Welthistorischer Blockbuster

Blog | Bert Rebhandl
6. März 2012, 13:42

Der türkische Kassenschlager "Fetih 1453" - Von Bert Rebhandl

Das Osmanische Reich hat unter den historischen Imperien (Ägypten, Rom, Ostrom, Mongolen, um nur einige zu nennen) nicht den schlechtesten Ruf. Es gilt als tolerant in religiösen Fragen, und es erwarb sich Legitimität nicht zuletzt durch schiere Dauer: Mehr als 600 Jahre sind nun einmal eine stolze Leistung. Das Jahr 1453 bildet in diesem Zusammenhang ein zentrales Datum, denn erst die Eroberung von Konstantinopel machte aus einer Regionalmacht eine Hegemonialmacht.

Es ist also nicht einfach irgendein Thema, wenn der bisher teuerste und nun auch schon erfolgreichste türkische Film überhaupt mit den neuesten Spezialeffekten den Fall von Konstantinopel ausmalt. Im Gegenteil kann man bei Faruk Aksoys Spektakel Fetih 1453 (Eroberung 1453), der derzeit auch in vielen Städten des deutschsprachigen Raums in den Kinos läuft, die Gegenwartsbezüge deutlich ausnehmen. Was vielfach als eine „neo-osmanische“ Ausrichtung der türkischen Außenpolitik beschrieben wird, findet hier eine pralle Gründungserzählung, geht es doch dem Sultan Mehmet II bei seinem Angriff auf das Byzantinische Reich um nicht und nicht weniger als „das größte Reich des Universums“, und zugleich um die Überwindung der Spaltung zwischen Balkan und Anatolien, die davor eine empfindliche Einschränkung für die osmanischen Herrscher bedeutet hatte.

Man könnte Fetih 1453 als einen welthistorischen Blockbuster bezeichnen, und wenn der Film selbst sich mit Aktualisierungsangeboten sich auch zurückhält, sind doch die vielen politischen Signale durchaus bedeutsam. Das Wichtigste liegt in der Anstrengung, die hier unternommen wird, um die Kriegspolitik von Mehmet II deutlich in die größere Tradition des islamischen Dschihad zu stellen. Der Sultan bekommt sein Mandat gewissermaßen direkt vom Propheten selbst (das religiöse Pathos wird allerdings durch eine Szene gebrochen, die eher an Der Herr der Ringe erinnert).

Die Identifikation des Publikums wird aber auch noch durch eine Figur geführt, die zur Ebene des Volkes gehört: Das Mädchen Era, Stieftochter des Kanonenbauers Urban, hat als Kind ein Massaker christlicher Kreuzritter auf dem Balkan überlebt, und entscheidet sich folgerichtig zwischen zwei langhaarigen Hünen für den türkischen Hasan (gegenüber dem Genueser Giustiniani). Dieser Hasan ist der Aktionsheld des Films, er wird schließlich in einer starken Szene die Flagge des Sultans auf der zu diesem Zeitpunkt schon von der „Schahi-Kanone“ erschütterten Stadtmauer von Konstantinopel hissen, durchbohrt von zahlreichen Pfeilen und quasi mit dem letzten Seufzer.

 

Dieser Moment ist das geschichtspolitische Pendant zur Befreiung Berlins 1945, und wenn die Analogien auch schief sein mögen, so operiert Faruk Aksoy doch äußerst offensiv mit dem Bildgedächtnis der Weltgesellschaft. Fetih 1453 bedient sich beim chinesischen Martial-Arts-Film (der nach 2000 ja auch stark nationalisiert wurde), es gibt Anspielungen auf das sowjetische (Dissidenten-)Epos Andrej Rublow (damit wäre auch das dritte Rom noch dabei), das ästhetische Muster aber bilden amerikanische Breitwandfilme von Der Untergang des Römischen Reichs bis Troja.

Zu diesen schließt das türkische Mainstreamkino hier auf, das damit neuerlich sein gewachsenes Selbstbewusstsein demonstriert, und zwar an einem neuralgischen Punkt: Vor zwei, drei Jahren, als die Frage eines EU-Beitritts noch stärker im Raum stand, wäre das wahrscheinlich eine heiklere Angelegenheit gewesen, so aber passt das Bild vom dekadenten „Westen“, das in Fetih 1453 vermittelt wird, durchaus zur größeren Gemengelage, und die Türkei zeigt sich als nicht zu unterschätzender Machtfaktor auch auf dem Gebiet jener Außenpolitik, die mit Bildern gemacht wird.

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gilt natuerlich fuer jeden film in dieser kategorie:

"Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen."
- Schopenhauer

die türkische filmindustrie ist nicht zu unterschätzen.

siehe turkish startrek: http://www.youtube.com/watch?v=A... re=related

oder der blockbuster am bosporus 'turkish Rambo!' :
http://www.youtube.com/watch?v=htIwK2NK5JI

Braveheart auf Türkisch!

interessant

genau.

mel gibson ist ja auch bekannt fuer so einiges an "interessanten" meinungen!!!

Ach, noch ein historischer Film, der den klassischen Weg der Gut-Böse-Sicht nimmt und sich nicht lange mit Details aufhält. Dafür ordentlich Pathos, Nationalismus und ein bisserl Fundamentalismus.

