Ein Orden für Günter

15. August 2003, 21:07
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Es war ganz bestimmt im März des Orwell-Jahres 1984. Vielleicht sogar gleich am zweiten Tag dieses Monats. Da wurde nämlich der bekannte Grazer Maler Günter Waldorf 60 Jahre alt.

Aus diesem Anlass dekorierte ihn der damalige Landeshauptmann der Steiermark, Josef Krainer II., von den meisten in respektvoller Freundschaftlichkeit "Joschi" genannt, anlässlich einer Feier im forum stadtpark mit einer hohen Auszeichnung - von den meisten in weniger respektvoller Freundschaftlichkeit "Pletschen" genannt.

Doch "Joschis" Geburtstagsgeschenk sollte nicht nur aus der "Pletschen" bestehen. Denn der kunstliebende Landesvater hatte für Waldorf noch ein weiteres Präsent parat:

Den Bau eines Museums der steirischen Moderne, für den sich Waldorf damals ähnlich wie schon ein Vierteljahrhundert zuvor für die Gründung des forums stadtpark - stets wortknapp, aber als ehemaliger steirischer Boxmeister mit umso mehr Nachdruck - einsetzte.

Unnötig zu sagen, dass dieses Museum niemals gebaut wurde. Günter Waldorfs puristisch-radikale Idee wurde sehr bald schon durch mehrere, möglicherweise wohl gemeinte, auf alle Fälle griffig formulierte Zwischenrufe zu Fall gebracht: Wen, so hieß es ungefähr, interessiert schon außerhalb der Steiermark - und letztlich auch im Land selbst - ein Sammelsurium stilistisch und qualitativ unterschiedlicher Bilder, Skulpturen und sonstigem? Obendrein in einer Zeit, in der doch nichts anderes als internationale Spitzenqualität, was immer man darunter auch gemeint haben mochte, angesagt sei.

So mutierte das "Museum der steirischen Moderne" in mehreren, zig Millionen Schilling teuren Planungsphasen (aus denen Waldorf erwartungsgemäß ausgeschlossen war) in fast zwei Jahrzehnten zum nun vor der Eröffnung stehenden Kunsthaus.

Dass man sich eines solchen Museums allerdings nicht zu schämen hätte brauchen, beweist eine Ausstellung in der nördlich der heurigen Kulturhauptstadt gelegenen Burg Rabenstein, wo wichtige Werke der steirischen Moderne bis Oktober ein gar nicht so unkomfortables Asyl fanden.

Bei allem Verständnis für den Frust, den so mancher dieser Asylanten darüber empfinden mag, dass seine Werke für nicht wesentlich genug erachtet werden, um in der Kulturhauptstadt selbst zu figurieren, sei allen eines zum Trost gesagt: Verglichen mit den Komponisten der Steiermark dürfen sie sich durchaus als Glückspilze fühlen.

Dem unbefangenen Beobachter mag es fast scheinen, als sei die Hauptstadt der Kultur über Jahrhunderte hinweg schon längst eine andere Hauptstadt Europas gewesen, nämlich eine Metropole der Gehörlosen, in der wohl gemalt und Die Venus im Pelz geschrieben, aber kein Takt komponiert, geschweige denn gesungen oder musiziert wurde. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2003)

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