Aserbaidschan: Revolution abgeblasen

  • Fast die Hälfte der Bevölkerung demonstrierte in Guba gegen den Gouverneur.
    foto: reuters/stringers

    Fast die Hälfte der Bevölkerung demonstrierte in Guba gegen den Gouverneur.

Ein örtlicher Volksaufstand im Eurovisionsland ist wieder verraucht, Satiriker im Ausland entdecken nun aber die orientalische Autokratenfamilie in Baku

Alles wieder ruhig in Guba, arabischer Frühling in Aserbaidschan gestoppt, westliche Ingenieurs- und Mineralölwelt kann wieder aufatmen. Das brauchen wir jetzt bitte nicht, so eine Revolution.

Der belgische Politikwissenschaftler Bruno de Cordier (Universität von Gent, Conflict research group) hat im vergangenen Jahr ein Papier geschrieben, in dem erklärt wird, warum das so ist: keine Revolution jetzt, aber später schon. Aserbaidschan und die beiden zentralasiatischen Staaten Usbekistan und Tadschikistan sind heiße Kandidaten für einen "arabischen Frühling", weil:

  • großer Anteil an Jugendlichen in der Bevölkerung (26-39%)

  • autoritäre Familienherrschaft (Aserbaidschan: Heydar Alijew 1969-82 und 1993-2003, seit 2003 Sohn Ilham, unbegrenzte Wiederwahl)

  • soziale Mobilität nach außen (Arbeiten und studieren im Ausland), wachsende Ungleichheit im Inneren

Über den Filz der Familie Alijew und ihren immer nur wachsenden Reichtum hat der US-Sender CNBC einen kleinen – nicht zu tief schürfenden – Film gedreht. Darin kommen auch Söhnchen Heydar Alijew Jr., der im Alter von 11 schon neun Villen in Dubai besaß, gleichsam als Grundstock für die spätere Vermögensbildung, und Glamour-Tochter 2, Arzu Alijewa, vor (Glamour-Tochter 1 heißt Leyla). Dass die Zentralveranstaltung des Kitsches, der Eurovision Contest, Ende Mai natürlicherweise in Baku stattfindet, belebt das Satiregeschäft mit Aserbaidschan, der Öl- und Gasrepublik am Kaspischen Meer. Orientalische Autokratien mit wunderlichen Namen sind ein schöner Stoff für die Branche. Extra 3, die Satiresendung des deutschen NDR, hat deshalb ein Erklärstück über das Eurovisionsland Aserbaidschan, seinen Präsidenten und die begleitenden Maßnahmen zum Bau des eigens für den Sängerwettbewerb errichteten "Kristallpalast" zusammengeschnitten. Das Filmchen zirkuliert auch in der aserbaidschanischen Facebook-Gemeinde. Der Blogger Adnan Hajizadeh wurde 2009 für ein ähnlich gelagertes Stück zusammen mit seinem Freund Emin Milli verprügelt und für 17 Monate ins Gefängnis gesteckt:

In Guba wiederum, einem laut Tourismuswerbung halb paradiesischen Städtchen im Norden des Landes, knapp 170 Kilometer entfernt von der Hauptstadt, rebellierten am 1. März an die 10.000 Menschen – es wäre fast die Hälfte der Bevölkerung – gegen Gouverneur Rauf Habibow. Der hatte seine Provinzvolk der attraktiven Immobilienlage im Bergland wegen als verkäufliche Menschen bezeichnet, die ihr Land und sich selbst für 30 bis 40 Manat (umgerechnet 28 bis 38 Euro) verkauft hätten. Damit beschwor er die "ungenehmigte Demonstration" sowie die Inbrandsetzung seines eigenen Hauses herauf. Es dürfte die größte Protestkundgebung im Land seit den gefälschten Parlamentswahlen vom November 2005 gewesen sein. Die Regierung berief den Gouverneur ab, was zeigt, wie ernst sie den Unmut der Bevölkerung nahm. Ein Nachspiel wird es aber geben: Habibows Äußerungen fielen bereits im November vergangenen Jahres. Jemand müsse sie im Internet in Umlauf gebracht und die Leute aufgestachelt haben, erklärte ein Regierungsvertreter in Baku. Neue Festnahmen im Blogger-Milieu sind also zu erwarten.

Guba liegt am Fuß des Şahdağ (4243 m), wo das derzeit größte Skiressort des Landes seiner Fertigstellung entgegensieht. Den Großteil des Areals samt Hotels und Boutiquen hat sich dem Vernehmen nach Präsidentenfrau Mehriban zugeteilt. In Wirtschaftskreisen wird nicht ausgeschlossen, dass der Staat auch EU-Mittel für das Großbauprojekt verwendet hat. Eines der Brüsseler Etiketten für die Millionenhilfe an Aserbaidschan wird sich in diesem Fall dann schon gefunden haben: "Energie-Unterstützungs-Reformprogramm", "capacitiy building für ländliche Gebiete" oder "Stärkung der Verwaltungskompetenz des Tourismusministeriums"...

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