Wenn zwei uneins sind

13. Juni 2003, 19:44
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Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Die Mitteilung dieses Willens an andere jedoch gestaltet sich oft schwierig und endet bisweilen in wenig himmlischen Missverständnissen und Zwistigkeiten. Die beteiligten Emotionen geben dem weiteren Ablauf einen eigenen Dreh, für gewöhnlich werden sie jedoch in elysische Bereiche abgedrängt und dürfen auf keinen Fall als willens(mit)gestaltend entdeckt werden.

Die Mediation, eine Form des Konfliktmanagements, bei der ein unbeteiligter Dritter (MediatorIn) zwischen den Parteien eine selbstverantwortlich erarbeitete, faire und rechtsverbindliche Lösung vermittelt, gibt den Emotionen jenen Raum, den sie benötigen. Zumeist kumulieren sich alte Konflikte und damit verbundene Emotionen zu wahren Verhandlungshürden, die - mithilfe eines Dritten - erst abgebaut werden müssen, um den Blick auf die grundlegende Problemstellung freizulegen.

Mediation ist nichts Neues. Das Konzept einer allparteilich zwischen (mindestens) zwei Parteien vermittelnden Person findet sich bei Konfuzius genauso wie in biblischen Texten. Auch die UNO hat Mediation in Artikel 33 der Charta verankert.

Die derzeitige Welle der Begeisterung für die Mediation entspringt zum einem dem Wunsch nach einer Neuorientierung der Streitkultur und zum anderen einer spezifisch juristischen Anwendungsform, die in den Vereinigten Staaten ihren Ursprung hat.

Die Streitkultur hat Konflikte zu einem Wettkampf mutiert, in dem man gewinnt oder verliert, und wenn man sich des Sieges nicht sicher ist - was oft angenommen wird -, geht man dem Konflikt aus dem Weg. Unausgetragene Konflikte sind ein Panoptikum an Emotionen, Ängsten und anderen Gefühlslagen, die unter dem Mantel des Schweigens vor sich hingären. Schätzungen zufolge werden in manchen Betrieben bis zu 60 Prozent der Arbeitskraft an "brodelnde" Konflikte gebunden. Aber Missverständnisse gibt es nicht nur am Arbeitsplatz, sie durchziehen das gesamte Spektrum der Lebensbereiche - die Mediation folgt den kommunikativen Schauplätzen auch in die entlegensten Winkel.

Die Beziehung zwischen zwei Unternehmen kann durch ein kleines Missverständnis - das sich gleich einer Lawine rasant und unaufhaltsam vergrößert - nachhaltig gestört werden. In der Baubranche z. B. wird Mediation sinnvoll dort eingesetzt, wo der Bauherr überhöhte Qualitätsforderungen stellt und der Ausführende dem Preis angemessene Arbeit geliefert hat. Großbaustellen, die - bei eskalierenden Kosten - aufgrund eines Konflikts gleich mehrere Wochen stillstehen können, sind vielfach zum Schauplatz von Mediation geworden. Neuerdings ist sie in der Baubranche teilweise vertraglich - als Vorstufe zu einem Schiedsgerichts- oder Gerichtsverfahren - vorgesehen. Das drängt zwar die in der Mediation geforderte Freiwilligkeit zurück, zeigt jedoch gleichzeitig die Tendenz sehr gut auf. Die in Mediationsseminaren erlernten Techniken werden selten in ihrer "puren" Form angewendet, dafür wird die Kommunikation vielfach geändert, um Missverständnisse präventiv zu verhindern.
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"Die Grenze zwischen Moderation und Mediation ist fließend", meint der Ziviltechniker Hans Kordina, der mit dem Donauausbau östlich von Wien befasst ist und verschiedene Kommunikationstechniken einbringt, wenn bei Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) Anrainer rot sehen. Die systematische Lärmsanierung in innerstädtischen Wohnvierteln (www.sylvie.at) wiederum zeigt, dass Lärmkonflikte nicht nur technisch, sondern vor allem durch persönliche Gespräche gelöst werden können.

