"Die Seele der Hamas":
Scheich Yassin

13. Juni 2003, 15:12
8 Postings

Von Ägyptens Moslembruderschaft geprägt - Von Israel wiederholt gegen Arafat und PLO instrumentalisiert

Gaza - Er gilt als die "Seele" der Hamas: Trotz seiner körperlichen Gebrechen ist Scheich Ahmed Yassin eine Schlüsselfigur im unerbittlichen Kampf radikaler Palästinenser gegen Israel. Der seit seiner Kindheit an den Rollstuhl gefesselte Vater von elf Kindern ist fester Bestandteil des fatalen Kreislaufs der Gewalt im Nahen Osten. Jedes Mal, wenn die israelische Armee in den Palästinensergebieten Zivilisten oder Extremisten tötet, meldet sich der Hamas-Gründer zu Wort, um eine blutige Antwort anzukündigen. Nun ist Yassin offenbar ins Fadenkreuz des Militärs gerückt. Nach einem Radiobericht vom Freitag ist er im "Krieg gegen Hamas" eines der Hauptziele der israelischen Armee.

1936 geboren

Geboren wurde der Gründer der "Bewegung des Islamischen Widerstandes" 1936 in der Ortschaft Majdel bei Ashkelon. Sein Heimatdorf wurde 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg von jüdischen Kampfeinheiten dem Erdboden gleichgemacht. Mit seiner Familie flüchtete Yassin in den Gaza-Streifen, wo er seine Schulausbildung abschloss. Trotz seiner physischen Verfassung geht Yassin nach Kairo, um ein Universitätsstudium zu beginnen, das er jedoch wegen mangelnder materieller Mittel abbrechen muss.

In Kairo durch Bewegung "Moslembrüder" geprägt

In der ägyptischen Hauptstadt erhält er seine Prägung durch die Moslembrüder. Die 1928 gegründete Bewegung strebt eine islamische Staats- und Gesellschaftsordnung an und kämpft für die Befreiung von fremden Einflüssen. 1954 lässt Ägyptens neuer Machthaber Gamal Abdel Nasser die Moslembruderschaft verbieten und ihre Anführer ins Gefängnis werfen. In den Siebzigerjahren gründet Yassin eine islamistische Gruppe "Moujama al Islami", die ihre Anhängerschaft vorwiegend unter Jugendlichen im Gaza-Streifen rekrutiert. Israel fördert deren Aktivitäten, da sie sich gegen die Fatah-Bewegung von Yasser Arafat richten.

Gründer der radikalen Gruppe "Majd el Mujaheddin"

Nach dem Sieg der islamischen Revolution im Iran gründet Yassin die radikale Gruppe "Majd el Mujaheddin". 1984 stecken ihn die israelischen Behörden wegen illegalen Waffenbesitzes für ein Jahr ins Gefängnis. Am 14. Dezember 1987 gründet er nach Beginn der ersten Intifada die Hamas - von Israels Geheimdiensten als Gegengewicht zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) unterstützt. Im Mai 1989 wird Yassin von den Israelis verhaftet und die Hamas verboten. Bei seiner Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe verwies er auf die Leiden des jüdischen Volkes im Lauf der Geschichte und sagte: "Heute ist es dieses Volk, das den Palästinensern die gleichen Leiden zufügt." "Die Geschichte wird euch nicht verzeihen, und Gott wird uns alle richten", erklärte Yassin den Richtern.

Yassin kehrte 1997 im Triumph nach Gaza zurück

1997 ließ Israel Yassin nach Jordanien ausfliegen. Der jordanische König Hussein hatte seine Freilassung ultimativ verlangt, nachdem zwei mit gefälschten kanadischen Reisepässen ausgestattete Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad nach einem gescheiterten Versuch, den Hamas-Führer Khaled Mechaal in Amman zu ermorden, von den jordanischen Behörden festgenommen worden waren. Der damalige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu geriet derart in Bedrängnis, dass er unter amerikanischem Druck nachgeben musste. Yassin kehrte im Triumph nach Gaza zurück, wo seine Bewegung mit zahlreichen sozialen Diensten in den Palästinensergebieten viel Sympathie innerhalb der Bevölkerung gewonnen hatte. Ihr Einfluss ist seit Beginn der zweiten Intifada Ende September 2000 noch erheblich gewachsen. Zweimal ließ Arafat den streitbaren kleinen Mann unter Hausarrest stellen. Was ihn bis heute nicht daran gehindert hat, seine Landsleute immer wieder zum kompromisslosen Kampf gegen Israel anzutreiben. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Scheich Ahmed Yassin ist fester Bestandteil des fatalen Kreislaufs der Gewalt im Nahen Osten.

Share if you care.