"Ich bin einfach drübergehüpft"

Interview | Michael Robausch
7. März 2012, 09:41
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  • Beate Schrott im WM-Halbfinale von Daegu 2011 ...

  • ... und mit Trainingspartnerin Danielle Carruthers.
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    ... und mit Trainingspartnerin Danielle Carruthers.

Österreichs Top-Hürdensprinterin Beate Schrott vor der Hallen-WM in Istanbul über Laufen wie in Trance

Beate Schrott ist mit ihrem kürzlich aufgestellten Rekord über 60 Meter Hürden endgültig in der europäischen Spitze angekommen. Kein Wunder, dass sie den Endlauf bei der Hallen-Weltmeisterschaft in Istanbul am Wochenende zumindest im Hinterkopf hat. Die WM ist aber nur eines von gleich drei Großereignissen, bei denen Österreichs Leichtathletin des Jahres 2011 heuer am Start sein wird. Der Höhepunkt sind selbstredend die Olympischen Sommerspiele in London. Warum solche Anlässe auch als Kontaktbörse wichtig sind und man sich an Läufe am besten gar nicht erinnern können soll, erklärt die 23-Jährige im Gespräch mit derStandard.at.

***

derStandard.at: Es sind nur noch wenige Tage bis zur WM. Ist schon ein bisschen Anspannung da?

Schrott: Ja, doch. Das muss wahrscheinlich so sein.

derStandard.at: Sie reisen ja sehr kurzfristig nach Istanbul ...

Schrott: Wir wollen den Aufenthalt bei den beiden Großereignissen (Hallen-WM; EM, Anm.) vor den Olympischen Spielen relativ kurz halten. In London wird es ohnehin länger, da kann es schon leicht einmal zum Lagerkoller kommen.

derStandard.at: Aber Sie begeben sich offensichtlich auch nicht in Quarantäne, um irgendwelche Ansteckungen im letzten Moment zu vermeiden.

Schrott: Ich sperre mich nicht zu Hause ein, aber man passt schon auf gewisse Dinge auf. Ich nehme zum Beispiel keine Zeitung, von der ich nicht weiß, wer sie vorher in der Hand hatte. Ich gehe auf die Uni, war trotz Grippezeit auch einmal im Kino. Aber mit gewissem Abstand zu anderen Leuten.

derStandard.at: Aber Prüfung gibt's diese Woche keine mehr?

Schrott: Nein, Gott sei Dank.

derStandard.at: Welche Wertigkeit hat eine Weltmeisterschaft in einer Olympiasaison?

Schrott: Wir sehen die Hallen-WM und die Europameisterschaft Ende Juni als Vorbereitung für die Olympischen Spiele und wollen sie dementsprechend gestalten, also möglichst so nehmen wie normale Wettkämpfe. Obwohl sie das natürlich nicht sind. Ich habe mich doch speziell vorbereitet und selbstverständlich ist Istanbul ein wichtiger Bestandteil meiner Saison.

derStandard.at: Eine Art Experiment also, möglichst wenig Wind machen?

Schrott: Es ist für mich schon auch eine mentale Geschichte. Drei wirkliche Höhepunkte wären vielleicht zu anstrengend. Die Planung läuft natürlich darauf hinaus, die Höchstform bei den Spielen zu erreichen. Andererseits ist man doch immer auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Wettkämpfen, ein Auslassen etwa der EM kommt deshalb nicht in Frage.

derStandard.at: Die Hallensaison läuft mit zwei kurz hintereinander aufgestellten Bestzeiten bisher hervorragend. Wie wird man schneller im Hürdensprint?

Schrott: Basis ist die Grundschnelligkeit. Je flotter ich 100 Meter laufen kann, desto besser die Ausgangsposition. Der Rest sind die technischen Feinheiten, diesbezüglich haben wir zuletzt auch viel gemacht. Der Sprung jetzt ist aber anders zu erklären, nämlich mit drei intensiven Trainingslagern in den USA.

derStandard.at: Sie haben da auch Ihre Technik umgestellt. Worum ging es dabei im Detail?

Schrott: Der größte Unterschied zum letzten Jahr ist, dass ich jetzt wieder acht Schritte bis zur ersten Hürde mache statt sieben.

derStandard.at: Ist das eine rein technische Frage oder auch eine Wohlfühlsache, wo man sagt, okay, das geht rhythmisch besser?

