Im Schatten der Emotionen

Kommentar |

Warum die Debatte um den Fall Kampusch bereits ein gefährliches Maß erreicht hat

Die Emotionalisierung im "Fall" Kampusch hat ein gefährliches Maß erreicht. Sowohl auf der Seite jener, die den Fall für geklärt halten, als auch auf der Seite derer, die daran zweifeln, wird mit Schaum vor dem Mund agiert. Auf der Straße wird Natascha Kampusch, eine Frau, die Schlimmstes erlebt hat, der die Kindheit geraubt wurde, attackiert. Möglicherweise war sie schlecht beraten, nach ihrer Flucht an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch es war ihr gutes Recht, ihre Geschichte selbst zu erzählen.

Wer die Einzeltätertheorie anzweifelt und zu bedenken gibt, dass traumatisierte Menschen Erinnerungslücken haben können, muss sich vorwerfen lassen, das Opfer zur Täterin und Lügnerin zu machen. Sogar Vergleiche mit der NS-Zeit werden bemüht. Wenn die Zweifler über 70 sind, werden sie auch noch als alte Männer mit perversen Fantasien bezeichnet - wie zuletzt in der ORF-Sendung Im Zentrum. Ein Totschlagargument gegenüber den pensionierten Höchstrichtern Johann Rzeszut und Ludwig Adamovich.

Solche Aussagen sind aber nicht nur altersdiskriminierend, sie bewegen sich auf einem Niveau, wo sachliche Diskussionen nicht mehr möglich sind. Vielleicht sollen sie das auch gar nicht sein. Denn sowohl Abgeordnete, die sich von ihrer Ausschusstätigkeit in der Causa Meriten erhoffen, als auch Medien, die sich mit ihrem Naheverhältnis zu Kampusch brüsten, scheinen nicht mehr an Aufklärung interessiert. Es geht nur mehr darum, recht zu bekommen. (DER STANDARD-Printausgabe, 6.3.2012)

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