Von den Bedeutungen des Geschlechts

14. Juni 2003, 10:00
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Andrea Griesebner freundet sich mit Forschungsobjekten an

Das war schon immer so, das wirst auch du nicht ändern", bekam die Historikerin Andrea Griesebner als Kind jedes Mal zu hören, wenn sie, aufgewachsen im steirischen Ennstal, wieder einmal eine elterliche Verhaltensregel nicht einsehen wollte. Die Neugierde, ob es wirklich schon immer so war, motivierte die heute 39-jährige außerordentliche Professorin der Uni Wien nicht nur zum Geschichtestudium, sondern auch zur intensiven Beschäftigung mit der Frauen- und Geschlechterforschung: "Im Alter von ungefähr zwölf Jahren wurde das Mädchensein auf einmal zum Thema", erinnert sie sich. "Plötzlich musste ich am Abend früher nach Hause gehen als die gleichaltrigen oder sogar die jüngeren Buben der Nachbarschaft." Und wieder die Begründung: "Das ist nun mal so."

Bis Andrea Griesebner dieser Aussage auf den Grund gehen konnte, dauerte es aber noch einige Jahre: Denn als sie Anfang der Achtzigerjahre ihr Geschichtestudium begann, tauchten Lehrveranstaltungen zu Fragen der Geschlechterdifferenz nur als "vereinzelte Kontrapunkte zur traditionellen politischen Geschichte auf". Grund genug für Griesebner, sich als Studienrichtungsvertreterin für feministische Lehrveranstaltungen zu engagieren. Mit einer Studie, die sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Anette Baldauf zur Verankerung der Frauenforschung an anderen europäischen Universitäten durchführte, legte sie einen Grundstein für die interuniversitäre Koordinationsstelle an der Uni Wien.

Als Griesebner 1992 als Assistentin am Institut für Geschichte begann, verlagerte sie ihren Forschungsschwerpunkt von der Zeitgeschichte in das 17. und 18. Jahrhundert. In eine Zeit also, in der das Alter, der soziale und zivile Stand oder auch der Leumund eines Menschen mindestens genauso wichtig waren wie das Geschlecht. Nachgewiesen hat die Historikerin diese - verglichen mit heute - geringere Bedeutung von Geschlecht durch die Analyse von Gerichtsprozessen: Drei Jahre lang dauerte die Bearbeitung der Dokumente des Landgerichts Perchtoldsdorf, das einen lückenlosen Bestand von "Malefizakten" aus dem 18. Jahrhundert hat.

Die Identifikation mit den handelnden Personen ging so weit, dass Andrea Griesebner auch heute, drei Jahre nach Abschluss ihrer Studie, von "meinen Angeklagten" spricht. Einige der Delinquenten hätten sie sehr fasziniert. Vor allem jene Frauen und Männer, die großes Selbstbewusstsein im Umgang mit dem Gericht an den Tag legten.

"Durch die Geschichtswissenschaft kann man sehen lernen, dass vieles, was heute als natürlich erscheint, das Ergebnis historischer Kämpfe ist", erklärt Griesebner. Dass auf ähnliche Fragen "in anderen Gesellschaften oft andere Antworten gefunden werden", motivierte sie früher gemeinsam mit ihrem "Quasi-Ehemann" - sie lebt seit 18 Jahren mit ihrem Lebenspartner zusammen - zu ausgedehnten Asienreisen. Heute beschränken sich ihre Hobbys auf Bücher und seltene Kinobesuche. Das vergangene Jahr verbrachte sie als Gastprofessorin an der Uni Georgetown in Washington. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.6. 2003)

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