Revolutionsstimmung

13. Juni 2003, 17:48
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Dass die Mullahs die Macht friedlich abgeben werden, ist nicht zu erwarten - von Gudrun Harrer

Im Iran zirkuliert ein neuer Witz: Saddam Hussein ist in Teheran verhaftet worden - er wurde nur erwischt, weil er das Autoradio zu laut laufen ließ. Dahinter versteckt sich die bittere Wahrheit von neuen, in ihrer Absurdität manchmal verzweifelt wirkenden Repressalien des Mullah-Regimes.

Sie heizen die Unruhe im Land nur weiter an. Die täglichen Demonstrationen, auf denen erstmals der Tod des Revolutionsführers gefordert wird - worauf die Todesstrafe steht - werden zwar wie üblich von den Studenten getragen, die jedoch mehr als zuvor auf Sympathien in allen Schichten der Bevölkerung zählen können. Demonstrationen hat es in den vergangenen Jahren immer gegeben, die jetzigen sind fundamental verschieden: Die Menschen rufen nicht mehr nach Reform, das heißt, sie haben auch mit Präsident Mohammed Khatami abgeschlossen, der in ihren Augen unwiderruflich gescheitert ist. Sie wollen einen Wechsel des Systems, das der Iranischen Republik halten sie für nicht reformierbar. Das haben sich die Hardliner selbst zuzuschreiben, die Khatami, der die Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert, nicht den geringsten Raum ließen.

Revolutionsführer Ayatollah Khamenei kann zwar mit einem gewissen Recht behaupten, dass der Protest aus dem Ausland - von den USA - geschürt wird, aber er übersieht, dass die Unzufriedenheit, der Wunsch nach Freiheit, keineswegs von außen kommt, er ist seit langem vorhanden. Am Fall von Kabul und Bagdad haben Iraner und Iranerinnen nun gesehen, dass Regime endlich sind - nach dem Preis fragen sie im Moment nicht, und dass sowohl in Afghanistan als auch im Irak das Experiment noch längst nicht geglückt ist, mag ihnen gar nicht so bewusst sein. Die US-Falken hatten Recht mit der Spekulation, dass der Fall Saddam Husseins die Stagnation in der Region aufbrechen könnte, aber sie pokern weiter hoch. Dass die Mullahs die Macht friedlich abgeben werden, ist nicht zu erwarten. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2003)

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