Reich, mächtig und geil

13. Juni 2003, 21:01
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Skandal in Portugal wächst sich zum Polit- und Justizskandal aus - Mehr als 100 Zöglinge eines Hilfswerks sollen sexuell missbraucht worden sein

Lissabon - Carlos Cruz, der beliebteste Fernsehpräsentator Portugals, Aushängeschild der Euroeinführung und der Fußball-EM 2004, sitzt seit mehr als vier Monaten in U-Haft. Der für seine Integrität und Brillanz bekannte Dauphin der Sozialistischen Partei (PS), Paulo Pedroso, wurde am 21. Mai verhaftet. Der Spaßmacher der Nation, Herman José, steht unter Hausarrest. Unter Verdacht stehen ein ehemaliger Botschafter, ein bekannter Arzt, ein Anwalt und ein Heimleiter. Sie alle sollen Kinderschänder sein. Alle beteuern ihre Unschuld.

Gemunkel Anfang der 80er-Jahre

Seit Anfang der 80er-Jahre war immer wieder über unsaubere Vorgänge mit Zöglingen der "Casa Pia" gemunkelt worden, die in zehn Heimen an die 5000 benachteiligte Kinder betreut. Die Untersuchungen verliefen regelmäßig im Sand. Erst als ein ehemaliger "Casa Pia"-Schüler, der inzwischen als Anwalt arbeitet, im November an die Medien ging, konnte der Skandal nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden.

Ein "Bibi" genannter Heimangestellter wurde des sexuellen Missbrauchs in 35 Fällen und der Vermittlung Minderjähriger angeklagt.

Besonders aber der Fall des 38-jährigen Bilderbuchpolitikers Paulo Pedroso, der als Premierminister einer künftigen sozialistischen Regierung gehandelt wurde, wirft Fragen auf. Vor der Machtübernahme der bürgerlichen Sozialdemokraten (PSD) im März letzten Jahres war er Staatssekretär für Arbeit und Berufsausbildung und dann Sozialminister gewesen. Seither galt er als zweiter Mann hinter Parteipräsident Ferro Rodrigues und war Sprecher seiner Partei.

Ein Foto als Beweis

Als sein Name im Zusammenhang mit dem "Casa Pia"-Skandal auftauchte, verlangte er die Aufhebung seiner Immunität, um seine Unschuld beweisen zu können. Doch nach einem 13-stündigen Verhör stand er als Angeklagter in 15 Missbrauchsfällen da. Zwei Schüler wollen ihn auf einem Foto als Besucher eines Hauses erkannt haben, wo, laut Anklage, in den Jahren 1999 und 2000 Orgien mit "Casa Pia"-Kindern gefeiert wurden.

Dass sich die Untersuchungsbehörden zudem auf Aufzeichnungen abgehörter Mobilfunkgespräche zwischen hohen PS-Vertretern stützten, ließ die Sozialisten eine Hexenjagd riechen. Sie protestierten, Pedroso und mit ihm der ganze PS, seien Opfer eines Komplotts geworden.

Stammtischthema

Seit einem halben Jahr ist der "Casa Pia"-Skandal das Medien- und Stammtischthema. Das schwierige Wort "pedofilia" kommt inzwischen jedem Kindergartenkind problemlos über die Lippen. Niemand zweifelt daran, dass weitere Verhaftungen bevorstehen, der Richter stützt diese Annahmen.

Was die portugiesische Welt im Innersten zusammenhält, TV-Lieblinge, die Justiz, die Moral, die Politik, bröckelt. (Susanne Rindlisbacher aus Lissabon, DER STANDARD Printausgabe 14/15.6.2003)

Mehr als 100 Zöglinge des altehrwürdigen staatlichen portugiesischen Hilfswerks "Casa Pia" sollen in den letzten drei Jahrzehnten sexuell missbraucht worden sein. Der Fall eines Kinderheimangestellten wächst sich zum Polit- und Justizskandal aus.
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