"Republikaner werden Romney mit zugehaltener Nase wählen"

Chat
posten

ModeratorIn: Schönen Nachmittag an die UserInnen. Guten Morgen und herzlich willkommen an Christoph Prantner. Der Leiter des International-Ressorts des STANDARD chattet heute mit uns aus Ohio. Wie war der gestrige Tag?

Christoph Prantner: Guten Tag nach Österreich! Spannend war es gestern, und vor allem lang hier in Ohio.

wahlfleisch: Hat Romney nicht ohnehin schon gewonnen? Geht sich das rechnerisch für einen der anderen überhaupt noch aus?

Christoph Prantner: Romney hat die besten Chancen, die Nominierung einzusacken. Der Vorsprung bei den Delegierten ist für seine Herausforderer sehr schwer aufzuholen. Das Rennen wird einen ähnlichen Verlauf nehmen, wie jenes zwischen Hillary Clinton und Barack Obama 2008. Damals hat Obama seinen Vorsprung aus dem Februar in den Parteitag gerettet. Aber: Ausschließen kann man in dieser Vorwahl nichts. Ein grober Fehler, und die Geschichte kann sich drehen.

ModeratorIn: UserInnenfrage per Mail: Es heißt, die republikanischen Wähler selbst sind total unzufrieden mit den Kandidaten (kleinstes Übel und so). Stimm das?

Christoph Prantner: Ja, das ist korrekt. Bei allen Veranstaltungen, die ich hier in Ohio besucht habe, war das ein durchgängiges Motiv. Romney sei nicht konservativ genug, hieß es. Er schaffe es nicht, sich mit der Wählerschaft emotional zu verbinden. Er sei ein unverlässlicher flipflopper. Bei Exit Polls haben 41 Prozent der befragten Republikaner gesagt, sie seien mit Romney nicht zufrieden.

Danielle Durand #1: Vermissen Sie auch Sarah Palin? Die hat damals doch etwas Spaß in den Wahlkampf gebracht.

Christoph Prantner: Journalistisch gesehen: definitiv! Das Feld diesmal ist eine überschaubar aufregende Altherrenpartie.

kikko: Kann Romney die konservative Mitteschicht von sich überzeugen?

Christoph Prantner: Er kann sie wahrscheinlich nicht von seiner Kandidatur überzeugen, aber sie werden ihn trotzdem mit "zugehaltener Nase" wählen. Aus einem einzigen Grund: Diese Wähler sind vor allem davon überzeugt, dass Präsident Obama aus dem Weißen Haus geworfen werden muss.

Corpseman (ex-Flat Decider™): Rechnen Sie mit einer Wiederwahl Präsident Obamas?

Christoph Prantner: Das ist zu diesem Zeitpunkt noch sehr schwer zu prognostizieren. Derzeit hat Obama etwas Oberwasser in der öffentlichen Meinung, seine Zustimmungsraten steigen. Aber: 1980 war Jimmy Carter im Jänner mit 63 Prozent vor dem republikanischen Kandidaten Ronald Reagan mit 32 Prozent, die Wahlen gingen nicht gut für Carter aus.

kikko: Sollte Romney nicht auf die 1.144 delegiertenstimmen beim parteitag kommen. was passiert dann?

Christoph Prantner: Dann wird es auf seine Fähigkeit ankommen, den Rest der Stimmen bei einer "open" oder "brokered" convention zu organisieren. Das republikanische Establishment wird ihm dabei wohl zur Seite stehen. Dass ein dritter Kandidat von irgendwoher in den Ring steigt, ist aus meiner Sicht eher unwahrscheinlich. Das lassen die Bewerber, die ein Jahr lang hart gekämpft haben, sicher nicht zu.

slimcity: Ich blicke bei den Vorwahlen irgendwie nicht durch. Stimmt es, dass da auch Demokraten mitwählen können?

