie neue Pracht dem modernden Kompost vorziehen werden. Dasselbe gilt natürlich auch für die Clematen, die sich ein Jahr lang mit den Rosen solidarisch zeigten. Wir werden ja sehen, wer am längeren Ast sitzt. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 09.03.2012)

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