In Österreich ist die Scheidungsmediation die bekannteste Form. Sie wurde mit einem Modellversuch 1993 vorgestellt und wird in der Zwischenzeit flächendeckend - und durch den Familienlastenausgleichsfonds finanziell unterstützt - angeboten. Auf diese Weise lassen sich zum Beispiel die Obsorge für die Kinder, aber auch die Aufteilung des gemeinsamen Vermögens oder die Regelung der Unterhaltszahlungen ausdiskutieren.

Indem die Medianten aufgefordert werden, in der Anfangsphase ihre Befürchtungen offen zu legen, bekommen gleichzeitig die durch die Trennung bedingten Emotionen Raum; wobei der Mediator darauf achtet, dass das ehemalige Paar "nicht in alten Geschichten wühlt, sondern - zukunftsorientiert - gemeinsam eine neue Geschichte schreibt", so die Beraterin Ulrike Gamm.

Nicht alle, aber viele Streitigkeiten haben ihre Wurzel in einer sozialen Beziehungsstörung, die durch ein Gerichtsverfahren verrechtlicht wird. Die prozessierenden Parteien nehmen eine Position ein und verteidigen diese nach allen Regeln der Kunst. Die Entscheidung wird gleichzeitig aus der Hand gegeben und an die Richterin delegiert. In der Mediation wird das Problem den Medianten zur eigenverantwortlichen Regelung "zurückgegeben", statt Konfrontation also Kooperation, statt Streitentscheidung Streitbehandlung. Man gibt die Suche nach dem im Gerichtsverfahren angeblich auffindbaren "objektiven Recht" auf und arbeitet gemeinsam an einer Konsolidierung der Interessen.

Konflikte, die sich hinter rechtlichen Ansprüchen verschanzen, werden thematisiert und transparent gemacht. Die Spaltung zwischen Gesetz und Gefühl wird aufgehoben. Ziel ist nicht der Sieg - der die Niederlage des anderen bedeutet - im Gerichtsverfahren,sondern eine gemeinsame Vereinbarung, mit der sich beide Parteien identifizieren können.

Konstellationen allerdings, in denen eine Partei klar signalisiert, den Konflikt bis zum bitteren (juristischen) Ende austragen zu wollen, sind einer Mediation nicht zugänglich, ebenso Fälle, in denen eine Partei sie schlicht nicht möchte.

Den größten Risiken einer Mediation, der Gefahr von Machtgefällen genauso wie möglicher Manipulation der Beteiligten, kann man nur durch das Vermitteln einer entsprechenden ethischen Haltung in der Ausbildung begegnen, sagt der Mediator Mario Patera. Er hat die Technik als "Veränderungsmanagement" in der juristischen Grundausbildung im Rahmen eines Wahlfachkorbes für Mediation am Wiener Juridicum mitetabliert. Die Institutionalisierung der Mediation ist durch das gerade erlassene Gesetz für Mediation in Zivilrechtssachen vorangeschritten. Die Anerkennung von fachspezifischen MediatorInnen außerhalb der "klassischen" juristischen Anwendungsfelder - WirtschaftstreuhänderInnen, ZiviltechnikerInnen und SozialarbeiterInnen, um einige exemplarisch zu nennen - zeigt eine Vertiefung des Feldes, die sich auch in der bevorstehenden Gründung des "Dachverbandes Österreichisches Netzwerk für Mediation" widerspiegelt.

Ein Restrisiko bleibt bei jeder Mediation. Eine Möglichkeit, die Gefahr zu bannen, ist die so genannte "Ko-Mediation", bei der ein Psychologe und ein Fachmann das Gespräch bi-disziplinär leiten. Neben der wechselseitigen Kontrolle hat diese Form der Vermittlung vor allem den Vorteil, dass die psychisch-emotionalen und die fachlichen Aspekte gleichzeitig in kompetenten Händen sind.

