Urlaubsalbtraum Mittelmeer

24. Oktober 2003, 11:19
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Forscher warnen vor Folgen des Klimawandels für Tourismus

Glühend heißer Sand, der die Fußsohlen versengt, brütende Hitze, die über einer ausgedörrten Landschaft lastet, und eine Lebensmittelvergiftung, weil das Fleisch zu lange offen gelegen ist. Diese eher schwer vermarktbare Vision eines Urlaubs am Mittelmeer könnte in einigen Jahren Realität werden, sind Experten überzeugt. Denn der Klimawandel betrifft auch diese Region besonders.

Bei der Welt-Tourismus-Organisation (WTO) in Madrid ist man sich dieses Problems bewusst. Im April tagte in Tunesien eine Konferenz zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den Tourismus. Die Kernaussagen für das Mittelmeer: Alle zehn Jahre wird es um 0,3 bis 0,7 Grad heißer, die Zahl der Tage mit über 40 Grad wird zunehmen und die sommerliche Regenmenge um 15 Prozent sinken.

Was auf den ersten Blick wie der Traum eines Sonnenanbeters aussieht, könnte für die Tourismuswirtschaft der betroffenen Länder aber verheerende Folgen haben. "Für Urlauber aus Mittel- und Nordeuropa könnte es zu heiß werden. Da auch in ihren Heimatländern die Temperatur durch den Klimawandel steigen wird, könnten sie das Mittelmeer als Destination streichen und zu Hause urlauben", erklärt der Klimaforscher David Viner von der britischen University of East Anglia.

Denn nicht nur die Hitze selbst macht den Strandurlaub unattraktiv. Steigende Gefahr von Lebensmittelvergiftungen durch falsche Lagerung, Wasserrationierungen und das beispielsweise höhere Malariarisiko tragen ebenfalls nicht zur Erholung bei.

Dazu kommt der Anstieg des Meeresspiegels. Bis zu 30 Zentimeter könnte er im Mittelmeer betragen, wurde mittels Computermodellen berechnet. Genug, um Strände zu erodieren und küstennahe Ebenen bei Sturmfluten regelmäßig unter Wasser zu setzen. Das Gegensteuern sei aber nicht einfach, fürchtet Viner.

"Das Problem dabei ist, dass viele Urlaubsgebiete die Sache als weit entferntes Problem betrachten, weil es erst in 50 Jahren wirklich spürbar wird." Tatsächlich sieht eine WTO-Prognose bis 2020 für den Mittelmeerraum noch beinahe eine Verdreifachung der Touristenzahlen auf 346 Millionen Menschen. Die Folge werden noch mehr Bettenburgen sein, die im Jahr 2060 dann leer stehen könnten.

Viner weist aber auch auf die Wechselwirkung zwischen Tourismus und Klimawandel hin. Denn die Blechlawinen, die sich im Sommer an die Küsten schlängeln, tragen durch ihre Abgase ebenso zur globalen Erwärmung bei wie die Charter-Jets, die fast im Minutentakt auf diversen Inseln landen. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.6. 2003)

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