Anorexie ist die tödlichste psychiatrische Erkrankung

Die Mortalität liegt bei 15 bis 20 Prozent binnen 15 Jahren - Am Beginn steht oft eine Diät - Aber auch das krankhafte Gesundessen kann zur Sucht werden

Essstörungen zählen zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen in den Industriestaaten. Die Anorexia nervosa ist in diesen Regionen auch die tödlichste psychische Krankheit.

Unter den 15- bis 30-Jährigen leiden etwa ein Prozent an krankhafter Magersucht (Anorexia nervosa). Das Verhältnis von Männern zu Frauen liegt bei eins zu zehn bis 20. Bei der Fress-Brechsucht, der Bulimia nervosa sind in der gleichen Altersgruppe zwei bis vier Prozent betroffen. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen beträgt eins zu sechs bis zehn.

"Die Mortalität liegt bei 20 Prozent nach 15 bis 20 Jahren", sagte Montagabend Hans-Peter Preglej von der psychosomatischen Station des Krankenhauses Leoben bei der 45. Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Saalfelden.

Reine Fresssucht (Binge Eating) ist ähnlich weit verbreitet, hier ist aber mit zwei Männern auf drei Frauen das Verhältnis zwischen den Geschlechtern schon weitgehend ausgeglichen. Vier bis zehn Prozent der Bevölkerung insgesamt sind aufgrund von Essstörungen adipös.

Störung der Körperwahrnehmung

"Die Anorexia nervosa ist die häufigste Essstörung im Kindes- und Jugendalter. Es kommt zu einer Gewichtsabnahme von mindestens 25 Prozent des ursprünglichen Körpergewichts ohne organische Ursache. Der BMI beträgt weniger als 17,5 (Normalgewicht - BMI von 23 bis 24, Anm.), ein BMI unter 14 führt vermehrt zu Komplikationen wie auch eingeschränkte kognitive Leistung, die eine Psychotherapie nicht oder nur noch teilweise zulassen", sagte der steirische Experte.

Der Startpunkt für die Anorexie ist oft eine Diät, die schon - häufig bei bereits vorhandenem Untergewicht - eine Gewichtsabnahme bringen soll. Die Betroffenen leiden auch an einer Störung der Körperwahrnehmung. Sie sehen sich als "dick" an, obwohl sie sprichwörtlich am Verhungern sind.

Das Ausbleiben der Regel, Suizidgedanken, klassische Zeichen von Unterernährung, Missbrauch von Abführmitteln und entwässernden Medikamenten (Diuretika), exzessiver Sport und Suizidgefährdung sind die Folgen. In der Behandlung wird oft mit den Betroffenen ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen, der sogar mit Sanktionen im Fall des Nichteinhaltens der vereinbarten Gewichtszunahme gekoppelt wird.

Preglej: "Nach fünf Jahren kommt es bei 40 Prozent der Patienten zu einer Heilung, zu einer Besserung bei 25 bis 30 Prozent und zu einer Chronifizierung bei 25 Prozent." Leider kommt es oft zu einem Übergang zu einer Bulimie.

Bulimia nervosa

Bei der Bulimia nervosa stehen den Fressattacken kompensatorische Verhaltensformen - speziell das künstlich herbeigeführte Erbrechen - gegenüber. Es gibt aber auch Fälle, in denen übermäßiger Sport, Diät und Fasten von den Betroffenen als Ausgleich gewählt werden. Der steirische Psychosomatiker Hans-Peter Preglej: "Diese Essstörung tritt zumeist später auf als die Anorexia nervosa. Es liegt oft schon eine längere Erkrankungsdauer vor."

Die Behandlung per Psychotherapie und auch Medikamenten wie moderne Antidepressiva in oft wesentlich höherer Dosierung als bei Depressiven führt bei etwa der Hälfte der Patienten binnen fünf Jahren zu einer Heilung, bei 20 bis 30 Prozent zu einer Besserung. Leider gibt es auch hier einen Anteil von 15 Prozent der Betroffenen, bei denen die Krankheit chronisch wird.

Gesundheits-Esssucht

Auch das krankhafte Gesundessen kann zur Sucht werden. Die Experten sprechen hier von Orthorexia nervosa. Lieblingsspeisen gibt es nicht mehr. Die Gedanken engen sich immer mehr auf "gesunde" Nahrungsmittel ein. Damit einher geht häufig missionarischen Eifer gegenüber Angehörigen und Freunden. Preglej: "Dabei reduziert sich die Zahl der verschiedenen konsumierten Nahrungsmittel." Auch das kann zu Problemen - nicht zur zu psychischen - führen. Nur noch Müsli - das ist auch eine einseitige Ernährung.

"Binge Eating"

Zum Teil über das "Binge Eating" ("Binge" Englisch für "Gelage), aber auch über "normale" Esssucht abgefahren ist der Zug offenbar in den Industriestaaten in Sachen Adipositas und Übergewicht. Preglej: "In den USA haben schon 35 Prozent der Bevölkerung einen BMI von mehr als 30, im Jahr 2020 werden es 40 Prozent sein. In England sind es derzeit 20 Prozent, der Anteil der Menschen mit einem BMI über 30 wird dort bis 2020 auf 30 Prozent steigen." (red/APA)

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