"Es geht nur um Qualität"

2. März 2012, 18:15
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    foto: peter rigaud
  • Neue Scheer Schusterei
So ganz einfach macht es Scheer Schuhe seinen Kunden nicht: Das 
Entree in der Wiener Bräunerstraße gleicht weniger einem Geschäft als 
einem Museum, die Wartezeit auf ein Paar Schuhe ist lang, der Preis 
hoch. In der neuen "Scheer Schusterei" gleich neben dem Stammsitz 
pflegt, serviciert und repariert Markus Scheer jetzt auch Produkte, die 
nicht bei ihm gekauft wurden. Von Schuhen über Taschen bis hin zu 
Kleinlederwaren wird ein Service geboten, der nicht nur in Österreich 
seinesgleichen sucht. Und die eigene Pflegeproduktlinie gibt es 
natürlich auch.
Bräunerstraße 4, 1010 Wien, www.scheer.at
    foto: peter rigaud

    Neue Scheer Schusterei

    So ganz einfach macht es Scheer Schuhe seinen Kunden nicht: Das Entree in der Wiener Bräunerstraße gleicht weniger einem Geschäft als einem Museum, die Wartezeit auf ein Paar Schuhe ist lang, der Preis hoch. In der neuen "Scheer Schusterei" gleich neben dem Stammsitz pflegt, serviciert und repariert Markus Scheer jetzt auch Produkte, die nicht bei ihm gekauft wurden. Von Schuhen über Taschen bis hin zu Kleinlederwaren wird ein Service geboten, der nicht nur in Österreich seinesgleichen sucht. Und die eigene Pflegeproduktlinie gibt es natürlich auch.

    Bräunerstraße 4, 1010 Wien, www.scheer.at

Hochwertigere Schuhe als bei Scheer in Wien wird man kaum finden: Markus Scheer über Luxus und seinen Preis

DER STANDARD: Ein Paar Maßschuhe von Scheer kostet mehrere tausend Euro. Sehen Sie sich als Luxusmarke?

Markus Scheer: Wenn ich das Gefühl habe, mein Gegenüber hat dasselbe Verständnis von Luxus wie ich, dann würde ich Scheer als Luxusmarke bezeichnen.

DER STANDARD: Was ist Ihr Verständnis von Luxus?

Scheer: Der wird durch Qualität definiert. Luxus ist, wenn ein Produkt jene tiefgreifende Qualität beinhaltet, die es verspricht. Da spielt weder die Marke noch der Preis eine Rolle, es geht nur um die Qualität.

DER STANDARD: Hat Luxus nicht immer mit Qualität zu tun?

Scheer: Leider nein. Bei dem, was heute als Luxus verbreitet wird, bleibt unklar, warum Produkte so viel kosten, wie sie kosten. Auswüchse wie künstliche Verknappungen bauen auf lügenhaften Inszenierungen auf. Luxus wird zum Marketinggag.

DER STANDARD: 2011 haben einige Luxusunternehmen die besten Umsätze ihrer Geschichte eingefahren. Worauf führen Sie das zurück?

Scheer: Mein Empfinden ist, dass Länder wie Brasilien oder China die Umsätze dieser Firmen hochtreiben. Hier gibt es Nachholbedarf. Am zentraleuropäischen Markt, das ist jener, der mich interessiert, geht es stärker um den heimlichen Luxus, um die Frage, was tut mir gut, was will ich haben. Es geht weniger darum, Dinge zur Schau zu stellen, als für sich selbst einen Mehrwert zu generieren.

DER STANDARD: Das bedeutet, 2011 war für Sie ein gutes Jahr?

Scheer: Ja, ein extrem gutes Jahr. Wenn die Nachfrage so weitergeht, werden wir in den kommenden Jahren in Bedrängnis geraten. Genauso wie das in den Boomjahren 2007 und 2008 der Fall war. Damals interessierten sich internationale Investoren für uns. Jetzt ist es eine bürgerlichen Klasse, die in ihre Gesundheit investiert und die sich von ihren Mitmenschen unterscheiden will, indem sie auf Maßanfertigungen setzt.

DER STANDARD: Sie werden die Nachfrage nicht mehr befriedigen können?

Scheer: Wir haben bereits vergangenes Jahr die Anzahl an Neukunden limitieren müssen. Der Leistenbau hängt an meiner Person. Mehr als ein gewisses Kontingent an Füßen kann ich mir schlichtweg nicht merken. Die Verknappung unseres Produkt geschieht nicht aus Marketinggründen, sondern um die Qualität zu halten.

DER STANDARD: Erkennen Kunden heute überhaupt noch Qualität?

Scheer: Das Wissen um Qualität ist großteils verschüttgegangen. Es gibt mittlerweile ganze Generationen, die nicht mehr wissen, woran sich Qualität festmachen lässt. Es wird alles auf den Preis reduziert. Man glaubt, nur weil etwas teuer ist, muss es auch gut sein. Das nutzt der Markt natürlich aus.

