Wenn sich Ghostwriter an Plagiaten stoßen

  • An jenseitige Kräfte zu appellieren, kann sich sparen, wer gut bei Kasse
 ist: Ghostwriter, bequem buchbar via Internet, erstellen Abhandlungen, 
"während Sie sich anderen Aufgaben widmen".
    montag: der standard

    An jenseitige Kräfte zu appellieren, kann sich sparen, wer gut bei Kasse ist: Ghostwriter, bequem buchbar via Internet, erstellen Abhandlungen, "während Sie sich anderen Aufgaben widmen".

Eine Diplomarbeit für 5000 Euro? Im Internet finden sich zunehmend Angebote für Uni-Arbeiten aus Ghostwriter-Hand - Eine Adresse führt nach Salzburg und zum Chef einer Ghostwriter-Agentur, der gegen Plagiate wettert

Salzburg - Von der Hausarbeit in Vergleichender Literaturwissenschaft bis zur Dissertation in Kernphysik hat das Unternehmen Acad Write alles im Angebot. "Wir verfassen für Sie einen sprachlich und inhaltlich hochwertigen Entwurf Ihrer Masterarbeit, während Sie sich anderen Aufgaben widmen", steht auf der Homepage der Schweizer Ghostwriting-Agentur zu lesen.

Die reale Adresse der österreichischen Zweigstelle von Acad Write führt ins Gewerbegebiet von Salzburg, zum Bürokomplex des Vereins Geschützte Werkstätten. Die Dame am Empfang kennt die Firma nicht. Nach einigen Telefonaten stellt sich heraus, dass es kein Büro von Acad Write gibt, nur ein Postfach. Der Anruf unter der Salzburger Nummer des Unternehmens landet beim Gründer und Geschäftsführer Thomas Nemet. "Ich bin gerade in Zürich", sagt der Deutsche fröhlich und wundert sich, warum schon wieder die Presse am Apparat ist. In Salzburg gebe es kein Büro, nur Besprechungsräume. Meistens aber verkehrt Nemet mit Kunden nur via E-Mail.

Auf eine elektronische Anfrage an Acad Write für das Verfassen einer Diplomarbeit zum Thema "Frauenfiguren im Werk Ödön von Horváths" kommt nur wenige Stunden später eine ausführliche Replik. Wieder ist es Nemet, der antwortet. Er listet die Leistungen der Agentur penibel auf: Zunächst wird beim Bestimmen des Themas geholfen. Dann verfasst ein Ghostwriter die gesamte Arbeit. Abschließend wird sie auf Plagiate überprüft und per E-Mail oder gedruckt und gebunden zugeschickt. Auch der Preis steht fest: 4950 Euro für 90 Seiten. Von einer bloßen Hilfestellung, wie Nemet im Interview meinte, ist in der E-Mail keine Rede mehr.

5000 Aufträge seit 2004

Nemets Geschäft läuft gut. Über 5000 Aufträge habe die Agentur seit der Gründung 2004 bekommen. Die 250 freien Mitarbeiter - 38 aus Österreich - würden gut entlohnt: "Die Spitzenverdiener kommen auf 50.000 Euro im Jahr."

Die Professoren kennen das Problem des Ghostwritings, sind aber ratlos: " Es ist kaum möglich, aufzudecken, dass eine Arbeit von jemand anderem geschrieben wurde", sagt Birgit Sauer, Politik-Professorin an der Uni Wien und Mitglied der Ethikkommission für politische Wissenschaft. Gerhard Fröhlich, Philosophie-Professor an der Uni Linz, fordert klarere Gesetze: "Die derzeitige rechtliche Lage ist zu schwammig." Einem Studenten könne der akademische Grad nur dann aberkannt werden, wenn er nachweislich mit Absicht plagiiert hat.

Fröhlich sieht sich von der Politik im Stich gelassen: "In Österreich wurde noch nie ein Projekt zur Bekämpfung von Plagiaten und Ghostwriting genehmigt. Die Regierung scheint daran kein Interesse zu haben." Rechtlich können Ghostwriting-Agenturen nur sehr schwer belangt werden.

Die Ghostwriter selbst könnten der Beihilfe zur Beschleichung angeklagt werden. Im Wissenschaftsministerium weiß man um die Problematik, sieht sich aber nicht zuständig dafür. Die Unis hätten aber die Möglichkeit " studienrechtlicher Sanktionen wie etwa des Widerrufs verliehener Titel", heißt es aus dem Ministerium.Derartiges geschah im Fall des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Für Sauer ein klares Zeichen: "Der öffentliche Protest hat bewiesen, dass Ghostwriting nicht akzeptiert wird."Nemet, der selbst Doktor der Philosophie ist, sieht das anders: "Der Fall Guttenberg war gute PR für unsere Branche." Abschreiben würde er bei seinen Lohnschreibern aber nicht akzeptieren: "Ich bin strikt gegen Plagiate. Wenn ich einen meiner Angestellten dabei erwische, wird er entlassen." Dass seine Agentur selbst zum Plagiarismus von Studierenden beiträgt, glaubt er nicht. (Thomas Macher, DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2012)

Share if you care