Christoph Prantner: Ja, das stimmt. Aber nur dort, wo es sogenannte open primaries gibt. In Ohio und Michigan zum Beispiel war das so, dort stammen viele Stimmen für Santorum taktisch wählenden Demokraten. In Ohio waren das laut Exit Polls fünf Prozent der Wählerschaft, die Santorum mit 22 Punkten Vorsprung gewonen hat.

caramelised: Kümmert sich die Bevölkerung wirklich um die primaries oder ist das eher medial aufgebauscht?

Christoph Prantner: Ja, das interessiert die Menschen. In Ohio allein gingen mehr als 1,2 Millionen zu den Vorwahlen, das ist ein gutes Indiz, dass das nicht nur ein Medienhype ist.

Van_Tom: Warum konnten sich die Republikaner nicht vor dem Wahlkampf auf einen Kandidaten einigen und tragen die Machtkämpfe jetzt offen aus? Der Schritt ist zwar zu begrüßen aber unverständlich.

Christoph Prantner: Vorwahlen sind konstitutiver Teil des US-Systems, es ist für die Amerikaner unvorstellbar, dass eine Partei sich intern ausschnapst, wer für sie in den Ring steigen soll. Die Kandidaten müssen sich den Bürgern in den Vorwahlen stellen, sich testen lassen und einen brutalen Persönlichkeitswahlkampf durchstehen.

Corpseman (ex-Flat Decider™): Was würde ein US-Präsident Romney für die Beziehungen EU-USA bedeuten?

Christoph Prantner: Romney ist Pragmatiker. Auch wenn er jetzt in seinen Wahlkampfreden über das angeblich nicht funktionierende Europa schimpft, würde sich nichts wesentliches in den Beziehungen ändern. Er würde sie wie Obama auf einem eher niedrigen Niveau pflegen, sich sonst aber vor allem China widmen. Das liegt im parteiübergreifenden US-Interesse.

caramelised: wann wird obama in den wahlkampf einsteigen? derzeit hält er sich ja noch sehr zurück?

Christoph Prantner: Er ist schon dabei, verhalten, aber doch vernehmbar: Er, beziehungsweise Organisationen aus dem demokratischen Umfeld, haben in wichtigen Staaten wie Ohio bereits Negativ-TV-Spots geschaltet. Gestern hat er mitten in den Super Tuesday hinein seine erste Pressekonferenz seit Monaten abgehalten, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das ist alles kein Zufall.

freecdwatch: was wird obamas wahlkampfmessage sein?

Christoph Prantner: Das kommt darauf an, wie sich die Wirtschaft weiter entwickelt. Wird es weiter signifikant besser, braucht er ein Referendum über seine ökonomische Performance nicht fürchten. Wenn die Wirtschaft stagniert, dann werden es ideologische Themen sein wie zuletzt die Aufregung um Verhütungsmittel auf Krankenschein. Im Verlauf dieser Debatte hat Radiohost Rush Limbaugh eine Studentin als Schlampe und Prostituierte beschimpft, das versuchen die Demokraten für sich zu kapitalisieren.

Servus nach Österreich: Wie sehen Sie die Bilanz der Präsidentschaft Obama I: überwiegend positiv oder negativ?

Christoph Prantner: Außenpolitisch eher negativ, innenpolitisch eher positiv. Obama hat das beste aus den Verhältnissen gemacht, die er geerbt hat. Aber er hat es nicht geschafft, das amerikanische System auf eine neue Basis zu stellen. Dazu musste er zu viele Kompromisse machen.

Van_Tom: Wie sieht es mit der Krankenversicherung für die amerikanische Bevölkerung aus? Gibt es bei einer Wiederwahl bessere Chancen?

Christoph Prantner: ObamaCare, so wird die Reform hier überweigend genannt, ist äußerst unbeliebt, weil sie als Eingriff in die persönlichen Freiheiten der Bürger betrachtet wird. Selbst Menschen, die davon profitieren, sind erstaunlicherweise dagegen. Derzeit hängt die Reform beim Obersten Gerichtshof, ein Urteil ist im Juni anhängig. Davon wird der weitere Verlauf des Wahlkampfes wesentlich abhängen.

