"Osteuropäer werden verstärkt auch westliche Firmen kaufen"

13. Juni 2003, 17:59
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"Fast unbemerkt vom Westen" entstehen derzeit sehr schlagkräftige Konzerne in Osteuropa, die verstärkt auch in der EU Firmen akquirieren werden, meint Raiffeisen-Investmentbanker Heinz Sernetz

Wien - "Osteuropäische Firmen werden bald auch in Österreich anklopfen", ist Heinz Sernetz, Vorstandsmitglied bei der Raiffeisen Investment AG (RIAG) überzeugt. Sein Haus sei beispielsweise schon bei einem Deal in der Lebensmittelbranche involviert, wobei ein Osteuropäer hierzulande akquirieren will - Namen nennt er naturgemäß keine.

Am umtriebigsten als Käufer unterwegs seien derzeit russische Firmen: Sowohl auf dem Heimmarkt, wo sie den westlichen Firmen längst das Heft aus der Hand genommen hätten, wenn es um weitere Konsolidierungen geht, als auch in der gesamten Region: "Bei 28 Prozent der Transaktionen ist ein Russe involviert - als Käufer oder Verkäufer", zitiert Sernetz im Standard-Gespräch aktuelle Statistiken.

Vor allem in der Ölbranche seien Moskau und St. Petersburg aktiv, es stehe nämlich die Privatisierung der noch staatlichen Mineralölunter nehmen in ganz Südosteuropa im Laufe der kommenden Monate an. Ein Beispiel dafür wie berichtet die kroatische INA. Sollten einmal auch Anteile der OMV zum Verkauf stehen- was laut ÖIAG-Privatisierungsplan derzeit nicht der Fall ist - könne man davon ausgehen, dass russische Ölriesen wie Yukos/Sibneft; Rosneft oder Lukoil ernsthaft Interesse zeigen würden. Hintergrund: Die russischen Ölfirmen schwimmen allesamt dank des Höhenflugs der Rohölpreise der vergangenen Monate in Petrodollars.

Osteuropäische Käufer

Dass die osteuropäischen Firmen vermehrt in ihren eigenen Märkten zukaufen und das eineinhalb Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht mehr den Westlern überlassen, zeige sich daran, dass 63 Prozent der Merger-&-Acquisition- Transaktionen (M&A) im Vorjahr inländischer Natur waren. "Vor kurzem waren es noch unter 50 Prozent."

Auch die Kundenstruktur der RIAG habe sich gewandelt: Vor zwei Jahren waren rund zehn Prozent der Kunden aus Osteuropa, derzeit seien es zwischen 25 und 30 Prozent. Bei M&A (deutsch: Fusionen und Übernahmen) sieht Sernetz noch Potenzial, wenn man den Anteil der Aktivitäten am Bruttoinlandsprodukt zwischen den Regionen vergleicht (siehe dazu Grafik).

Die RIAG ist seit zwölf Jahren in sämtlichen Ländern Zentral- und Mitteleuropas tätig, neben Raiffeisen ist aus Österreich noch die CA-IB (Bank Austria Creditanstalt) ähnlich aktiv. Die RIAG hat beispielsweise die größte Transaktion in Rumänien bisher abgewickelt, den Verkauf des riesigen Stahlwerks Sidex an den indischen LNM/Ispat- Konzern. Derzeit ist auch die Privatisierungsoffensive Serbiens Schwerpunkt.

Sernetz' Ausblick: "In drei Jahren wird die industrielle Struktur in Osteuropa völlig anders aussehen als heute. Und die westlichen Unternehmen inklusive der Österreicher stoßen tendenziell an ihre Grenzen." (Leo Szemeliker, Der Standard, Printausgabe, 14.06.2003)

  • Konzerne wie etwa die russische Lukoil wertet Sernetz als potentielle Käufer im Westen
    foto: epa/kochetkov

    Konzerne wie etwa die russische Lukoil wertet Sernetz als potentielle Käufer im Westen

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