Michel Friedman, der omnipräsente Mann, lernte jetzt zu schweigen

13. Juni 2003, 20:24
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Ein polyglotter Provokateur auf vielen Bühnen

Michel Friedman polarisiert und provoziert wie kaum ein anderer, der auf Deutschlands öffentlichen Bühnen präsent ist. Manche halten den 47-Jährigen für einen Wortgewaltigen, der sich von seinen Gesprächspartnern nicht mit einfachen Antworten abspeisen lässt, andere bezeichnen ihn als arroganten Schnösel.

Spätestens seit er sich mit dem damaligen Vizeparteichef der FDP, dem in der Vorwoche bei einem Fallschirmsprung ums Leben gekommenen Jürgen Möllemann, über Wochen heftige verbale Auseinandersetzungen über den Antisemitismus lieferte, ist Friedman einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Dass ein Dauertalker wie er plötzlich schweigt, überrascht viele.

Dies ist eine neue Rolle für einen omnipräsenten Mann: Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Präsident des Europäischen Zentralrats, Moderator einer nach ihm benannten ARD-Talk- show, CDU-Politiker und - gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der TV-Talkerin Bärbel Schäfer - "Nummer eins der Partyelite", so die Illustrierte Bunte.

Sein Schweigen sahen viele als Bestätigung, noch ehe sich der Verdacht des Kokainmissbrauchs durch Analysen von Päckchen, die bei dem 47-Jährigen gefunden wurden, erhärtet hatte. Nach Einschätzung von Branchenkollegen dürfte die TV-Sendung "Friedman" am Mittwoch, die kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe ausgestrahlt wurde und bei der sich der Moderator nichts anmerken ließ, die letzte gewesen sein.

Bevor er eine eigene Fernsehsendung bekam, war Friedman selbst gerne - und gern gesehener - Gast in Talkshows. Der stets tipptopp gekleidete und mit Pomade im Haar auftretende Friedman hatte keine Scheu zu erzählen, dass er als Mann eine Kosmetikerin aufsucht und sich Maniküre leistet.

Sich einzumischen hat Friedman, so sagt er, daheim gelernt. Seine polnisch-jüdischen Eltern wurden durch Oskar Schindler vor der Ermordung im KZ Auschwitz gerettet. Michel wurde 1956 in Paris geboren.

Als Mischu, wie ihn Freunde nennen, neun Jahr alt war, übersiedelten seine Eltern mit ihrem Pelzgeschäft nach Frankfurt am Main. Im Elternhaus wurde Deutsch, Französisch, Polnisch und Jiddisch gesprochen. Mit zwölf Jahren begann sich Friedman im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde zu engagieren. Holocaust, Judenhass, Ausgrenzung einer Minderheit, all das sind die Themen des promovierten Juristen geworden.

Riga, Tel Aviv, Ankara, Frankfurt, Wien, wo er sich für die in Finanznot geratene Israelitische Kultusgemeinde einsetzte, waren seine Stationen in der Vorwoche. Fragen, wie er so ein Pensum bewältige, beantwortet Friedman stets gleich: nie einen Tropfen trinken, ins Sportstudio gehen und im Flugzeug schlafen. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2003)

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    foto: reuters/heinz-peter bader
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