Die "rote Linie"

Kommentar |

Obamas Linie ist realistisch und seine Abneigung gegen einen Krieg begründet

Präsident Barack Obama hat vor AIPAC (American Israeli Public Affairs Committee) ein Bekenntnis dazu abgelegt, dass die USA der Sicherheit Israels verpflichtet sind, und das tut er auch im Gespräch mit Premier Benjamin Netanjahu. Dazu muss er sich auch keinerlei Gewalt antun, wie Obama-Kritiker unterstellen: Das strategische und ideologische Bündnis mit Israel gehört zu den USA und in das amerikanische politische Denken wie die Freiheitsstatue in den New Yorker Hafen.

Das heißt nicht, dass sich Obama die israelische Linie dem Iran gegenüber völlig zu eigen gemacht hätte. Je realitätsnäher die Debatte um einen möglichen Krieg geführt wird, desto genauer muss nun definiert werden, was denn die berühmte "rote Linie" ist, die nicht überschritten werden darf. Und da passt zwischen Obama und Netanjahu mehr als das sprichwörtliche Blatt Papier.

Für die Iran-Falken in Israel besteht Handlungsbedarf, wenn Diplomatie und Iran-Sanktionen nicht dazu führen, dass Teheran sein Atomprogramm wesentlich verlangsamt oder stoppt, und wenn Iran den Status der "nuklearen Fähigkeit" erreicht. Für Obama hingegen geht es laut den Formulierungen in seiner AIPAC-Rede darum, "den Iran daran zu hindern, eine Atomwaffe zu bekommen". Das ist ein fundamentaler Unterschied. Obamas Linie ist realistisch und seine Abneigung gegen einen Krieg begründet. Pech ist nur, dass diese in einen Wahlkampf fallen. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2012)

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