Schrott: Prinzipiell sind die acht Schritte Usus. Ich habe das verändert, weil ich immer zu nahe an die erste Hürde herangekommen bin. Man kann dann nicht in sie hineinattackieren, sondern würde in sie hineinlaufen. Es hat sich aber herausgestellt, dass ich auch mit sieben Schritten langsamer als die europäische Spitze war. Vielleicht bin ich dafür nicht kräftig genug. Mit sieben Schritten auskommen, das können nur ganz wenige Athletinnen auf der Welt. Es ging dabei also einfach um die pure Zeit.

derStandard.at: Wovon haben Sie in den USA am meisten profitiert?

Schrott: Von den Trainingspartnern. Das sind Weltklasse-Athletinnen wie Danielle Carruthers. Da pusht man sich im Training gegenseitig. Ich sehe ja, welche Gewichte sie stemmen kann, und da will ich dann zumindestens herankommen. Wenn man gegen die Vizeweltmeisterin läuft, dann kann man sich keinen Patzer erlauben. Man will sich natürlich auch keine Blöße geben. Und wenn die Trainingsqualität hoch ist, wirkt sich das erheblich auf die Leistung im Wettkampf aus.

derStandard.at: Bekommt man da auch Tipps?

Schrott: Ja. Auch weil ich mit ihr mittlerweile gut befreundet bin. Das geht von der Ernährung bis zu technischen Fragen. Bei einem Wettkampf hat sie mich dann sogar gecoacht.

derStandard.at: Wie ist der Kontakt mit Carruthers zustande gekommen?

Schrott: Ihr Trainer Rana Reider, ein wirklicher Top-Mann, war mit dem Österreicher Ryan Moseley bei der Europameisterschaft in Barcelona. Da haben wir ihn kennengelernt.

derStandard.at: Großereignisse sind also auch als eine Art Kontaktbörse wichtig?

Schrott: Ja, ich habe da diesbezüglich sehr davon profitieren können.

derStandard.at: Sie waren eine sehr gute Weitspringerin und sind erst relativ spät zum Hürdensprint gewechselt. Ist das die Disziplin, wo Sie Ihre Talente optimal kombinieren können?

Schrott: Hürden habe ich immer schon gemacht, war aber im Jahr der U20-WM im Weitsprung einfach besser und habe mich qualifizieren können. Aber es gibt da schon eine gegenseitige positive Beeinflussung. Es ist dann ein schöner Leistungsschub gekommen - und so bin ich bei den Hürden hängen geblieben.

derStandard.at: Apropos hängen bleiben: Wie oft stürzt man denn drüber über die Hürden? Und wie geht man auf sie zu, vor allem am Anfang?

Schrott: Das war immer meine Stärke. Mir hat das nie viel ausgemacht, ich bin da einfach drübergehüpft. Es hat nie eine Hemmschwelle gegeben.

derStandard.at: Die geplante nächste Frage, ob die Hürde als Freund oder Feind wahrgenommen wird, ist damit schon ziemlich eindeutig entschieden ... Interessant ist ja auch, dass ein ausgewachsener Hürdensprint im Training relativ selten vorkommt. Warum?

Schrott: Man versucht eher, Teilsequenzen speziell zu üben. Isoliert man gewisse Aspekte des Ablaufs, können sie konzentrierter angegangen werden. In der Freiluftsaison kommt es zwar vor, dass man, weil der Lauf ja lang ist, Überdistanzen einstreut. Also beispielsweise über zwölf statt zehn Hürden geht. Aber das ist wirklich selten. Man würde einfach zu schnell ermüden. Reduziert man auf kürzere, dafür aber öfter absolvierte Distanzen, kommt man trotzdem auf eine große Anzahl an Hürdenüberquerungen. Darauf kann man sich besser einstellen und es steigt auch die Bereitschaft, jedes Mal 100 Prozent zu geben.

derStandard.at: Wie hoch ist Ihr Trainingsumfang pro Woche?

Schrott: Eine Einheit dauert um die zwei Stunden, ich mache in der Woche etwa neun. In der Wettkampfphase entsprechend weniger. Vier davon Kraft, da wird die körperliche Basis gelegt. Krafttraining ist darüber hinaus für die Verletzungsprophylaxe ganz, ganz wichtig.

derStandard.at: Sind die Unterschiede zwischen den Distanzen 60 und 100 Meter groß?

