"Sogar ein Alonso bringt Geld mit"

Interview |
  • "Die einen wollen mehr Autos verkaufen, die anderen mehr Dosen. Die meisten Teams müssen aber wirtschaftlich funktionieren."
    foto: alastair staley/lat

    "Die einen wollen mehr Autos verkaufen, die anderen mehr Dosen. Die meisten Teams müssen aber wirtschaftlich funktionieren."

Der Wiener Williams-Teilhaber Toto Wolff über die Generation der Pay­driver, zu verkaufende Dosen und die Streicheleinheiten des Bernie Ecclestone

Wien - Williams hat in der Formel 1 auch schon bessere Zeiten erlebt. Zum Beispiel in den 90ern. Viermal stellte das Team aus dem englischen Grove in jenem Jahrzehnt den Weltmeister, nicht weniger als fünfmal gewann der traditions­reiche Rennstall nebenbei den WM-Titel der Konstrukteure. Die Saison 2011 kann getrost als Antithese dieser glorreichen Zeit betrachtet werden. Lediglich fünf Punkte konnten die Piloten Pastor Maldonado und Rubens Barrichello einfahren.

Der Umbruch ließ nicht auf sich warten: Team-Mitbegründer Patrick Head zog sich zurück, Rubens Barrichello wurde durch Bruno Senna ersetzt, Mike Coughlan ist neuer Technischer Direktor und Renault liefert nun die Motoren statt Cosworth. Obendrein gab Teamchef Frank Williams im März seinen Rücktritt aus dem Vorstand bekannt.

Und in all dem Trubel ließ Formel-1-Boss Bernie Ecclestone mit dem Wunsch aufhorchen, der österreichische Teilhaber Toto Wolff möge doch mehr Einfluss bei Williams bekommen. Auch darüber sprach der Finanzinvestor, der einst selbst als talentierter Rennfahrer galt, vor dem Saisonstart mit Philip Bauer.

derStandard.at: Williams machte sich bei den Testfahrten in Spanien mit guten Zeiten bemerkbar. Heißt genau gar nichts, oder?

Toto Wolff: Bei den Testfahrten sind die Teams sehr nahe zusammengerückt. In Wahrheit ist die Aussagekraft aber sehr gering, die Rangordnung werden wir erst beim ersten Qualifying in Melbourne erfahren. Ich glaube aber nicht, dass durch die Änderungen im Reglement alles auf den Kopf gestellt wird.

derStandard.at: Ihre Piloten Pastor Maldonado und Bruno Senna sind relativ unerfahren. Ein Risiko?

Wolff: Williams hat jungen Fahrern immer eine Chance gegeben. Maldonado geht in seine zweite Saison, war GP2-Sieger und hat letztes Jahr gegen Rubens Barrichello eine solide Leistung abgeliefert. Er ist für uns eine einschätzbare Größe. Senna hatte noch nie die Möglichkeit, sich über eine ganze Saison zu beweisen, wir setzen große Hoffnungen in ihn. Wir wissen aber, dass unsere beiden Fahrer noch Erfahrungen sammeln müssen.

derStandard.at: Kann Fahrermentor Alexander Wurz diesen Mangel kompensieren?

Wolff: Wir haben mit dieser Zusammenarbeit einen wichtigen Schritt gesetzt. Er kann den Piloten mit seinem technischen Know-how wertvolle Tipps bezüglich des Setups geben. Er wird ihnen helfen, das Beste aus sich herauszuholen, und wurde von den Fahrern auch gut aufgenommen.

derStandard.at: Laut Sebastian Vettel haben die Boliden in der kommenden Saison weniger Grip. Sind die Piloten nun mehr gefordert?

Wolff: Ich denke nicht. Alle Fahrer werden sich schnell auf die neuen Bedingungen einstellen. Teams, die 2011 mit dem sogenannten "Hot Blowing" gearbeitet haben, profitierten von zusätzlichem Grip. Der fällt nun durch das neue Reglement weg. Uns hat das nie betroffen, da Cosworth zu diesem Effekt gar nicht in der Lage war.

derStandard.at: Ist es für ein Traditionsteam wie Williams schmerzhaft, als "Paydriver-Team" zu gelten?

Wolff: Manche Teams verfolgen mit ihrem Engagement andere Ziele als wir: Die einen wollen mehr Autos verkaufen, die anderen mehr Dosen. Die meisten Teams müssen aber wirtschaftlich funktionieren, da gibt es keinen Platz für Träumereien. "Paydriver" ist für mich ohnehin ein abgedroschenes Wort. Der größte Paydriver wäre demnach Fernando Alonso, er hat den größten Sponsor zu Ferrari gebracht. Natürlich hat er das nicht unbedingt nötig, aber auch er bringt Geld mit.

derStandard.at: Haben sich die Zeiten diesbezüglich geändert?