Jedem das seine. Irgendwie in ner Liga mit 300, El Cid und der Karl-May-Buchwelt...

An den Besucherzahlen dieses Filmes , der auch in Wiener Kino´s anläuft, kann man sicherlich den Grad der Integration unserer anatolischen Mitbürger ablesen.

die nichtanatolischen bewohner wiens sind Ihrer theorie nach demnach zum größten teil us-amerikaner?

Mann,mann,mann,mann!

Orhan Utang holt sich die medal of Onur ohne scheißedeutsch, ohne rechne, ohne schreibe, nur weil is von da Sultan grosse Tschäkka, das zieht uns dann bei PISA wieder runter und die Jammerei beginnt von vorne!

wird auch das massaker in der kathedrale von konstantinopel gezeigt an den christen,

die dort schutz suchten in der irrigen annahme, in einer kathedrale würde man sie wohl verschonen? frauen, kinder, greise, mönche, kein einziger hat überlebt, alle wurden grausam verstümmelt in einem irren Blutrausch. also es würde mich interessieren, ob in dem film bei aller verklärung der eigenen kriegerischen vergangenheit und bei aller verurteilung der kriegerischen vergangenheit der anderen (kreuzritter) dieser hauch von selbstkritik vorhanden ist, der auch in den allerdümmsten holywood schnulzen wenigstens ansatzweise vorhanden ist. wenn nicht finde ich das ein sehr bedenkliches machwerk und den artikel hier darüber gelinde gesagt sehr nachsichtig gegen solche tendenzen - eine nachsicht, die bei einem westlichen film wohl fehlen würde

"wird auch das massaker in der kathedrale von konstantinopel gezeigt an den christen?"

warum sollten sie?

komisch, es heisst es nicht "byzantisieren", es heisst "magdeburgisieren"

Das Osmanische Reich hat sich seinen guten Ruf wirklich hart erarbeitet ...

... zum Beispiel beim Angriff auf Konstantinopel:

Mit großen Versprechungen auf Belohnung gab der Sultan seinen Soldaten das Zeichen zum Sturm. „Ich übergebe euch heute diese Hauptstadt, den höchsten Gipfel des Glanzes und der Glorie, die zum Mittelpunkt der Welt geworden ist. Ich übergebe sie euch zur Plünderung für drei Tage und drei Nächte, damit ihr euch der unermesslichen Schätze an Gold und Silber, an Männern, Frauen und Knaben und allem, was die Stadt ziert, bemächtigt. Ihr werdet von nun an in großer Glückseligkeit leben.“

http://komma-magazin.de/cms/Konst... opel/Islam

weil sich Ihrer Meinung nach christliche Eroberer anders verhalten haben?
zum Vergleich z.B. die Geschichte des 4. Kreuzzuges,in dem zur Abwechslung die Kreuzritter Konstantinopel geplündert haben....

weil sich Ihrer Meinung nach christliche Eroberer

weil sich Ihrer Meinung nach christliche Eroberer anders verhalten haben?

die sollen lieber schauen, dass die hagia sofia ned zerbröselt...

Schleimerei

Immer nur rein mit dem Kopf in den muslimischen Hintern!

ich hoffe doch

dass der Film zumindest antiheteronormativ ist!

Hahaha, zu geil :D Ich freu mich schon so auf den Chat mit Janine Wulz!

Djihad = Helden
Kreuzzug = Verbrecher

So sieht man hier und dort.

Aus dem Untergang von Rom und Byzanz kann man übrigens sehr viel lernen.

wobei ich die kreuzritter (als mitteleuropäer) eigentlich auch als kriminelle ansehen würde!

Man kann über die Kreuzritter sagen was man will, aber sie machten den Türken das grösste Geschenk, den Ladyshave!

PS: Die phallische Konnotation der Belagerungstürme erfordert doch einen frauensoli Aufschrei im Zitronella Hühnerstall, was ist los und heteronormativ ist er auch der Film und voll macho!

waren sie ja auch...

alle Fundamentalisten sind Verbrecher...aber sagen darf man das laut PC-Inquisition ja nur über die hiesigen...

Strache verteilt Kinokarten

mit einer Warnung was auf uns zukommt, wenn er nicht Kanzler wird!

hab mir den film im kino angesehen, türkischer originalton mit deutschen untertiteln, war vermutlich der einzige nichttürke unter den etwa 40-50 gästen, stimmung im saal war stellenweise mit einem fußballmatch zu vergleichen, ich wunderte mich das keine bengalen angezündet wurden als byzanz fiel. das hier türkische geschichte massiv verklärt wird war mir von vornherein bewusst, ich war auch in erster linie interessiert an der machart des films, kameraführung, bild, schlachtenszenario usw. und da fand ich den film überraschend gut.

ich war gestern im Film. Zuschauer waren so weit ich das übersehen konnte nur Türken. Jubel der Zuschauer oder irgendwelche andersartigen Ausrufe gab es nicht während der Vorführung.

Wenn Sie kein Türkisch können, haben Sie vielleicht diese Fussballmatch Jubelstimmung einfach nur misinterpretiert?

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