Minardi spaltet die Königsklasse

15. Juni 2003, 12:40
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Heftige Diskussionen nach der Ankündigung die Zusage für die Regeländerungen zurückzuziehen - Ecclestone greift Minardi unter die Arme

Montreal - Der beinharte Überlebenskampf des kleinsten und finanzschwächsten Rennstalls gegen die übermächtigen Werksteams hat zu einer neuen Zerreißprobe in der Formel 1 geführt. Die Ankündigung von Minardi-Besitzer Paul Stoddart, seine Zusage für technische Regeländerungen in dieser und der kommenden Saison wieder zurückzunehmen, löste vor dem Grand Prix von Kanada ein sportpolitisches Erdbeben aus. "Ich war dazu gezwungen, weil die im Jänner versprochenen Gelder aus einem Hilfsfonds ausgeblieben sind", begründete der Australier seinen Vorstoß.

Teamchefsitzungen am laufenden Band

Stoddarts Schritt sorgte in Montreal hinter den Kulissen für heftige Diskussionen, Hektik und Teamchefsitzungen am laufenden Band. Aber auch öffentlich gerieten sich die Kontrahenten in die Haare. Bei einer Pressekonferenz beschuldigten sich der Minardi-Mann, McLaren-Mercedes-Teamchef Ron Dennis und Eddie Jordan gegenseitig, Tatsachen zu verdrehen, Halbwahrheiten zu verbreiten und dem kriselnden Grand-Prix-Sport zu schaden.

Schlammschlacht möglich

"Ich möchte das Niveau nicht noch weiter absenken, aber ich schwöre bei Gott, ich könnte, wenn ich wollte", stellte der mit einem dicken Aktenordner als Beweismittel bewaffnete Australier klar, dass sich der Konflikt zu einer Schlammschlacht ausweiten könnte. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, der das Theater im Hintergrund amüsiert beobachtete, meinte nur: "Ich könnte ja die Wahrheit sagen."

Vier Millionen von Bernie

Mit seiner Solo-Attacke hat Stoddart zumindest einen Teilerfolg erzielt. Ecclestone schießt dem Minardi-Chef Geld aus seiner Privatschatulle zu. Die Rede ist von vier Millionen Dollar (3,4 Mio. Euro). Der Australier bestätigte nur: "Ecclestone ist mein passiver Investor, das ist gut für mich. Dieser Deal ist per Handschlag mit Bernie besiegelt worden."

Versprechungen nicht eingehalten

Stoddart gab zu, er sei über sein, die neun anderen Teambosse kalt erwischendes Vorgehen keineswegs stolz: "Ich glaube sogar, dass es für die Formel 1 komplett falsch ist, aber leider machen manche Teamchefs Versprechungen, gehen Verpflichtungen ein und unterschreiben sogar Verträge, die sie dann nicht einhalten."

Streit um Arrows-Gelder

Der Streitfall ist komplex und kompliziert; der wahre Hintergrund ist ausschließlich den Beteiligten bekannt, die davon nur preisgeben, was ihrer eigenen Machtposition dient. Klar und von allen unbestritten ist, dass sich die zehn Teamchefs am 15. Jänner in London darauf geeinigt haben, auf Initiative Dennis' einen Hilfsfonds einzurichten. Dieser sollte größtenteils aus dem Geld gespeist werden, das dem im Vorjahr in Konkurs gegangenen Arrows-Team aus dem Vermarktungstopf der Formel 1 eigentlich zugestanden hätte.

Notleidende Teams unterstützen

Aus diesem Fonds sollten die beiden am meisten Not leidenden Rennställe Minardi und Jordan unterstützt werden, um leichter überleben zu können. Ecclestone hatte angekündigt, unter bestimmten Bedingungen den gleichen Betrag draufzulegen.

Minardi mit einem Mini-Etat von unter 30 Millionen (25,5 Mio. Euro) und Jordan mit schätzungsweise 50 Millionen Dollar (42,5 Mio. Euro) sind den mit zwischen 300 (255 Mio. Euro) und knapp 400 Millionen (340 Mio. Euro) operierenden Werksteams hoffnungslos unterlegen. Schon die Kosten für die Kundenmotoren (20 bis 25 Millionen Dollar) treiben die beiden "Finanzzwerge" an den Rand des Ruins. Deshalb sollen die Hersteller von 2004 an den Privatiers Triebwerke für zehn Millionen Dollar (8,51 Mio. Euro) anbieten. Auch dies war Bestandteil der Übereinkunft.

Dennis will kein Wohltäter sein

Laut Stoddart sollten Minardi und Jordan je acht Millionen Dollar (6,81 Mio. Euro) erhalten, worauf ihm Dennis vorwarf, seine Rechnung stimme nicht. Der Brite sprach sich generell für eine Unterstützung und Beibehaltung von zehn Teams aus, sah sich in dem "harten Sport" aber auch nicht als Wohltäter. "Wir haben keine Armenspeisung", stellte Dennis klar, dass Solidarität ihre Grenzen und ihren politischen Preis habe. "Wenn man die Hitze nicht erträgt, muss man die Küche verlassen."

Jordan aalglatt

Eddie Jordan hat aus den ungleichen Kräfteverhältnissen die Konsequenz gezogen, sich bei den Großen mit einer aalglatten Anpassungsstrategie einzuschmeicheln und seinen Leidensgenossen Stoddart den Kampf alleine führen zu lassen. "Ron sollte Applaus bekommen und nicht gescholten werden", lobte der Ire Dennis. Er spekuliert vielleicht sogar darauf, im Fall eines Minardi-Ablebens das ganze Geld aus dem Hilfstopf zu erben. (APA/dpa/Reuters)

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    Jos Verstappen im Minardi

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