Einkaufsstraßen sorgen sich um Wohlfühlfaktor

  • Die Meidlinger Hauptstraße wird zwar stark frequentiert, dennoch sehen örtliche 
Kaufleute einigen Erneuerungsbedarf.
    foto: standard/andy urban

    Die Meidlinger Hauptstraße wird zwar stark frequentiert, dennoch sehen örtliche Kaufleute einigen Erneuerungsbedarf.

Die Neugestaltung der Mariahilfer Straße ist das Prestigeprojekt von Stadträtin Maria Vassilakou – Andernorts fühlen sich die Kaufleute benachteiligt

Wien - Auf den ersten Blick ist auf der Meidlinger Hauptstraße alles in bester Ordnung. Die Sonne scheint, die ersten Gastgärten haben geöffnet, die Kundenfrequenz in der Einkaufsstraße stimmt, wie Georg Melkus, Obmann des Vereins "Einkauf in Meidling", zufrieden feststellt. Bis zu 21.000 Passanten sind laut einer Zählung der Wiener Wirtschaftskammer an guten Einkaufstagen auf der Straße unterwegs. Damit rangiert sie unter den Topeinkaufsmeilen in Wien, zu verdanken hat sie das vor allem der unmittelbaren Nähe zum Verkehrsknotenpunkt Philadelphiabrücke. Kein einziges Geschäftslokal steht derzeit leer, im Gegenteil, sagt Melkus, immer wieder müsse man entsprechende Anfragen ablehnen.

Der Glamour-Faktor der Meidlinger Hauptstraße ist freilich nicht sehr hoch; wer genauer hinschaut, entdeckt einige Mängel: Bänke, auf denen man nicht mehr sitzen kann, weil sie halb zusammengefallen sind. Plätze, deren Gestaltung vor 20 oder 30 Jahren stadtplanerisch en vogue gewesen sein mag, die heute aber nicht sehr einladend wirken. Straßen- und Gehsteigbelag, der längst einer Überholung bedürfte.

Das Konzept für die Neugestaltung der Meidlinger Hauptstraße liege fix-fertig in einer Schublade im Planungsressort, sagt Melkus. Es gab einen Architektenwettbewerb, 2010 habe der damals zuständige Stadtrat Rudolf Schicker (SP) zugesagt, die Straße generalüberholen zu lassen. Doch dann kam die Wahl, mit Maria Vassilakou (Grüne) eine neue Stadträtin - und seither weiß man in der Meidlinger Hauptstraße nicht so recht, wie es weitergeht.

"Wir sind ziemlich sauer"

"Wir sind ziemlich sauer, dass aus dem Umbau nichts geworden ist", sagt Einkaufsstraßenobmann Melkus, der mit Küchenbedarf handelt. Schließlich fördere ein höherer Wohlfühlfaktor den Willen zum Geldausgeben.

Melkus teilt seinen Unmut mit einigen Obleuten von Wiener Einkaufsstraßen, vor allem jenen, die deutlich weniger frequentiert sind als die Meidlinger Hauptstraße. Das Stadtratsbüro konzentriere sich auf den Umbau der ohnehin wunderbar funktionierenden Mariahilfer Straße zum Shared-Space-Vorzeigeprojekt, lautet der Vorwurf. Die anderen Einkaufsstraßen würden darüber vergessen, oder es bleibe für sie schlicht und einfach kein Geld.

Enges Budget

Stimmt nicht, heißt es im Ressort von Vassilakou: Noch in diesem Jahr starte die Umgestaltung der Ottakringer Straße, und innerhalb der laufenden Legislaturperiode solle auch die Meidlinger Hauptstraße runderneuert werden. Es bleibe beim Finanzierungsschlüssel 90 (Stadt) zu zehn (Bezirk), in Zeiten knapper Finanzen könne man daher nicht sofort mit dem Projekt beginnen.

In der Wiener Wirtschaftskammer wird derzeit an einem Masterplan für die Einkaufsstraßen gearbeitet. Zu offener Kritik an der grünen Stadträtin will sich Präsidentin Brigitte Jank aber nicht hinreißen lassen: "Es ist Aufgabe der politischen Entscheidungsträger, sicherzustellen, dass das breite Angebot an Geschäftsstraßen und -grätzeln erhalten bleibt", sagt sie diplomatisch.

Herr Melkus, dessen Unternehmen seit den 1950er-Jahren auf der Meidlinger Hauptstraße angesiedelt ist, denkt trotz allem nicht daran zu übersiedeln, auch wenn es rundherum nicht so schön sein mag: Die Miete sei hier doch deutlich günstiger als etwa in der Mariahilfer Straße. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2012)

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