Ölreserven: Der "Doomsday" war gestern

  • Auch wenn die Pumpen auf Hochtouren laufen: Die Reserven der 
konventionellen Ölvorkommen werden international immer knapper. Dafür 
nimmt die Förderung etwa von Ölsanden zu.
    foto: dapd/harald pettersen

    Auch wenn die Pumpen auf Hochtouren laufen: Die Reserven der konventionellen Ölvorkommen werden international immer knapper. Dafür nimmt die Förderung etwa von Ölsanden zu.

Die Diskussion um die knappen Ölreserven hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt

Wien - Als vor zehn Jahren die erste Aspo-Konferenz im schwedischen Uppsala abgehalten wurde, galten jene Experten und Fachleute, die vor einem nahen "Peak Oil"-Szenario warnten, noch weitgehend als eher durchgeknallt. Eine "Association for the Study of Peak Oil & Gas"? Die weltweite maximale Erdöl- und Erdgasförderquote solle schon sehr bald erreicht sein? Das seien doch "Doomer", die davor warnten, hieß es.

Eine Sichtweise, die sich binnen zehn Jahren deutlich gewandelt hat - auf beiden Seiten. Dass die Zeit des "Easy Oil" vorbei ist, wird inzwischen wie selbstverständlich akzeptiert. Großes Aufsehen erregte vor allem der World Energie Outlook 2010 der Internationalen Energie Agentur (IEA), in der erstmals offiziell, aber wie nebenbei, angemerkt wurde, dass der Peak der konventionellen Ölförderung bereits 2006 überschritten worden sei. Sprich: Die Zeiten, dass man noch riesige Ölfelder finden könnte, bei denen man sozusagen einfach ein bisschen in den Sand stierlt, und es beginnt zu sprudeln - sind eindeutig vorbei.

Der "Peak" im Hintertreffen

Diese Entwicklung führte wiederum dazu, dass aufseiten der "Peakisten" die "Frage, wann der Zeitpunkt des Peak Oil genau erreicht wird oder wurde, eigentlich schon ins Hintertreffen geraten ist", wie Michael Cerveny im Standard-Gespräch erläutert. Cerveny ist Leiter des Themenbereiches Energie bei der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (Ögut) - und organisiert derzeit gemeinsam mit dem Energieexperten und Strategieberater Georg Günsberg die zehnte Aspo-Jahreskonferenz, die Ende Mai erstmals in Wien stattfinden wird.

Peakisten, die nicht mehr diskutieren, wann genau der Zeitpunkt des Fördermaximums gekommen ist? Das hängt damit zusammen, dass trotz des wahrscheinlich erreichten Fördermaximums beim konventionellen Öl die Förderquoten immer noch stabil gehalten werden. Aber nur indem die bisher viel zu aufwändige und teure Förderung unkonventioneller fossiler Energieträger entsprechend vorangetrieben wird.

Wie etwa die extrem umweltbelastende Ölproduktion aus Teersanden - für deren Förderung auch deutlich mehr Energie hineingesteckt werden muss als bei konventionellem Öl. In diesen auf einmal attraktiven Bereich der Energieproduktion fällt übrigens auch die Förderung von Schiefergas, wie sie in den USA forciert wird - und die auch die OMV im Weinviertel ins Auge gefasst hatte.

Letzteres musste nach erbittertem Widerstand der lokalen Bevölkerung vorerst einmal auf Eis gelegt werden. Kurz: Aufgrund dieser neuen Produktionen müssen auch die Prognosen neu gefasst werden. "Das bisherige Decline-Szenario nach dem Peak ist eigentlich so nicht mehr darstellbar", erläutert Cerveny. "Heute gehen die Experten eher davon aus, dass eine längere Plateauphase erreicht wurde und später erst ein langsamerer Rückgang der Gesamtförderquoten einsetzten wird."

Fragiles Versorgungsgefüge

Genau diese Fragen werden Thema der heurigen Aspo-Konferenz in Wien sein - wie auch ein weiterer Fokuswechsel: Wurden früher seitens der Peakisten nahezu ausschließlich rein geologische Faktoren für die Berechnung ihrer Förderkurven herangezogen - so werden inzwischen verstärkt auch die "above ground"-Faktoren, also auch politische Entwicklungen, berücksichtigt. Wie sich gerade in den jüngsten Tagen zeigte, kann inzwischen bereits der verschärfte Konflikt mit einem einzigen Land wie dem Iran das weltweite Gefüge der Ölversorgung belasten - und die Preise in die Höhe treiben.

Auch die weiteren ökonomischen Folgen werden auf der Aspo 2012 Thema sein. Etwa: Wie ist ein Wirtschaftswachstum bei einem nachhaltigen Ölpreis im dreistelligen Bereich möglich? Oder: Wie verändert sich die globale Infrastruktur im Gütertransport bei knappen Ölreserven? Dazu kommt natürlich auch die zentrale Frage: Welche Rolle können die erneuerbaren Energieträger im anstehenden Transformationsprozess spielen - und wie bewältigt man die bekannten Flaschenhälse im Bereich Energiespeicherung und Stromnetze?

Ende Mai wird jedenfalls alles, was in der Peak-Oil-Szene Rang und Namen hat, nach Wien anreisen - "unser Ziel ist es aber, das Thema nicht immer nur aus der gleichen Richtung, sondern aus unterschiedlichsten Perspektiven zu diskutieren", betont Cerveny. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe 8.3.2012)

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