"Heute ein Star, morgen der Loser"

Interview |
  • "Ich war immer so orientiert, dass ich weiß, dass es heute auch vorbei sein kann."

Marcel Hirscher, der am Freitag seinen 23. Geburtstag feierte, spricht über den Wert der Siege, den Begriff Star, die Einfädelaffäre, das Material, Spieleabende und über den Schein in der Skiwelt

Standard: Sind Sie noch so locker wie zum Saisonstart, als es darum gegangen ist, nach der Verletzung wieder der Alte zu werden?

Hirscher: Ich würd sagen lockerer.

Standard: Weshalb?

Hirscher: Weil die Saison extrem cool verlaufen ist, viel besser als ich mir gedacht habe, mit acht Siegen fast ein bisserl unreal.

Standard: Die Konkurrenz jagt am Wochenende in Kvitfjell Weltcuppunkte. Was werden Sie machen, außer Geburtstag zu feiern?

Hirscher: Trainieren und mir die Rennen im Fernsehen anschauen.

Standard: Sie haben schon im Dezember im Weltcup geführt. Seit wann glauben Sie selbst an die Chance, die große Kristallkugel zu gewinnen?

Hirscher: Seit Bansko. Zuvor habe ich ja 200 Punkte Rückstand gehabt. Da kannst normal zusammenpacken. Gott sei Dank läuft es so gut. Aber es kann alles passieren. Wenn ich heuer gar keinen Punkt mehr mache, ist das zwar schade, aber die Saison bleibt erfolgreich.

Standard: Die Saison lässt sich also nicht mehr verpfuschen?

Hirscher: Nein. Jetzt probiere ich, das finale Setup zu finden für den Frühlingsschnee, und dann schau ich, dass ich so schnell wie möglich durch die Staberln fahre.

Standard: Die acht Siege führten dazu, dass Sie in der Öffentlichkeit aufgestiegen sind: von einem, der das Zeug zum Star hat, zum Star. Wie sehen Sie das?

Hirscher: Sportlich hat sich sehr viel weiterentwickelt. Aber das Wort Star ist für mich etwas, mit dem ich mich nicht identifizieren kann. Es ist schön, wenn man sieht, dass man zu den besten Skifahrern der Welt gehört.

Standard: Hat sich dadurch Ihr Leben verändert?

Hirscher: Überhaupt nicht. Vielleicht bin ich noch ein bisserl entspannter geworden und kann dadurch in meinem Job noch besser agieren als zuvor. Ich habe eine große Freude.

Standard: Vor der Saison sagten Sie, jeder Vergleich mit Hermann Maier sei vermessen. Ist er nun etwas weniger vermessen?

Hirscher: Nein, er ist noch immer vermessen.

Standard: Immerhin halten Sie mit 23 Jahren bei elf Siegen. Der Weg zu Maiers 54 Siegen ist zwar weit, aber es ist doch nicht auszuschließen, dass Sie ihn gehen.

Hirscher: Auszuschließen ist im Leben grundsätzlich gar nichts. Aber das ist noch ein Haufen Arbeit. Ich war immer so orientiert, dass ich weiß, dass es heute auch vorbei sein kann.

Standard: Was ist für Sie der wertvollste Titel im Skisport?

Hirscher: Wenn man den Gesamtweltcup gewinnt, dann ist man in dieser Saison einfach der Beste. Das ist eine tolle Auszeichnung. Auch die kleine Kristallkugel hat einen großen Wert. Das ist die sportliche Seite. In der Gesellschaft hat wahrscheinlich eine Olympiamedaille den zehnfachen Stellenwert.

Standard: Sie haben vor kurzem bei Atomic für vier Jahre verlängert. Ist der Vertrag besser geworden?

Hirscher: Wäre schlimm, wenn es nicht so wäre.

Standard: Ist das Material im Skisport genauso wichtig wie der Mensch?

Hirscher: Meiner Meinung nach fifty-fifty. Alle Hersteller haben Topmaterial. Das Wichtigste ist das Setup.

