Ein giftiges Bouquet mit süßen Stimmen

13. Juni 2003, 19:20
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"Adriana Lecouvreur" in der Grazer Oper

Graz - Der vergiftete Veilchenstrauß, das eigentliche Corpus Delicti dieses Eifersuchtsdramas, ist so unscheinbar, dass er fürs Publikum optisch kaum wahrnehmbar ist, schon gar nicht "olfaktorisch": Das ist eine der Schwierigkeiten, die vertrackte Handlung der Oper Adriana Lecouvreur von Francesco Ciles mitvollziehbar auf die Bühne zu bringen.

Die von Bremen nach Graz übersiedelte Inszenierung ist das Werk zweier Damen, der Regisseurin Gabriele Rech und der Kostümbildnerin Nicola Reichert, die gemeinsam schon die Grazer Fledermaus erarbeitet hatten, sowie des Bühnenbildners Jean Bauer.

Noch vor dem Auftritt des Dirigenten werden bei offenem Vorhang die Dekorationselemente an Ort und Stelle gebracht. Es gibt später immer wieder offene Verwandlungen der auf Wagen montierten Elemente. Damit umgeht Bauer die Mode des antiillusionistischen Einheitsraums.

Andere Probleme in der szenischen Umsetzung der Handlungsmotive liegen im Austausch von Briefen, vor allem aber in einem angedachten Dreieck, bei dem ein Punkt quasi im Unendlichen liegt: Die Schauspielkollegin und Rivalin der Lecouvreur tritt gar nicht auf. Die Dreiecksgeschichte entwickelt sich erst mit den Intrigen der Fürstin.

Der nach Scribe geformten Oper liegen historische Persönlichkeiten zugrunde, deren Charaktere nach den Bedürfnissen des Theaters verändert wurden. Die Schauspielerin Adrienne Lecouvreur, deren plötzlicher früher Tod zum Gerücht geführt hatte, sie sei vergiftet worden, gab es ebenso wie den Grafen Moritz von Sachsen (Maurizio) oder die ehrgeizige Fürstin Marie-Charlotte de Bouillon.

Der Erfolg war nicht zuletzt der musikalischen Realisierung unter der Leitung von Alexander Livenson zu danken, der das Orchester klangbewusst in allen dynamischen Abstufungen durch die Partitur führte.

Star des Abends war in der Titelrolle Tamar Iveri, deren leuchtender Sopran die Höhen und Tiefen einer weiten Gefühlsskala durchlief. Ihre Gegenspielerin, Claire Powell als Fürstin von Bouillon, entsprach im kraftvollen Singen der willensstarken Frau. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2003)

Von Manfred Blumauer
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