Schrott: Wenn du am Start schlecht bist, sind die 60 ganz schnell vorbei.

derStandard.at: Ist das eine spezielle Herausforderung, dass diese Disziplin keinen Fehler verzeiht?

Schrott: Ich habe in internationalen Feldern gemerkt, dass es in der Phase bis zur ersten Hürde bei mir noch hapert. Daran dezidiert zu arbeiten war dann schon eine reizvolle Aufgabe.

derStandard.at: Interagieren Sie mit den Gegnerinnen? Nehmen Sie die wahr? Darf man das überhaupt, wenn man konzentriert sein will?

Schrott: Das war Thema bei meinem letzten Mentalcoaching, dass ich Gegnerinnen so schwer ausblenden kann. Das muss aber gar nicht sein. Schließlich steht man im Wettkampf, damit jemand Schnellerer neben dir ist. Das wirkt sich ja auch positiv aus, weil du versuchst, die zu schlagen. Man muss das zu seinem Vorteil nützen.

derStandard.at: Sie registrieren also, wo die anderen sind?

Schrott: Man nimmt das schon wahr. Obwohl: Nach einem gelungenen Lauf kann ich mich an den nicht mehr erinnern. Man rennt wie in Trance. Das zeichnet die wirklich guten Läufe aus. Es wundert mich immer, wenn andere fast jede Sekunde ihres Laufes schildern können. Sobald ich bei einem Lauf nachdenken kann, war es nicht so das Nonplusultra. Ich kann im Optimalfall nichts mehr wiedergeben, und ich glaube, so soll das auch sein.

derStandard.at: Wie gehen Sie damit um, dass die körperlichen Voraussetzungen in der Leichtathletik so wichtig sind? Dass es physiologische Grenzen gibt, die trotz intensivsten Trainings nicht überschritten werden können? Ist das nicht manchmal frustrierend?

Schrott: Für mich gar nicht. Ich freue mich so sehr, dass ich in der Europaspitze dabei bin. Es gibt eben Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Ich kann nur an meiner Leistung arbeiten. Das klingt vielleicht blöd, aber es ist momentan nicht mein Ziel, Europameisterin zu werden. Der Sport macht mir einfach Spaß. Und die Olympischen Spiele, das ist sowieso der Hammer. Das war immer der große Traum. Ich bin froh, wie es für mich läuft.

derStandard.at: Gute Zeiten sind wichtiger als bestimmte Platzierungen?

Schrott: Das kann man schon so sagen. Ich wäre für mich mit einem guten Lauf zufriedener. Wenn die anderen schneller rennen, rennen sie schneller. So ist das einfach. Das Semifinale möchte ich in Istanbul aber schon erreichen, das ist klar. Das Finale ist im Hinterkopf, es als konkretes Ziel zu formulieren wäre aber ein bissl schwierig. Ich bin jetzt schon so knapp an der Acht-Sekunden-Marke, natürlich wäre es cool, darunterbleiben zu können. Ich weiß aber, dass man bei Weltmeisterschaften nicht so befreit laufen kann wie bei einem kleinen Meeting. Aber man macht Erfahrungen. Und irgendwann, hoffentlich, tritt so ein bissl ein Gewöhnungseffekt ein. (lacht)

derStandard.at: Hürdensprint ist eine sehr ästhetische Bewegungsform. Eine Mischung aus Aggressivität, Dynamik und Präzision - aber auch aus Entspanntheit. Ich stelle es mir schwierig vor, da die Balance zu halten und nicht zu verkrampfen.

Schrott: Das trifft eher für den Flachsprint zu. Bei den Hürden steht für mich eindeutig die Aggressivität im Mittelpunkt. Lockerbleiben ist für mich nicht so das Problem. Je aggressiver, desto besser. Das richtet sich schon manchmal auch direkt auf die Hürden. Ich habe von meinem Coach nicht nur einmal gehört: "Attackier die Hürde!" Oft stelle ich mir auch vor, die Hürde ist etwas, was ich gerade zertreten will.

derStandard.at: Fixiert man die eigentlich mit den Augen während des Laufens?

