Neulatein als Basis "europäischer Geistigkeit"

14. Juni 2003, 12:00
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Innsbrucker Philologen dokumentieren die bisher unbekannte Literatur Tausender Autoren im Alttiroler Raum

Innsbruck - Da gibt es viele Autoren, die in neulateinischer Sprache ihr Wissen zu Papier gebracht haben - doch kaum jemand weiß davon. Diesen Umstand beenden nun Philologen der Innsbrucker Universität. Karlheinz Töchterle, Vorstand des Instituts für Klassische Philologie, sieht in den Schriften einen "Riesenschatz", der geborgen werden soll. Wie hoch die Zahl derer ist, die in Neulatein Predigtbücher, Gedichte oder Prosa verfasst haben, ist kaum abschätzbar. Töchterle geht von "gigantischen Beständen" und bis zu "Hunderttausenden, auch weniger bedeutenden, Autoren" aus.

Die Sprache benützte man in der letzten Epoche der Lateinliteratur Europas (ab Mitte des 14. Jhdt.). Der Dichter und Humanist Petrarca ist einer der Autoren dieser Zeit. Durch das Aufkommen der Nationalliteraturen verfiel das Neulatein allmählich.

Im Forschungsprojekt "Tyrolis latina" hat ein zehnköpfiges Team die Arbeiten von 2185 Alttiroler Autoren aufgestöbert. Vor allem das Tiroler Landesmuseum und Klöster hatten die bisher dokumentierten 6200 Texte in ihren Beständen. Dokumente und Daten der ersten 100 identifizierten Autoren wurden nun im Internet veröffentlicht.

Am Ende des bis 2005 anberaumten Projekts wird ein Nachschlagewerk stehen, das die gesamte neulateinische Literatur Tirols beschreibt. Es werden sich Namen wie Adrian Kempter (Mönch, siehe Faksimile) und Johannes Hinderbach (Bischof und Rechtsgelehrter) darin finden. Oder jener von Grammaticus Nicasius. Der Jesuit wurde 1684 in Trient geboren und war Astronom, Mathematiker und Gelehrter für Hebräisch.

Für Latinist Töchterle liegt in dem Wissen dieser Gelehrten die "europäische Geistigkeit" begraben - und sie gehöre bewahrt. "Jeder, der damals gelesen werden wollte, hat sich in Neulatein ausgedrückt". Erst in einem Folgeprojekt könne man sich mit Textinhalten beschäftigen. Bisher konnten nur vereinzelt Analysen gemacht werden. Nebeneffekt: Man arbeite mit der Erfassung dieser Wissenschaftsgeschichte auch Medizinern, Rechts-, Religions-und Naturwissenschaftern zu.

Dass die Geschichte des Neulatein in Tirol erhoben wird, habe nichts damit zu tun, dass dort die Sprache besonders intensiv gesprochen worden wäre, erklärt Florian Schaffenrath, wissenschaftlicher Mitarbeiter. Vielmehr haben die Philologen eine historisch begründete Auswahl getroffen. Der "Alttiroler Raum" - Trentino, Nord- und Südtirol - war ab der Regentschaft Meinhards II. bis zum Ersten Weltkrieg eine geografische und politische Einheit. Innerhalb dieser werden Texte in 17 Gattungen gegliedert; beispielsweise unter "Dichtung", "Theater", "Rhetorik", "Musik" oder "Recht" erfasst. Bemerkbar im Output der damaligen Gelehrten war die Gründung der Universität Innsbruck 1669. Schaffenrath belegt, dass die Zahl der Texte ab dem Zeitpunkt - erwartbar - massiv gestiegen ist.

Für Töchterle und Schaffenrath ist es dringlich, dass das Wissen der Neulateiner dokumentiert wird. Sie fürchten, dass mit der Infragestellung des Latein als Schulfach bald kein Nachwuchs mehr da sein wird, der derlei Texte lesen kann. Ihr Inhalt wäre verloren. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.6. 2003)

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