Gottesfurcht und Teufelslust

  • Donald Ray Pollock, "Das Handwerk des 
Teufels". Deutsch von Peter Torberg (Liebeskind-Verlag)
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    Donald Ray Pollock, "Das Handwerk des Teufels". Deutsch von Peter Torberg (Liebeskind-Verlag)

In seinem grandiosen Debütroman "Das Handwerk des Teufels" schildert Donald Ray Pollock die US-Provinz als Hort der menschlichen Grausamkeit

Wuchtige Prosa in der Tradition Flannery O'Connors.

Wien - Am Ende dieses verstörenden Romans sind die meisten Protagonisten um ihr Leben gebracht worden - aber noch nicht alle: "Es ist schwer, ein ehrbares Leben zu führen. Der Teufel versteht sein Handwerk." Der diese Sätze sagende Wanderprediger Roy befindet sich seit Jahren auf der Flucht. Er hat einst seine junge Frau erstochen, weil er sie als Beweis der Allmacht Gottes mit der Kraft seiner Gebete wieder zurück ins Leben holen wollte.

Seinen pädophilen Bruder Theodore, mit dem er das Wort verkündend durch die Südstaaten reiste, hat er tot in Florida zurückgelassen, gestorben am Schnaps und den Spätfolgen eines weiteren jugendlichen Irrsinns. Auch Theo wollte als junger Mann den wunderwirkenden Gott aus seinem Versteck locken. Er nahm Gift, damit er geheilt werde. Er landete gelähmt im Rollstuhl. Nun will Bruder Roy nach Hause nach Knockemstiff. Einmal noch will er seine dort lebende Tochter sehen und Abbitte leisten. Bald wird Roy zur Hölle fahren.

An einer jener Kreuzungen, an denen die US-Mythologie gern den Teufel ansiedelt, um die Menschen zu versuchen und die falsche Abzweigung nehmen zu lassen, hat ihn ein Serienkillerpaar als Autostopper mitgenommen. Es wird mit ihm, so wie mit allen anderen Romanfiguren zuvor, ein schreckliches Ende nehmen.

Autor Donald Ray Pollock ist ein harter Mann, der von einer harten Umgebung geformt wurde. Aufgewachsen ist der 1954 geborene US-Autor in der Nähe eines gottverlassenen ehemaligen Schwarzbrennerdorfs in Ohio, welches tatsächlich Knockemstiff ("Schlag ihn tot") heißt. Er lebt und arbeitet noch heute in dieser menschenleeren Gegend.

Mehr als 30 Jahre war der Schulabbrecher Pollock für eine lokale Papierfabrik als Lastwagenfahrer tätig. Mitte der Nullerjahre belegte er einen Fernkurs für kreatives Schreiben. Es erschien ein erster Erzählband namens Knockemstiff. Dieser wurde von der US-Kritik als Weiterführung der erzählerischen Holzschnitt-Tradition einer Flannery O'Connor und ihrer archaischen, bibelfesten wie gewalttätigen Geschichten von kleinen Leben, großer Armut und großen Tragödien bejubelt.

Gnade und Erlösung

Mit seinem 2011 als The Devil all the Time erschienenen und nun auf Deutsch als Das Handwerk des Teufels vorliegenden Roman hat Pollock seine erzählerische Wucht und archaischen Stoffe zu einer atemberaubenden Langform verdichtet. Die Geschichte nimmt mit der Kriegsheimkehr des Soldaten Willard Russell 1945 ihren Anfang. Willard ist ein von den Schrecknissen im Pazifik traumatisierter Sohn armer Tagelöhner. Wieder zu Hause, arbeitet er als Schlachter, heiratet, zeugt einen Sohn namens Arvin. Aufgrund der Krebserkrankung seiner Frau Charlotte Anfang der 1950er-Jahre verfällt er zwischen religiösem Fanatismus und Schnaps dem Wahnsinn inklusive gewalttätiger Schübe. Mit Blutopfern und nächtelang im Wald vor gekreuzigten Tierkadavern gebrüllten Gebeten soll ein herunter vom fernen, düsteren Himmel gelockter Gott um Erlösung gebeten werden.

Beides, Gott und Erlösung, wird man in Das Handwerk des Teufels vergeblich suchen. An deren Stelle treten Gier, Hass, Mordlust. Donald Ray Pollock erzählt dies als Kreuzwegpassion weitgehend ohne Emotionen. Dennoch ist dieser Roman von großer Wut auf die Sinnlosigkeit eines Daseins geprägt, aus dem es kein Entkommen außer dem Tod zu geben scheint. Eine Lektüre, die in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur ihresgleichen sucht.

Ein Beispiel: "Die wilden Rufe und Schimpfereien der Betrunkenen erinnerten den Jungen an den Jäger, der blutüberströmt im Schlamm lag. Sein Vater hatte dem Mann eine Lektion erteilt, die dieser nie vergessen würde; das nächste Mal, wenn sich jemand mit ihm anlegen wollte, würde Arvin dasselbe tun. Er schloss die Augen und betete." (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 6. März 2012)

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