Schrott: Das ist schon komisch. Oft weiß ich gar nicht, wo ich hinschaue. Ich glaube, wenn man eine Hürde überquert, schaut man schon auf die nächste. Aber das ist etwas, das so automatisch abläuft, dass ich es gar nicht wiedergeben kann.

derStandard.at: Bei mir kommt es manchmal vor, dass ich Impuls spüre, einen Pass zu spielen, wenn etwas auf der Straße liegt, das man als Ball interpretieren könnte. Ist das bei Ihnen ähnlich, wenn da zum Beispiel auf einmal eine Art Hindernis steht, dass Sie gerne drübergehen würden?

Schrott: Meine Freunde lachen mich manchmal aus, weil ich beim Gehen zwischendurch einen Sprint-Armzug mache. Und wenn ich wo drüberspringe, dann passiert es mir wirklich oft, dass ich probiere, das technisch richtig zu machen. Und nicht einfach nur so. (lacht) Das ist anscheinend in einem drinnen und das kriegt man, glaube ich, auch nicht mehr heraus. (Michael Robausch, derStandard.at, 7.3.2012)

Zur Person

Die Medizinstudentin Beate Schrott (23) hält die österreichischen Rekorde über beide Sprintdistanzen im Hürdenlauf (60 Meter: 8,02 Sekunden, aufgestellt im Februar 2012, vierte Stelle der europäischen Jahresbestenliste; 100 Meter: 12,95 Sekunden, Juli 2011). Ihr international bisher größter Erfolg war das Erreichen des Halbfinales bei der WM 2011 in Daegu (18. Platz). 2012 nimmt sie gleich an drei Großereignissen teil: der Hallen-WM in Istanbul (9. bis 11. März), der EM in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli) und den Olympischen Spielen in London (27. Juli bis 12. August).

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Danke Standard

ein toller Bericht über eine medial sehr vernachlässigte Grundsportart. Beate hat in den letzten Jahren eine irrsinnig tolle Entwicklung durchgemacht und durch hartes Training dieses Level erreicht. Ich wünsche Ihre alles Glück für die kommende Saison und hoffe das der Standard weiter über österreichische "Randsportarten" berichtet.

tolle frau!

Verwegener Blick!

Dirty Harry hätte seine Freude damit! ;-)

Viel Erfolg und gutes Gelingen!

sally pearson ist noch immer in guter form, vor kurzem neue bestzeit auf australischem boden fuer 100m augestellt

göttin:-)

Nebenbei noch Medizin studieren - alle Achtung!

und das noch erfolgreich - bewundernswert.

Gebt das Video raus

schrott darin weit abgeschlagen, nur der 6.platz.
da wird sie noch viel trainieren müssen.

welche gewichte stemmen die trainingspartnerinnen eigentlich? tät mich interessieren...

Wiedermal eine super Überschrift..

Achja die Leichtathletik. Werd immer ganz wehmütig wenn ich darüber lese/zusehe.

Sehr schade, dass diesem Sport im Fernsehen so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Jedes Schirennen und jedes mittelmäßige Fußballherumgeschieße wird live übertragen - sehr einseitig.

Sehr gute persönl. Bestzeit übrigens von Beate Schrott. 12.95, alle Achtung! Alles Gute für Olympia!

weils keine s.. interessiert?

die brauchts eh nicht interessieren...

die_eidechse hat schon recht. Auch wenn es wenig sensibel formuliert ist. Da die Masse genau den Einheitsbrei will, gibt's dort den Senf und die Übertragungszeiten.

hürden springt man nicht, die läuft man...

schade, dass ich aufgehört hab, hätt diese frau gern kennengelernt.
ist wirklich nett und sehr intelligent!

Alles Gute wünsch ich!

3 höhepunkte wärn mir auch zu anstrengend

Ist von der Stellung abhängig :-)

Schön, dass der Leichtathletik auch mal jenseits des Männersprints etwas Raum gegeben wird. Die Frau ist intelligent uns sympathisch, was sie sagt interessant. So schaut gute Sportberichterstattung aus!

Mein ganzes Leben ist auch ein Hürdenlauf

Und niemand interviewed mich! Vielleicht deshalb, weil man im normalen Leben Hürden manchmal auch unterlaufen kann? ;-)

oder umgrassert.

"Ich bin einfach drübergehüpft"

Den Spruch kenn ich eher von einschlägigen Männerstammtischen ^^

coole frau-und klasse durchtrainiert. *thumbs up*

na was dachtest du wie eine spitzensportlerin so aussieht....

wie die mutlu

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