Dreesch, ka ne se dasee kawum!: Wen wird Obama Ihrer Meinung nach als running mate nominiereren?

Christoph Prantner: Wenn Joe Biden noch einmal den zweiten Mann geben will, wird er wohl VP bleiben. Wenn nicht, dann könnte es eine Frau werden, ein Latino, ein ausgewiesener Unabhängiger - was immer die Strategen als opportun erachten.

Corpseman (ex-Flat Decider™): Stichwort Wahlkampffinanzierung: Hat ein US-Präsident volle Entscheidungsgfreiheit oder muss er, einmal im Amt, sienen Geldgebern Gefälligkeiten erweisen?

Christoph Prantner: Gute Frage. Ich würde meinen, dass große Geldgeber großen Einfluss auf eine Administration haben. Bei Obama allerdings kommen die meisten Spenden (rund 90 Prozent) von Menschen, die weniger als 250 Dollar geben. Bei Romney sieht diese Bilanz ganz anders aus.

Danielle Durand #1: Wie fällt ihr Vergleich zum letzten Präsidentschaftswahlkampf aus - ist der Ton rauer geworden?

Christoph Prantner: Nein, das glaube ich nicht. Clinton und Obama haben sich auch nichts geschenkt. McCain war auch nicht unumstritten, gegen George W. Bush hat er 2000 deutlich mehr gelitten als die Republikaner heute. Damals wollte man ihm andichten, er habe ein uneheliches Kind mit einer Schwarzen.

freecdwatch: warum findet sich kein moderater republikaner als kandidat. oder anders gefragt, warum sind die aktuellen kandidaten eher am rechten rand der republikaner angesiedelt?

Christoph Prantner: Weil sich die republikanische Partei in den vergangenen zwei, drei Jahren deutlich gewandelt hat. Die Tea Party-Bewegung hat die Republikaner weit an den rechten Rand gedrängt und einen fundamentalistischen, kompromisslosen Ton in die Partei getragen. Barbara Bush hat das zuletzt so komentiert: "Das ist die schlechteste Vorwahl, die ich je gesehen habe. Kompromiss gilt als schmutziges Wort, aber aus meiner Sicht ist es alles andere als schmutzig."

Senyor Toninel: Roland Benedikter hat im Standard erklärt, dass er sich vorstellen kann, dass die Republikaner im Sommer Condoleeza Rice aus dem Hut zaubern. Wie realistisch schätzen Sie diese Möglichkeit ein und glauben Sie, dass sich die republikanischen Chancen

Christoph Prantner: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Bewerber, der monatelang durch die Provinz tingelt, sich in Iowa die Hacken abläuft, kein Town Hall Meeting auslässt ... und dann kommt jemand, der Ihnen die Nominierung vor der Nase wegschnappt? Das lassen die Herren niemals zu, wer immer es bis zum Parteitag schafft.

Follow me, everything is alright: ron paul wird sich am ende für romeny aussprechen aber was ist mit gingrich? wohin werden seine delegierten stimmen gehen?

Christoph Prantner: Gingrich ist ein alter Profi, er wird so lange im Rennen bleiben, wie es irgend geht. Und er wird seine Delegierten an den freigeben, der ihm am meisten dafür bietet. Romney wird sich einiges an Ämtern und Einflussmöglichkeiten für Gingrich einfallen lassen, um sie zu bekommen.

Corpseman (ex-Flat Decider™): Condi als "Hail Mary Pass" so wie Sarah Palin damals? Das wäre zuuuu schön. Würde Bushs Außenministerin Ihrer Meinung nach die republikanischen Stammwähler andprechen?

Christoph Prantner: Eine schwarze Frau, die gerne Piano spielt und den Eliten-Geruch Stanfords mit sich trägt? Dagegen ist Romney ein Volkstribun.

