"Wir können doch nicht alle Heesters nachmachen!"

Interview | 2. März 2012, 20:23

Bassbariton Thomas Quasthoff kommt nach Wien, um die Finalisten seines Liedwettbewerbs zu präsentieren

Ljubisa Tosic sprach mit ihm über die Gründe für seinen Rücktritt als Sänger und die Situation der CD-Branche.

Standard: Sie haben unlängst Ihren Rückzug als Sänger bekanntgegeben - möglicherweise nehmen Sie aber zumindest noch CDs auf?

Quasthoff: Nein! Ich trete doch nicht zurück und mache dann CDs - das wäre doch albern!

Standard: Mit Ihrem Rücktritt sind also auch viele geplante Aufnahmen geplatzt?

Quasthoff: Ja, und damit muss die Deutsche Grammophon leben. Und ganz ehrlich: So wie die Branche mittlerweile funktioniert, bin ich froh, auch mit diesen Dingen in Hinkunft nichts mehr zu tun haben zu müssen.

Standard: Bei Ihrer Reputation hatten Sie beim Label doch sicher eine privilegierte Position?

Quasthoff: Nein, seit 1999 hatte ich zehn unterschiedliche Produzenten erlebt, auch da war keine Kontinuität. Es gibt auch keine Kontinuität in dem Sinne, dass junge Sänger in aller Ruhe aufgebaut werden. Auch war die exklusive Zugehörigkeit eines Künstlers zur DG früher eine hohe Auszeichnung. Das kann ich nicht mehr entdecken. Da werden Leute schnell hochgepuscht, die den Status gar nicht verdienen.

Standard: Nimmt ökonomisches Denken überhand?

Quasthoff: Die Zeiten haben sich geändert. Wenn ich mir heute von einem 30-jährigen Wirtschaftsmenschen sagen lassen soll, wie das Musikgeschäft funktionieren muss - dazu habe ich mit 52 keine Lust. Ein Beispiel: Als ich meine erste Jazz-CD plante, kam tatsächlich ein Marktanalytiker zu mir und meinte, sie hätten eine Untersuchung durchgeführt und diese hätte ergeben, die CD würde überhaupt niemanden interessieren, würde nicht laufen!

Wie konnten die eine Analyse machen, wo sie doch das Produkt nicht wirklich kannten, überhaupt nicht wussten, was für Repertoire geplant war? Das kann es doch nicht sein! Die Tatsache dazu: Das Jazzprojekt führte zur zweiterfolgreichsten CD in meiner DG-Karriere, verkauft wurden fast 100.000 Stück. So sieht das heute aus. Da sitzen Leute, die glauben, mir etwas über Musik und Management erzählen zu können - da lache ich mich kaputt!

Standard: Als Sie bekanntgaben, aufhören zu wollen, lachte niemand.

Quasthoff: Ach, macht doch nicht so ein Drama daraus, so ein Quatsch! Es hört mal jemand auf, und es wird in den nächsten Jahren mehrere geben, die aufhören werden. Wir können nicht alle Johannes Heesters nachmachen!

Standard: Aber es war schon eine traurige Überraschung?

Quasthoff: Zugegeben: Mit 52 aufhören - das ist schon ein bisschen früh. Aber es war wohlüberlegt.

Standard: Privat oder beim Unterrichten werde Sie aber schon noch Ihre Stimme erheben?

Quasthoff: Jeden Tag! Ich kann schon noch, so ist es nicht. Ich will nur eben nicht mehr öffentlich auftreten. Schauen Sie: Ich habe drei Stents in meiner Herzarterie, ich habe eine hundertprozentige Körperbehinderung, auf die ich etwas Rücksicht nehmen muss. Und das Herumfliegen und all diese Geschichten - das geht an die Substanz eines jeden Sängers. Wenn ich Ihnen meinen Terminplan zeigen würde, wie er für die nächsten Jahren ausgesehen hätte, sie würden sagen, ich sei nicht ganz bei Trost. Und zurecht! Dann hatte ich nach dem Tod meines Bruders, vor eineinhalb Jahren, eine ganz, ganz schwere Stimmband- und Kehlkopfentzündung, die aber nicht durch irgendeinen Virus entstand. Ich denke, es war psychisch; mein Körper hat gesagt, es reicht. Ich musste ein halbes Jahr pausieren und habe dann festgelegt: Wenn ich nicht wieder in die gewohnte Topform komme, höre ich auf. Und so war es.

Standard: Im Musikverein präsentieren Sie am 8. März die Finalisten Ihres Wettbewerbes "Das Lied". Was ist für Sie ein guter Sänger?

Quasthoff: Stimme ist immer auch ein bisschen Geschmackssache. Ich schätze Kollegen, die Ausstrahlung haben, nicht nur Töne singen, vielmehr wissen, was sie tun. Ich schätze Leute, die ausdrucksstark sind, auch etwas wagen. Es wird übrigens ein normaler Liederabend. Ich stelle die Leute vor, stehe nicht im Mittelpunkt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.3.2012)

 

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10 Postings
ein unsympathler den ich nicht vermisse

Wer - Sie?

NA

Gott sei Dank macht er es nicht wie Heesters... Diesen unsympathischen Egoisten will nicht noch 40 Jahre sehen!!! Wenn die Herrschaften die so viel auf Ihn halten wüssten wie der mit Studenten und Kollegen umgeht würden Sie ihre Meinung schnellstens ändern!!

Wie geht er denn mit seinen Studenten um?

respekt an quasthoff.

vielleicht klopft er ja mal bei manfred eicher an, der wäre sicher für das eine oder andere projekt zu begeistern?

Gute, angenehm unmoderne Haltung.

Da will sich doch tatsächlich einer nicht zu Tode hackeln, und lässt es gut sein.

Ein großartiger Musiker, auch freut es mich, dass er es den dämlichen Marktanalytikern gibt, die die Klassikszene zerstören. Erfolg hängt von anderen Faktoren ab, die nicht messbar sind.

ich erweitere das auf die gesamte musikszene

Meine allergrößte Hochachtung Herrn Thomas Quasthoff!

Ein sehr beeindruckender Mensch.

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