"Struggle": Mit der Geflügelschere ins volle Hungerdasein

23. Juli 2004, 10:49
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Ruth Maders Spielfilmdebüt "Struggle": ein Ringen und sich Abmühen, ein gleichförmiges Dahinwurschteln

Wien - Struggle: ein Ringen und sich Abmühen, ein gleichförmiges Dahinwurschteln, das nichts von der Glorie großer Kämpfe hat. Im gleichnamigen Film, dem Langfilmdebüt der jungen österreichischen Regisseurin Ruth Mader (Gfrasta, Null Defizit), bezieht sich das zunächst auf einen materiellen Existenzkampf:

Ewa (Aleksandra Justa) kommt samt kleiner Tochter als Erdbeerpflückerin aus Polen nach Österreich. Nach Ablauf dieses Arbeitseinsatzes nutzt sie einen Stopp während der Rückfahrt, um zu bleiben.

Ewa landet in der Folge in Wien am Arbeitsstrich. Sie wird in einer Geflügelfabrik eingesetzt, um die Fleischabfälle zu entsorgen. In einem Lager poliert sie Souvenirkitsch aus aller Herren Länder. Schließlich sitzt sie im Garten eines Einfamilienhauses und schrubbt den Pool. Eine Abfolge von wortlosen Verrichtungen, die über den konkreten Kontext hinaus den manuellen Aspekt, die Gleichförmigkeit der Bewegungen, das stumpfe Funktionieren in den Vordergrund rückt. Dabei jedoch auch Gefahr läuft, allzu schematisch zu werden.

Worum aber kämpfen, wenn man vermeintlich alles hat? Der zweite Protagonist des Filmes verkörpert quasi jene Welt, auf die die sehnsüchtigen Blicke Ewas im Vorbeifahren fallen und zu der sie nur als billige, illegale Arbeitskraft Zutritt hat: propere Behausungen mit gepflegten Vorgärten, durch Zäune sorgsam abgeschirmt.

Doch auch hinter diesen Zäunen geht das Ringen offensichtlich weiter. Eine Leere des Daseins wird dort in kargen Innenräumen situiert: Marold (Gottfried Breitfuß), Immobilienmakler und geschieden, sitzt in seiner blitzblanken Küche traurig vorm Kaffeehäferl. So ein Leben, sagt der Film, ist entfremdet bis in den Bereich der Sexualität (im Swingerclub oder bei konspirativen S/M-Ritualen), die ohne erkennbaren Lustgewinn nur als eine Fortsetzung von jenen Routinen erscheint, die auch das Arbeitsleben prägen.

Leider wirkt die Erzählung auf diese Behauptung hin konstruiert. Die Figuren sind weniger als Individuen denn als Funktionen gefragt - inwieweit sie sich der ausweglosen Lage bewusst sind, bleibt unklar. Die Conclusio des Films - dass es aus diesem Struggle kein Entrinnen gibt - scheint dagegen bald festzustehen.

Bereits der erste Teil zeugt in dieser Hinsicht von einem gewissen Determinismus und weist gewisse Mängel auf: Wo etwa bleibt Ewas Tochter? Es wirkt fast so, als habe sie der Film, nachdem sie ihre konnotative Funktion ausreichend erfüllt hat, ins Off entlassen.

Mit dem Auftauchen Marolds (und dem vorübergehenden Verschwinden Ewas aus dem Film) wird dann endgültig nichts mehr aus Beobachtungen entwickelt, sondern nur noch ein pessimistisches Klischee ans andere gereiht. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2003)

Von Isabella Reicher

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