UserInnenfrage per Mail: Warum treten Paul und Gingrich eigentlich nicht aus dem Vorwahlkampf aus? Das wäre für die Republikaner sicher besser.

Christoph Prantner: Sie wollen sich profilieren und sie haben im Gegensatz zu Romney nichts zu verlieren. Für Gingrich geht es um seinen Einfluss in Washington. Für Paul um seine Themen und darum, seinem Sohn Rand eine gut eingeführte Organisation zu überlassen.

freecdwatch: was wäre außenpolitisch von romney zu erwarten? angriff auf den iran?

Christoph Prantner: Romney hat vor der AIPAC-Konferenz deutliche Worte gegen den Iran gefunden. Aber: Er ist Wahlkämpfer und nicht Oberkommandierender der US-Streitkräfte. Sobald er im Weißen Haus ist und Briefings von CIA und Militärs bekommt, wird er eine andere Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen.

Van_Tom: Welche Rolle spielt die Nahost-Politik, ganz aktuell der Besuch von Israel, für eine Rolle?

Christoph Prantner: Eine relativ große Rolle: Es geht um die jüdische Wählerschaft im November und es geht für Obama und seine Gegner darum, sich selbst als entschlusskräftige Außenpolitiker darzustellen. Das gelingt Obama weniger gut, weil er über Jahre ein schwieriges Verhältnis mit Premier Netanyahu hat und auch einige Fehler in der Nahostpolitik begangen hat.

Servus nach Österreich: Die Iraner haben schon einmal eine Präsidentenwahl maßgeblich beeinflusst (Geiselnahme in der US-Botschaft, nach dem Wahlsieg Reagans kamen dann alle frei). Ist Obama auf solche Überraschiungen vorbereitet?

Christoph Prantner: Ich glaube, darauf kann man nicht wirklich vorbereitet sein. Seine Kampagne mag noch so professionell sein, passiert ein solcher Vorfall, ist sie nur noch sehr begrenzt Herrin des Verfahrens. Passiert so etwas, kann Obama nur auf Sicht fahren und hoffen, dass ihm nicht ähnliche Fehler passieren wie Carter bei der Geiselnahme in Teheran.

UserInnenfrage per Mail: Wer tritt eigentlich gegen Obama bei den Demokraten an? Gibt es da jemand ernst zu nehmenden?

Christoph Prantner: Nein, es ist klar, dass Obama der Kandidat im November sein wird. Es gibt Vorwahlen, wie zuletzt in Oklahoma, aber die sagen höchstens etwas über die derzeitige Betriebstemperatur der Demokraten aus und wie Obama unter seinen eigenen Leuten ankommt.

dijonsenf: aus welchem eck kommen die vorher erwähnten spenden für romney

Christoph Prantner: Bei Romney kann man das vor allem bei seinem Super PAC Restore Our Future gut nachvollziehen, da sind es vor allem Personen aus der Finanzindustrie, Technologiefirmen und Immobilienunternehmer.

nils_holgersson: Ist nach derzeitigem Stand ein Ticket Romney/Santorum wahrscheinlich? Oder ist es wahrscheinlicher, dass Romney sich für Marco Rubio oder Chris Christie als Veep entscheidet?

Christoph Prantner: Das ist noch schwer abzuschätzen. Santorum würde für Romney die Seite der Evangelikalen und Erzkonservativen abdecken, Rubio jene der Hispanics, bei denen Romney ziemlich schlecht liegt. Die Frage ist, ob es etwa Rubio machen würde oder ob er nicht eher auf 2016 wartet, wenn alles wieder offen ist.

ModeratorIn: Liebe UserInnen, lieber Christoph Prantner. Das war es auch schon wieder, die Stunde ist vorbei. Danke für den interessanten Chat, wir alle werden weiterhin gespannt den Vorwahlkampf verfolgen. Allen noch einen schönen restlichen Tag.

Christoph Prantner: Danke für die interessanten Fragen und herzliche Grüße aus Cincinnati!

Share if you care.