Auf der Spur kreuzreaktiver Eiweiße

13. Juni 2003, 20:21
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Erforschung von Proteinen mit komplexer Zuckerstruktur in Wien

Nach über einem Jahrzehnt hektischer Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der Genomik stehen mittlerweile verstärkt die Proteine im Brennpunkt des weltweiten wissenschaftlichen Interesses. Proteine (Eiweißkörper) sind Produkte von Genen, deren Art und Menge die Zellfunktion maßgeblich beeinflussen. Da sie bei vielen Krankheiten eine wesentliche Rolle spielen, erhofft man sich durch ihre Analyse eine gravierende Verbesserung der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten - das ALBUM berichtete.

Den geschätzten 30.000 bis 45.000 Genen stehen rund 100.000 Proteine (zählt man ihre Modifikationen dazu, kommt man auf eine Million) gegenüber. Weltweit - allen voran die USA und Dänemark - bemüht man sich um die Einrichtung entsprechender Forschungszentren für "Proteomik", deren Arbeit unmittelbar an die Ergebnisse der Genforschung anschließt. Um auch in Österreich der Proteinforschung die nötige Basis zu geben, wurde nicht nur eine entsprechende Plattform ins Leben gerufen, sondern es wurden auch vom Rat für Forschung und Entwicklung, im Wissenschaftsministerium angesiedelt, die Mittel für die technische Grundausrüstung zur Verfügung gestellt.

So wurde etwa an der Universität für Bodenkultur in Wien ein Gerät mit dem etwas sperrigen Namen "Waters-Micromass Q-TOF Global LC-MS/MS System" eingeweiht, mit dem die Analyse von Proteinen auf dem neuesten technischen Stand durchgeführt werden kann. "Der erste Schritt bei der Analyse ist die Isolierung der Tausenden Proteine einer Zelle", erklärt Friedrich Altmann, Leiter der Arbeitsgruppe Glykobiologie an der Boku.

"Mithilfe der Elektrophorese können wir jedes Protein als kleines Pünktchen darstellen. Dieses wird mit dem neuen Gerät anschließend vermessen und identifiziert." Das besondere Interesse der Boku-Forscher gilt aber "Glyko-Proteinen" - also Proteinen, die zusätzlich zu Aminosäuren auch komplexe Zuckerstrukturen enthalten - und der Entwicklung neuer Methoden, um diese Zuckeranhängsel präzise zu analysieren. Die Protein-Glykosilierung spielt etwa eine erst kürzlich erkannte Rolle bei der allergenen Kreuzreaktivität (also der oft scheinbaren Reaktion auf alle möglichen Allergene), Fehler in der Protein-Glykosilierung können aber auch die Ursache unterschiedlichster genetischer Erkrankungen sein. Auch die Wirksamkeit und Verträglichkeit biotechnologischer Heilmittel wird von der Protein-Glykosilierung maßgeblich beeinflusst.

Mit ihrem seit Jahren erarbeiteten Know-how über Glyko-Proteine und dem neuen 900.000-Euro-Gerät besetzt die Wiener Forschergruppe eine Nische in der äußert bewegten internationalen Protein-Forschungsszene, von der nicht nur Impulse für innovative Therapie- und Diagnoseverfahren ausgehen könnten. "Auch die biotechnologische Industrie", so Altmann, "darf sich von unserer Arbeit Problemlösungen, etwa bei der Herstellung von Glyko-Proteinen, erwarten." (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.6. 2003)

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