Pfahlsitzen, Ringturnen oder den Schritt lüften

13. Juni 2003, 18:54
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Markus Mittringer aus Venedig

Die Venezianer sagen, es wäre noch nie so heiß gewesen wie derzeit. Zumindest nicht, seit Aufzeichnungen über die Temperatur geführt werden. Und auch bei den Besuchern der Premierentage vor der offiziellen Biennale-Eröffnung kann sich keiner an ein derart großes Schwitzen erinnern. Und also tauscht man sich auch mit den Tausenden Kunstsachverständigen aus aller Welt vor allem über das Wetter und nächstgelegene Mineralwasserquellen aus.

Beim exklusiven Dinner für Bruno Gironcoli im noch exklusiveren Hotel des Bains am Lido (der einladende Staatssekretär Franz Morak war eingedenk unserer Pensionen abstimmend ans Parlament in Wien gebunden, das Essen hat aber tadellos funktioniert) hielt es kaum einen Herrn in seinem Sakko, fielen die Binder zu Dutzenden, fächerten die Damen so rabiat, als gelte es, den Geist Thomas Manns aus dem literarisch wertvollen Speisesaal zu vertreiben.

Nicht zu vertreiben sind jedoch Christoph Schlingensiefs Brüder in der Church of Fear, die zwecks Erregung gesteigerter Aufmerksamkeit für all jene, denen alles andere genommen worden ist als ihre Angst, eine International-Pole-Sitting-Wettbewerb-Competition abhalten. Teilnahmslos hocken sie auf ihren Pfählen, und obwohl ein jeder Giardinibesucher unter ihnen durchmuss, hält sich die allgemeine Anteilnahme in Grenzen. Sich anschließen und aktiv mitkämpfen will kaum einer. Und skurrile Inszenierungen wie Pfahlsitzen gibt es nun auch schon wieder seit Jahrzenten auf jeder Kunstveranstaltung.

Heuer zum Beispiel im Pavillon der Tschechischen und der Slowakischen Republik. Dort nimmt einer die (sportlichen) Anstrengungen der ganzen Menschheit auf seine Schultern. Beim Ringturnen gibt es die beliebte, im internen Jargon "Christus" genannte Übung, sich mit seitlich möglichst horizontal abgestreckten Armen in Schwebe zu halten. Nicht an ein stabiles Kreuz genagelt, ist das ungemein anstrengend. Und also dachten sich Kamera Skura & Kunst Fu, sie lassen einen Profi an die heikle Sache ran:

Die Ringe hängen vom Himmel herab, der Erlöser turnt mit unerreichter Ausdauer, hängt reglos und mehr traurig als angestrengt da und bricht alle Rekorde. Das Publikum in der (Videowall-)Arena ringsum spendet tosenden Applaus, schwingt Fahnen, grölt und erfreut sich am Erfolg des Schmerzensmannes.

Gleich daneben ist einer der wenigen Pavillons, die heuer mit Vorsprung ins Rennen um den Goldenen Löwen gehen: einer mit Klimaanlage, im Speziellen der Französische, der diesmal als Pavillon des Amazones läuft. Jean Marc Bustamente hat sich das ausgedacht, die Repräsentationsarchitektur vermittels kleinerer Einbauten in einen intimen Weiheraum für Amazonen die Bustamente in "sorts of no man's land" fotografiert hat. Den Mythos der Amazonen hält er für zeitlos aktuell. Er sieht in ihnen Gleichnisse für die moderne selbstständige Frau, wie auch ganz allgemein den Künstler.

Der Deutsche Pavillon gleich gegenüber ist nicht klimatisiert und dennoch in planmäßigen Intervallen für ein frisches Lüfterl im Schritt gut: Im Gedenken an Martin Kippenberger hat man dort einen weiteren Lüftungsschacht seines weltweiten U-Bahn-Netzes installiert. Und wenn man dann die Garnitur einfahren hört, schnell auf Gitter gestellt, und schon fliegen wieder einmal die Röcke.

Sonderschaugast

Nicht als nationaler Repräsentant, sondern als Teilnehmer der Sonderschau Träume und Konflikte - Die Diktatur des Betrachters kam Pedro Cabrita Reis, seit Mitte der 80er-Jahre international renommierter Portugiesischer Künstler, zu einem Stand in den Giardini: Ein großzügiger Verschlag mit dem Titel absent names bittet nahe der Österreich-Ecke die Betrachter durch eine schmale Tür in ein Inneres voller surrender Neonröhren und fallweisem Vogelgezwitscher zum Nachdenken über verlöschte Präsenz, unabsehbare Lebenswege, das ganze Dasein überhaupt. Innen ist es derart hell, dass die Frage, ob es draußen denn dunkel sei, gleich einmal auf der Zunge brennt. Und - Geheimtipp! - innen ist es derart kalt, dass man von draußen gleich überhaupt nichts mehr wissen will.

Zum Wiederauftauen sei für diese erste Runde erstaunlicherweise gerade der Pavillon Großbritanniens anempfohlen: Dort hat Chris Ofili ein schwüles Boudoir mit schimmernden Gemälden inszeniert, die etwa Afro Love and Envy heißen. Danach ist ein No-Logo-Ingwer-Vodka in Meschgabas Bar bei den Holländern lebensrettend.

www.pedrocabritareis.com

Von der "Kirche der Angst" über Amazonen und schwüle Malerei mit Glitter zur U-Bahn in Richtung Ginger-Vodka: Ein erster Rundgang durch die Giardini zeigt, was Künstler und Besucher im Schweiße ihres Angesichts so alles ertragen müssen.
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