Standard: Ist der zeitliche Aufwand, das richtige Setup zu finden, mit jenem für das Skitraining zu vergleichen?

Hirscher: Nicht, was meine Arbeitszeit betrifft. Aber wenn ich die Arbeit von meinem Papa, vom Servicemann Edi und den Leuten drumherum zähle, dann ist es mehr. Die Hände entscheiden. Die Zehntelmillimetergeschichte existiert wirklich. In meinem Fahrstil und in meinem Paket.

Standard: Für große Aufregung zwischen Kitzbühel und Schladming sorgte die Einfädelaffäre, als Sie verdächtigt wurden, bei einigen Ihrer Siege eingefädelt zu haben. Jetzt lachen Sie darüber. Aber wie sehr zehrte die Geschichte damals an Ihren Nerven?

Hirscher: Das war eine Challenge. Mir ist wortwörtlich das Wurst-semmi runtergefallen. Auch wenn es arrogant klingt, ich bin sehr beeindruckt, dass ich das so hingenommen habe und mit der Situation so gut zurecht gekommen bin. Es war das erste Mal, dass sich mein Leitfaden bestätigt hat. Jeden Tag kann was Neues auf dich zukommen. Aus einem Supertalent wird ein Betrüger. Aber es ist lehrreich. Jetzt kann ich sagen, das war eine blöde Zeit, aber ich bin von meiner Schuld freigesprochen. Das war wichtig.

Standard: Was verbindet Sie mit Ivica Kostelic?

Hirscher: Die Begeisterung für den Skisport, der gleiche Kopfsponsor. So gut haben wir uns leider noch nicht kennengelernt, dass ich sagen könnte, wir haben die gleichen Interessen.

Standard: Welche Interessen haben Sie neben Training, Rennen, Siegerehrung, Interviews geben?

Hirscher: Wenn ich lustig bin und Zeit habe, gehe ich auf die Eisbahn Autofahren. Ist cool, macht Spaß, bringt einen auf andere Gedanken.

Standard: Und sonst?

Hirscher: Spieleabende mit Freunden und Freundin sind witzig. Beim Scrabble fallen mir die meisten Wörter ein. Obwohl die anderen studiert haben. Oder wir spielen Activity, Monopoly, klassische Sachen halt.

Standard: Das ist sozusagen die alte Welt im Gegensatz zu der extremen, vielleicht auch künstlichen, in der Sie arbeiten.

Hirscher: Vieles ist Schein, vieles ist für mich nicht nachvollziehbar, widerspricht mir total.

Standard: Was zum Beispiel?

Hirscher: Der Schein von heute ein Star, morgen der Loser. Den Benjamin Raich etwa haben sie schon so blöd angeredet, Auslaufmodell genannt. Ich habe mich riesig mitgefreut, als er den Super-G gewonnen hat.

Standard: Was ist mit Ihren Projekten Super-G und Super-Kombi?

Hirscher: Eine schwere Frage, darauf habe ich keine Antwort. Mir macht der Super-G Spaß, aber ich brauche mehr Erfahrung. Ich werde ihn weitertrainieren, aber der Fokus bleibt auf Riesenslalom und Slalom. Das Niveau in der jeweiligen Disziplinen wird immer höher. Ich glaube, die Allrounder werden irgendwann einmal aussterben.

Standard: Sie haben die Chance auf drei Weltcupkugeln. Wie viele werden es?

Hirscher: Hoffentlich alle drei. Obwohl das wieder so eine surreale Aussage ist. Im schlimmsten Fall wird es keine. Kraft habe ich genug. Die zurückgekehrte Sonne gibt jedem Energie. (DER STANDARD Printausgabe, 3./4. März 2012)

MARCEL HIRSCHER (23), Salzburger aus Annaberg-Lungötz, Absolvent der Ski- Hotelfachschule Bad Hofgastein, gewann in der laufenden Saison bereits acht Weltcuprennen. Insgesamt hält er bei elf Siegen, sechs im Slalom, fünf im Riesenslalom.

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