Wichtig ist die Auswahl eines Mediators, die ethische Grundsätze genauso miteinbeziehen soll wie die selbstkritische Frage nach den eigenen Verhandlungsstärken und -schwächen. Dem viel zitierten "Bauchgefühl" soll bei der Entscheidung entsprechender Einfluss gewährt werden, so Patera.

Betriebe können intern wie extern Schauplatz von Mediation sein. In Österreich sind gerade die mittelständischen Familienbetriebe aufgrund der Fluktuation der Emotionen zwischen der Familie und dem Betrieb ein schwieriges Kommunikationsfeld, in dem ein unbeteiligter Dritter die besten Chancen hat, die Ursprünge von Konflikten aufzuspüren und einzuordnen.

Ein wichtiges Einsatzgebiet für die Erlernung von sachlichen Konfliktlösungsmethoden sind Schulen, nicht nur, aber auch weil die Austragung von persönlichen Problemen immer öfter über eigene und fremde Verletzungen läuft. Für Jugendliche, die straffällig werden, gibt es seit vielen Jahren den so genannten "außergerichtlichen Tatausgleich" (ATA), bei dem in bestimmten Fällen eine Versöhnung zwischen Opfer und Täter durch eine Sozialarbeiterin mediiert wird. (Zum Aspekt der Versöhnung siehe Kasten.) "93,5 Prozent der Geschädigten, die angeben, dass ihr Schaden vollständig wiedergutgemacht wurde, sehen auch den Konflikt gelöst", berichtet der Verein Neustart, der jährlich 10.000 Mediationsfälle im Rahmen des ATA übernimmt.

Ob Scheidung, Mietrechtsstreit oder Tantiemenanspruch: Indem den Parteien die Chance gegeben wird, eine interessengerechte Lösung zu finden, wird ihnen auch die Möglichkeit eröffnet, das Recht - ihr Recht - selbst zu gestalten. Das Rechtsempfinden bzw. das Gefühl, Recht zu "haben", wird dadurch nachhaltig gestärkt. (Siehe auch Gerechtigkeit als messbare Größe, ALBUM vom 7. Juni.) Mediation hat die Erarbeitung einer gemeinsamen Basis für die Zukunft zum Ziel. Erfolgreiche Fälle zeigen, dass durch die Mediation die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit geschaffen wird, statt dass man sich infolge des Gesichtsverlusts im Zuge des Gerichtsverfahrens gar nicht mehr ins Gesicht sehen kann.

Die von der Mediation propagierte Auflösung der Über- und Unterordnung genauso wie das Konzept des aktiven Zuhörens nach Carl Rogers sind alte Hüte, die, einmal aufgesetzt, die Streitkultur auf eine neue Basis stellen sollen. Ob es - wie vom Mediator Stephan Breidenbach angedacht - zu einer "sozialen Transformation" der Kommunikation kommt, muss man abwarten. Die sinnstiftende Auseinandersetzung mit sich selbst und den anderen liegt auf jeden Fall im Trend der Zeit.

Für selbstverantwortliche PförtnerInnen stehen neue Perspektiven im willenstechnischen Himmelreich und auf dem kommunikativen Erdboden in jedem Fall offen. []

Marianne Schulze ist Juristin und lebt in Wien.
Ab August wird sie als Fulbright-Stipendiatin am Center for Civil and Human Rights der Notre Dame University Law School arbeiten.

Dann schlichtet ein Dritter. Und eine Vierte. Und nach Möglichkeit werden sie alle keinen Richter brauchen. Mediation ist zum immer beliebteren Lösungsverfahren geworden, in Streitfragen, die von der Kleinfamilie bis zur Großbaustelle reichen. Marianne Schulze hat mit VermittlerInnen über ihre Branche gesprochen und sich das Umfeld angesehen.
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