Was will das Weib, was soll die Quote?

Kommentar der anderen | 7. März 2012, 18:54

Warum die neuerdings wieder forcierte Debatte um die angebliche Dringlichkeit eines höheren Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorstandsgremien oder sonst wo an den tatsächlichen Problemen unserer Lebens- und Arbeitsrealität völlig vorbeigeht

Noch nie waren sie so wertvoll wie heute. Alle Welt möchte Frauen - vor allem in den Aufsichtsräten und Vorstandsetagen der Nation. Warum sie da nicht längst schon sitzen, die Angehörigen des besseren Geschlechts? Weil die Männer lieber unter sich sind und Frauen wegbeißen, die Anstoß an ihren schlechten Manieren nehmen könnten? Weshalb wir uns regelmäßig die Frisur an der "gläsernen Decke" ruinieren, an die wir stoßen, wenn wir nach oben wollen?

Plötzlich findet sie überall Fürsprecher, die Quote. Wenn die Männer nicht wollen, muss man sie eben zwingen. Prima. Das Problem ist nur, dass man auch die Frauen zwingen muss, ihr Glück in den Vorstandsetagen zu suchen. Ahnen sie, dass man nur deshalb nach ihnen ruft, weil angesichts der Altersstruktur der Gesellschaft ohne sie das Niveau des gesellschaftlichen Wohlstands nicht zu halten ist?

Unerfreulich und komplexe Wahrheit

Nun, die Wahrheit ist komplex und also unerfreulich. Denn das Weib weiß auch Jahrzehnte nach Freud noch immer nicht, was es will, obwohl es doch alles darf und soll. Auch Frauen heute zeigen sich entscheidungsschwach: Wollen sie Kinder, Küche, Kerl? Oder doch lieber Karriere? Oder beides? Alles auf einmal? Eins nach dem anderen? Bei vielen hält der Zweifel so lange an, bis sich die Frage durch den Gang der Dinge von selbst erledigt hat.

Und daran ist mal nicht die Unterdrückung durchs Patriarchat schuld, im Gegenteil: seit den Frauen wenigstens hierzulande niemand mehr sagt, was sie müssen; seit sie endlich auch dürfen, was sie wollen, scheinen sie sich selbst ein Rätsel geworden zu sein.

Frauen können rechnen

Gut also, dass sich neuerdings wieder mächtige Stimmen erheben, die den Weibern sagen, wo's lang geht. Diesmal sind es allerdings nicht Landes- und Kirchenfürsten, die ihnen bei ihrer Willensfindung beistehen, sondern die Frauen, die Mütter, ach was: die Großmütter der Bewegung, die den richtigen Weg ausleuchten. Doch was die sagen, kündet nur vom alten Dilemma: Frauen können alles und machen es niemandem recht - nicht sich selbst, nicht den Männern, nicht anderen Frauen, mit den Müttern angefangen. Aber vor allem nicht den Übermüttern der Frauenbewegung.

Allen Ermahnungen und öffentlichen Kampagnen zum Trotz wird nur eine verschwindend kleine Minderheit der Frauen Ingenieur oder macht eine Maurerlehre. Frauen streben keineswegs massenhaft in die Aufsichtsräte der Republik und an die Schalthebel der Macht. Obwohl ihnen alle Wege offen stehen, entscheiden sich die meisten Frauen für klassische Frauenberufe. Und die, die in einem klassischen Männerberuf Karriere machen? Verlassen ihn oft vorzeitig, weil sie noch anderes im Leben vorhaben. Frauen, konstatieren Forscherinnen, nehmen sich die Freiheit, die sie heute haben, um sich anders zu entscheiden als Männer, weil sie andere Ansprüche ans Leben und ans Berufsleben haben. Männer und Frauen sind nun mal unterschiedlich.

Da geht dann der Streit gleich wieder los. Wer sich die Freiheit nimmt, Frauen in ihren Lebensentscheidungen ernst zu nehmen, wer daraus auf Geschlechtsunterschiede schließt und gar die Biologie, die Hormone, die "Natur" zitiert, darf mit erbittertem Widerstand rechnen. Frauen selbst trauen ihren Geschlechtsgenossinnen nicht zu, freie Entscheidungen getroffen zu haben, wenn sie Kinder und Haushalt wählen oder selbstbewusst dem sozialen Beruf statt der lukrativen Karriere den Vorzug geben.