Wolff: Durch die Kostenexplosion in den Juniorserien ist eine Fahrerliga entstanden, die von jeher die Notwendigkeit hatte, ihre Karriere zu finanzieren. Das beginnt bereits mit dem Kart, dort kostet eine internationale Saison mittlerweile 200.000 Euro. Mit dieser Summe konnte man vor 15 Jahren noch Formel 3 fahren. Die besten Piloten sind heute nicht nur schnell, sondern auch in der Lage, Geld aufzutreiben. Wenn ein Fahrer bei der Formel-1-Türe anklopft, hat er einen Förderer, einen Sponsor oder reiche Eltern im Rücken. Das ist die neue Formel 1.

derStandard.at: Immer wieder ist von Budgetsorgen bei Williams die Rede. Auch Ex-Fahrer Rubens Barrichello sprach dieses Thema nach seiner Ausbootung an. Zählt Williams deshalb nicht mehr zu den Topteams der Formel 1?

Wolff: Das Budget ist wichtig, um Motorsport zu betreiben. Es sichert die Ressourcen. Der Erfolg ist aber nicht nur vom Budget abhängig. Der Motorsport ist ein zyklisches Geschäft, man kann nicht immer oben sein. Es geht um die richtigen Mitarbeiter und die richtigen Fahrer. Toyota hatte vor einigen Jahren das größte Budget und war trotzdem nicht erfolgreich.

derStandard.at: Welche Auswirkungen hat der Teilrückzug von Frank Williams auf das operative Geschäft?

Wolff: Keine. Frank Williams bleibt Teamchef und voll im Unternehmen aktiv, im Verwaltungsrat als aktiver Zuhörer und Gast. Wir wollen nicht auf seine Erfahrung verzichten. Er sorgt nur rechtzeitig und weitsichtig für einen Übergang in die nächste Generation der Familie.

derStandard.at: Patrick Head hat das Team verlassen, ebenso der Technische Direktor Sam Michael und Chefaerodynamiker Jon Tomlinson. Können so viele Wechsel an Schlüsselpositionen in so kurzer Zeit gutgehen?

Wolff: Wir mussten die Positionen identifizieren, die nicht funktionieren, und ebendort Leute einsetzen, in die wir großes Vertrauen haben. Mit der Mannschaft rund um den neuen Technischen Direktor Mike Coughlan denken wir, die richtigen Leute nun in den richtigen Positionen zu haben.

derStandard.at: Coughlan war 2007 in die Spionage-Affäre rund um McLaren verwickelt. Manche Beobachter haben sich die Frage gestellt: Warum gerade er?

Wolff: Dieses Thema ist erledigt, uns interessiert die Vergangenheit nicht. Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte. Und selbst wenn er einen Fehler gemacht haben sollte, ist er dafür eingestanden. Coughlan hat McLaren Siegerautos gebaut, er ist eine unserer Schlüsselpersonen und wir zählen hundertprozentig auf ihn.

derStandard.at: War die letzte Saison ein guter Zeitpunkt für einen Schnitt im Team, frei nach dem Motto: "Es kann nicht mehr schlimmer werden"? 

Wolff: Ja, wir haben die letzte Saison schonungslos analysiert und wirklich versucht, alle Schwächen auszumerzen. Ob uns das gelungen ist, werden wir in zehn Monaten sehen. Meine Erwartung ist, das wir uns gegenüber dem Vorjahr verbessern. Siege zu erwarten wäre zum jetzigen Zeitpunkt aber unrealistisch.

derStandard.at: Bernie Ecclestone meinte zuletzt: "Leute wie Toto Wolff sollten mehr Kontrolle bekommen." Sehen Sie das auch so?

Wolff: Es ehrt mich sehr, dass Ecclestone so viel Vertrauen in mich setzt. Derzeit bin ich Finanzinvestor und als Mitglied des Verwaltungsrats ein Teil des Gremiums, das Entscheidungen trifft. In dieser Rolle fühle ich mich zurzeit sehr wohl. Ich kann das Investment mit meiner großen Leidenschaft, dem Motorsport, verbinden. Dadurch bin ich hier vielleicht mehr involviert, als ich es bei anderen Unternehmen wäre. 

derStandard.at: Wie hat sich Ihre Arbeit im Team in den letzten zwei Jahren entwickelt, bringen Sie sich heute mehr ein als direkt nach Ihrem Einstieg?

Wolff: Wenn man einigermaßen vernünftig ist, sollte man als Neuling in einem Verwaltungsrat zuerst zuhören. Danach kommt das Mitreden, in der Situation bin ich jetzt. Die Kommunikation verläuft sehr gut.

derStandard.at: Eine Quizfrage zum Abschluss: Wissen Sie, wann Williams zuletzt einen Grand Prix gewonnen hat?

Wolff: Nein. Aber es interessiert mich auch überhaupt nicht. Es interessiert mich nicht einmal, was gestern passiert ist. Mich interessiert jetzt nur der Auftakt zur neuen Saison in Melbourne. (derStandard.at, 6.3.2012)

Toto Wolff (40) ist seit 2009 Miteigentümer von Williams. 1998 gründete er das auf Technologie-Start-ups ausgerichtete Unternehmen Marchfifteen. Als Rennfahrer feierte der Österreicher vor allem 2006 beachtliche Erfolge, als er österreichischer Rallye-Vizemeister sowie Sieger des 24-Stunden-Rennens von Dubai wurde. Seit Oktober 2011 ist er mit der schottischen DTM-Pilotin Susie Wolff (vormals Stoddart) verheiratet.

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