DER STANDARD: Die großen Luxushersteller produzieren sehr hohe Stückzahlen. Muss man da zwangsläufig Kompromisse machen, was die Qualität anbelangt?

Scheer: Es ist mittlerweile selbst schon für Fachleute schwierig, in manchen Bereichen Qualitäten zu beurteilen. Handelt es sich zum Beispiel um echtes oder künstliches Leder? Unechtes Leder hat eine Perfektion erreicht, die atemberaubend ist. Eine andere Frage ist die hohe Preisgestaltung mancher Luxusfirmen: Der Aufwand, eine Louis-Vuitton-Tasche zu bauen, ist für den Fachmann preislich nicht nachzuvollziehen.

DER STANDARD: Das heißt, der Preis wird hier vom Marketing bestimmt?

Scheer: Ja. Langfristig kann das nicht funktionieren.

DER STANDARD: Warum?

Scheer: Produkte lassen sich kaum mehr über den Preis rechtfertigen, also rücken viele Luxusfirmen ihre jahrhundertelange Geschichte in den Vordergrund. Ich denke aber, das wird sich erschöpfen. Vertrauen ist heute in erster Linie eine Frage der Tradition. Wenn aber ein Produkt das Vertrauen, das man in es setzt, nicht einhält, dann nutzen langfristig auch die Geschichten drum herum nicht viel.

DER STANDARD: Derzeit funktioniert es aber noch.

Scheer: Die Märkte sind noch nicht erschöpft. Deswegen kann man weiterhin Abstriche bei der Qualität machen. Die Vermassung des Luxus wird weitergehen. Ich hoffe aber, dass es den Menschen irgendwann nicht mehr egal sein wird, wo die Produkte produziert werden. Wer heute made in Italy kauft, der muss doch wissen, dass nur die Endfertigung in Italien gemacht wurde. Es wird in Zukunft immer mehr Menschen geben, die wirklich etwas Exklusives möchten. Es wird zu einem Revival des Kunsthandwerks kommen.

DER STANDARD: Schadet Ihnen die Vermassung des Luxus überhaupt?

Scheer: Was uns schadet, ist, dass das Wissen um Qualität verlorengegangen ist. Da müssen wir mittlerweile selbst Erziehungsarbeit leisten. Problematisch finde ich auch die ubiquitäre Verwendung des Begriffs Luxus. Der Begriff hat einen negativen Beigeschmack bekommen. Er wirkt prahlerisch.

DER STANDARD: Sind Sie selbst Kunde von internationalen Luxusketten?

Scheer: Nein, ich besitze kein einziges Teil. Wobei: Meine Frau hat mir einmal einen Schlüsselanhänger aus Plastik von Prada geschenkt. Ich war erschüttert. Er hat mich aber dazu inspiriert, selbst einen Schlüsselanhänger herzustellen: aus 200 Jahre altem Leder.

(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/02/03/2012)

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7 Postings
Danke für diesen erfrischenden Beitrag.

Bin selber schon seit Jahren Massschuhträger, aber
nicht bei Scheer. Es gibt auch jede Menge anderer
guter Schuster im Lande ;-) und etwas günstiger.
Die Dinger halten, immer brav gepflegt und umsorgt,
fast ein Leben lang.
Das "fast" steht für Veränderung der eigenen
Physionomie und dafür kann der Schuster nix.

Selbsternannte Luxusmarken sind zum Großteil
richtiger Schrott. Auch jeder Massanzug hält die
Wette gegen Boss & Co, aber so lange Leute Autos
mit mind. 200PS und 250kmh Spitze kaufen brauchen
sich die TraumverkäuferInnen keinen Kopf zerbrechen.

Bei Schuhen kann ich absolut beipflichten

Ich kaufe seit Jahren auch nur Maßschuhe und bin sowohl in Sachen Tragekomfort als auch in Sache Qualität überaus zufrieden. Dabei kosten die Dingern gar nicht viel mehr wie Markenschuhe im Handel. So Treter von Boss oder Lederer koste bald auch mal 200-300€ und sind ein grauenhafter Dreck.

Wobei die Textilien von Boss meiner Meinung nach (meist) ein hervorragendes Preis-/Leistungsverhältnis haben.

Boss & Co

das umfasst aber schon recht viel

dass das Wissen um Qualität verlorengegangen ist.

mehr brauchte er eigentlich nicht zu sagen

geiz ist geil. egal ob beim schuh, beim sakko, beim schnitzerl oder sonstwo. büllig muass sei.

ja, oft

o. teuer

"Das Entree in der Wiener Bräunerstraße gleicht weniger einem Geschäft als einem Museum,"

das entree ist bewusst so angelegt und soll eben eine bestimmte funktion haben. schade, dass das nicht erwaehnt wird.....

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