Frauen sind weder blöd noch Opfer und die meisten von ihnen können rechnen. Manche von ihnen sind durchaus kühl kalkulierende Subjekte: Sie schicken den Mann frühmorgens zum Geldanschaffen aus dem Haus, dessen Bereitschaft dazu im übrigen steigt, sobald Kinder da sind. Nicht, dass die Damen nun sämtlich zuhause säßen bei Milchkaffee und Maniküre. Aber wer behauptet eigentlich, dass die Freude an Küche und Kindern nicht ebenso groß sein kann wie die Erfüllung, die der Mann in seinem Beruf findet? Zur Freiheit der Frauen gehört auch, etwas zu wählen, was gerade kein uraltes Rollenmodell ist, sondern eher eine Errungenschaft der Neuzeit. In der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts kämpfte man dagegen, alle und alles in die große Tretmühle des Frühkapitalismus zu geben und empfand die Hausfrauenehe als Freiheit.

Und die Rente, für die Hausfrau und Mutter nicht einzahlt? Und was, wenn er sie irgendwann verlässt, weil er was Frischeres hat? Dagegen helfen Voraussicht und ein Ehevertrag und im übrigen das deutsche Scheidungsrecht, das nicht dafür bekannt ist, dass es die Männer begünstigt.

Frauen mögen also feige sein, wenn es um Berufskarrieren geht, Opfer im Hausfrauenkittel sind sie nicht. Und dass es die Männer wären, die sie an einer Karriere hinderten, so sie denn eine wollen, stimmt immer wieder - und immer wieder nicht. Gut ausgebildete Frauen werden umworben wie nie zuvor.

"Doppelbelastung" und "Rabenmütter"

Die Demografie und der Fachkräftemangel arbeiten ihnen zu: Unternehmen bezahlen heute fast jeden Preis, um ihre qualifizierten Mitarbeiterinnen zu halten. Doch selbst der reicht oft nicht aus, um Frauen die "Doppelbelastung" mit Kindern und Karriere schmackhaft zu machen. Frauen verdienen im Schnitt nicht deshalb weniger als Männer, weil man ihnen etwas vorenthält, sondern weil sie Teilzeitmodelle wählen und weniger Zeit am Arbeitsplatz zu verbringen.

Der Weg aus dem Dilemma ist gar nicht so steinig und deutet sich längst an. Er heißt: Wertschätzung der Älteren. In einer Welt, in der man mit 40 etwas sein muss, weil man sonst nichts mehr wird, sind Frauen in der Tat diskriminiert, sofern sie Kinder möchten und dem Vorwurf der "Rabenmutter" entgehen wollen, der umso lauter ertönt, desto seltener Nachwuchs geworden ist.

Die Quote ist Quatsch

Erst wenn Frauen nicht mehr fürchten müssen, beruflich ins Aus zu geraten, wenn sie ihre Kinder eine Zeit lang wichtiger nehmen als ihren Beruf, könnte gelingen, was Politiker bislang mit Geld nicht zustandebringen: dass Frauen wieder Kinder kriegen. Die Karriere dann eben später - und wenn man sie sich anschaut, die Lagardes und Merkels, die auf ihre je eigene Weise eine verdammt gute Figur machen, dann möchte man sich glatt darauf freuen.

Die Quote ist Quatsch. Die Diskussion darüber tut so, als ob noch immer der Kampf der Geschlechter unser Leben bestimmt. In Wirklichkeit sind es unsere Lebens- und Arbeitsstrukturen, die nicht mehr passen. Auch wenn man damit nicht die Welt rettet: hier läge die Möglichkeit, sie zumindest zu verändern. (Cora Stephan, DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2012)

Autorin

Cora Stephan, geboren 1951, Buchautorin und Essayistin, lebt in Frankfurt am Main und im südfranzösischen Laurac-en-Vivarais; zuletzt erschienen: "Angela Merkel. Ein Irrtum" (Knauss).

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Offenbar ist für die Autorin unvorstellbar, dass auch Männer in Partnerschaften wegen der Kinder Zuhause bleiben können. Wenn es nicht selbstverständlich wäre, dass Frauen allein für die Kindererziehung verantwortlich sind, sondern sich auch Männer einbringen dürfen und sollen, hätten wir die Diskussion nicht ...

Doppelbelastete Frauen, unentschlossen und ohne jedweden Ehrgeiz, eigentlich nur an Brutpflege interessiert? Ja, klar gibt es solche Exemplare, aber die will ja auch niemand in Führungspositionen befördern.
Die Quote zielt auf ehrgeizige, gut ausgebildete Frauen, die genau wissen was sie wollen, für die Doppelbelastung kein Thema ist, weil sie entweder keine Kinder haben oder deren Erziehung ganz selbstverständlich an den Vater delegieren. Solche Frauen gibt es heutzutage, den Feministinnen sei Dank, viele, sehr viele - nur leider nicht in Spitzenpositionen. Um das zu ändern, brauchen wir die Quote!

Ja, Gott sei Dank gibt es solche Frauen. Aber die Mehrheit davon ist noch relativ jung, oder steht vielleicht erst am Beginn ihrer Ausbildung. Vor allem jene, die "alles" wollen: Familie und Karriere.
Und die kann man nicht von heute auf morgen zum CEO machen. Es gilt auch für Frauen: Zuerst die Mühen der Ebene, dann Aufstieg, etc.
Das Problem mit der Quote ist, dass man sie kaum erfüllen kann. Woher nimmt ein Technik-Konzern mit kaum 10% Ingenieurinnen und vielleicht 2% Frauen im mittleren Management denn seine weiblichen Vorstandsmitglieder? Wieder aus typischen "Frauenberufen", dann werden tolle Vorstandsposten geschaffen, die bisher auch keiner brauchte...toll! Muss sich gut anfühlen, für die Frau.

Nicht Quoten sind Quatsch,

sondern das, was diese Frau schreibt.
Selten so etwas Reaktionäres im Standard gelesen...

Es gibt einige Details, denen ich nicht zustimme

Und vor allem muss man sich überlegen, wieso sich Frauen anders entscheiden: Weil sie anders sind - oder doch durch soziale Beeinflußung von klein auf?

Alles in allem aber ein sehr treffender Kommentar.

Das alles stimmt nur dann, wenn man davon ausgeht, dass der männl. Blickwinkel auf die Gesellschaft der status quo ist.

Sobald man davon ausgeht, dass das Haushaltsvorstandsprinzip nicht mehr gilt und jede/r auch für sich selbst sorgen können sollte, ist das - werte Großmutter einer nicht mal versuchten "Vision" - ein ziemlicher Topfen.

...mit Verlaub

Bei der Lektüre dieses Kommentares braucht sich Frau nicht wundern, wenn ihre Gleichberechtigung auf der Strecke bleibt.

Die Buchautorin und Essayistin erweist ihren Geschlechtsgenossinnen mit diesen Zeilen einen Bärendienst.

Da frage ich mich, was den "Standard" dazu reitet, derlei Kommentare abzudrucken.

Sehr treffend analysiert:

"Der Weg aus dem Dilemma ist gar nicht so steinig und deutet sich längst an. Er heißt: Wertschätzung der Älteren". Genau! An den Lebens- und Arbeitsstrukturen muss sich etwas ändern. ZB. deutlich bessere Entlohnung in typischen Frauenberufen wie Pädagogin, Sozialarbeiterin, Krankenschwester, etc.
Und generell: Wenn Frauen auch in späteren Jahren Berufsperspektiven hätten, dann hätten sie in jüngeren Jahren weniger Stress beim Kinderkriegen. PolitikerInnen fällt leider nur "Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern und Frauenquote in Aufsichtsräten" ein - wie unkreativ! Eine Quote bei Neueinstellungen zugunsten von Frauen ab 45 plus - das würde Sinn machen! Leider macht sich dafür niemand stark

Danke. Nicht doof.

Also eine 50%-Quote würde Frauen bevorteilen, da ja das Angebot an weiblichen Arbeitskräften einiges geringer ist.
Zum einen sind 52% der unter 60jährigen Männer, 48% der unter 60jährigen Frauen.
Zum anderen gehen Frauen im Schnitt um zwei Jahre früher in Pension.
Zum dritten stehen Mütter, die ein Baby kriegen, wegen Mutterschutz und Karenz nicht am Arbeitsmarkt zur Verfügung.
Zum vierten arbeiten viele Frauen Teilzeit, einige davon freiwillig.

Summarsummarum wäre im Verhältnis zum Arbeitskräfteangebot bestenfalls eine Quote von 35-40% gerechtfertigt.

Ich bin darüberhinaus aber gegen jede gesetzliche Quote, weil dies Strafen mit sich bringen muss.
Was kann ein UN dafür, wenn sich etwa keine Frau bewirbt?

Warum die Quote nötig ist

Eine Quote wäre abzulehnen, wenn tatsächlich Personen - Männer wie Frauen - nur aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation in Führungspositionen kämen. Dem ist aber keineswegs so, so lange Männerbünde, wie CV, Freimaurer usf., ihre Mitglieder - ungeachtet ihrer tatsächlichen Befähigung - durchboxen, ist schlichtweg eine Quote nötig, sonst kann man die männlichen Betonmauern nicht durchbrechen. In Ländern wo eine Quote eingeführt wurde, hat sich auch tatsächlich einiges zum Besseren geändert. Diesen Umstand ignoriert der etwas weitschweifige und dennoch substanzarme Artikel völlig.

unsinn

cv, freimaurer etc. schließen jeden aus, der nicht mitglied ist, unabhängig vom geschlecht. eine frauenquote ist da völlig sinnlos und vor allem unlogisch.

"zum Besseren gewendet" ist Ansichtssache und Marketing.

Ich behaupte es hat sich nix geändert.

Dann sind Sie einfach schlecht informiert. Schauen Sie doch einmal hier nach http://www.wiwo.de/erfolg/fr... 30774.html

vielen Kommentaren entnehme ich, dass das Wort Quote bereits ausreicht um das Hirn zu vernebeln.
Frau Stephan argumentiert treffend, dass es in Wirklichkeit unsere Lebens- und Arbeitsstrukturen sind, die nicht mehr passen und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Die derzeitigen Bemühungen unserer PolitikerInnen geht dahin, dass Frauen sich verstärkt außerhäuslichen Zwängen anzupassen haben. Sie sehen darin im Sinne der Wirtschaft, (die, die Frauen braucht) das bestmögliche Mittel zur Steuerung der Gesellschaft. Im Sinne eines Strebens nach Glück und Freiheit geht die Rechnung jedoch nicht auf. Die Abhängigkeit von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für den Einzelnen ist jedoch keine weltbewegende Neuigkeit.

bravo. sehr gut.

ich fände es gut..

wenn fast überall nur noch frauen arbeiten. die männer kriegen dann eine kleine apanage und können das ganze jahr segeln gehen.

ich würde gerne radfahren. ginge das auch?

vivat !

segeln?

wieso segeln? ich will nicht segeln.

Was für eine Frage!

Wie Frau Stephan so sprachgewandt darstellt: Vieles, Alles, Widersprüchliches. Was die feministischen Omas und Mamas noch angestrengt argumentiert und bissl was gekriegt haben, nehmen, na klar, die Enkelinnen als breites Angebot und gehen in den Rechteladen shoppen. Bissl blöd, dass es welche - wie Frau Stephan - gibt, die die beschworenen "Werte" für jobgerierend halten und die gleichzeitige Verkündigung: "Was nix kost is nix wert" vergessen. Im BIP kommt die "wertvolle Hausfrau" nicht vor. Wertvoll-lose Empfängerin ehemännlicher und/oder staatlicher Transfers ist sie. Die Girls aber, die, ausrechnend, dass der Transfer nicht ausreicht und Geld=Wert mit Werte=nix wert teilen, die gehören nicht zum flott beschreibbaren bekannten - Kreis.

zweiter versuch

guter beitrag, der zeigt: abseits des ideologisch verblendeten hasses extemistischer cliquen scheint es noch frauen mit hirn und hausverstand zu geben.

Schichtung, Ausbildung und Geschlect

Die Diskussion um gläserne Decken suggeriert, dass das wichtigste Merkmal von Führungskräften ihr männliches Geschlecht sei. Das ist aber doch nur ein Faktor. In Führungspositionen sitzen nicht einfach Männer, sondern ganz bestimmte Männer: solche aus "richtigem" Elternhaus und mit "richtiger" Ausbildung. In diese Sphären vorzudringen gelingt also Frauen UND Männern nicht, die die falsche Ausbildung / falsche Schichtzugehörigkeit haben. Mal ganz ehrlich: wer schafft es eher zum Vorstandsvorsitzenden: die Döblinger Ärztetochter mit einen Doktor in Jus oder der Simmeringer Arbeiterbub mit einem Publizistikstudium? Was ist bei diesem Gedankenexperiment ausschlaggebend: Geschlecht, Schicht oder Bildung? Geschlecht allein doch nicht!

der Vergleich hinkt...wenn dann müsste auch der Arbeiterbub ein Jusstudium haben. Wenn die Qualifikation nicht die Gleiche ist, geht es um Birnen und Äpfel.

Und dann glaube ich nicht, dass das Elternhaus noch eine großartige Rolle spielt, wenn es um einen Vorstandsposten geht. Denn in einen Vorstand kommt man nicht gerade zum Beginn der Karriere. Somit entscheidet sich's dann heutzutage eher an der Arbeitsleistung und natürlich auch Sympathie der Vorgesetzten etc.; nur wenn nun die Döblinger Ärzt-Tochter dafür entscheidet Teilzeit zu arbeiten oder Kinder zu kriegen, siehts im momentanen System schlecht für sie und den Vorstandsposten aus.

Siehe Pelinka Junior, richtiger Vater, richtige Freunde, mit 24 in der Geschäftsführung ... daran ändert ne Quote nix.

Rudas ebenfalls. Jung in der SPÖ Parteiführung, nicht dank Frauenquote sondern dank väterlichem Netzwerk.

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