Kampf gegen "hausgemachte" Wohnungsnot

Martin Putschögl
1. März 2012, 19:11
  • In München gibt es aktuell um 31.000 Wohnungen zu wenig, in 
Frankfurt/Main fehlen 17.500, in Hamburg sind es 15.000 Wohneinheiten.
    foto: shop.robertkneschke.de/pixelio.de

    In München gibt es aktuell um 31.000 Wohnungen zu wenig, in Frankfurt/Main fehlen 17.500, in Hamburg sind es 15.000 Wohneinheiten.

Wird die Neubautätigkeit nicht verdoppelt, könnten 2017 mehr als 800.000 Mietwohnungen fehlen - bei enormem Leerstand in ländlichen Regionen

Die Deutschen werden weniger - aber nur am Land. Dort stehen drei Millionen Wohneinheiten leer, während die Metropolen unseres nördlichen Nachbarlands stärkere bis starke Bevölkerungszuwächse aufweisen. "Die laufende Verlagerung der Bevölkerung in die Städte führt zu Leerstand und Wohnungsknappheit, in einigen Städten kann bereits wieder von Wohnungsnot gesprochen werden", schreiben deshalb die Autoren einer Studie des Eduard-Pestel-Instituts Hannover, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

"Nach und nach demontiert"

Ursachen dafür sind neben der anhaltenden Landflucht die weiter zunehmende Singularisierung - also der ungebrochene Anstieg an Single-Wohnungen bzw. Ein-Personen-Haushalten in den Ballungsräumen - sowie die 2006/2007 schlagend gewordenen strukturpolitischen Änderungen in der Wohnraumschaffung. Die neue Wohnungsnot, die auch nach Ansicht der Autoren einer weiteren aktuellen deutschen Studie bereits evident ist, sei nämlich nicht überraschend gekommen, sondern war "vorhersehbar und vorprogrammiert". So seien die drei tragenden Säulen der Wohnungsbauförderung in Deutschland "nach und nach demontiert worden", kritisieren Volker Eichener, Jonas Bengtsson und Daniel Heinrich.

Bis 2017 drohe nun eine Versorgungslücke von bis zu 400.000 Mietwohnungen, zu diesem Schluss kommen die drei Wissenschafter von der EBZ Business School in Bochum in der von der Aktion "Impulse für den Wohnungsbau" beauftragten Studie.

Lücke von bis zu 825.000 Mietwohnungen

Nach Ansicht der Experten des Pestel Instituts könnten sogar mehr als doppelt so viele Wohnungen, nämlich bis zu 825.000, nötig sein - nämlich dann, wenn sich der Neubau leistbarer Mietwohnungen nicht verdoppelt und auf mindestens 130.000 neue Wohneinheiten pro Jahr ansteigt. Allein in jenen zehn deutschen Großstädten, die den stärksten Wohnungsmangel haben, fehlen gemäß den Hannoveraner Forschern mehr als 100.000 Mietwohnungen. In München gibt es demnach aktuell um 31.000 Wohnungen zu wenig, in Frankfurt/Main fehlen 17.500, in Hamburg sind es 15.000 Wohneinheiten.

Wie es dazu kam, beschreiben die Bochumer Forscher: Zunächst erfolgte eine Schwerpunktverlagerung von der Neubauförderung zur Bestandsnutzung, die politischen Zuständigkeiten wurden überdies 2006 im Rahmen einer Föderalismusreform aus der Verantwortung des Bundes entlassen und vollkommen den Ländern übertragen. Im selben Jahr wurde die steuerliche Erleichterung des Baus von freifinanzierten Mietwohnungen zur Gänze gestrichen. 2007 schließlich wurde die Förderung des Baus von Eigenheimen vollständig abgeschafft.

Heute sei es "symptomatisch" für den Bedeutungsverlust der Wohnungspolitik, dass es kaum noch eigene Bau- und Wohnungsministerien in den Ländern gebe. In manchen deutschen Bundesländern seien die Innenressorts dafür zuständig, in Niedersachsen das Sozialministerium, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz das jeweilige Finanzministerium. "Lediglich die Stadtstaaten weisen noch originäre Bauressorts auf - offensichtlich ein Indikator für die größere Nähe zur Problematik der Wohnungsmärkte", heißt es in der Studie der EBZ Business School.

Subjekt- statt Objektförderung

Kritisiert wird auch die Hinwendung zur Subjektförderung, die Deutschland europaweit einen der geringsten Anteile von Sozialwohnungen am Wohnungsbestand gebracht habe. "Länder wie die Niederlande, Österreich, Frankreich oder Schweden zeigen Sozialwohnungsanteile von 15 Prozent und mehr, während in Deutschland nur noch ein Anteil um vier Prozent erreicht wird."

Eichener, Bengtsson und Heinrich verbreiten mit ihrer Studie aber nicht nur Pessimismus - sie machen darin auch Vorschläge, was nun unternommen werden sollte. Wenn die Wohnungsnot nämlich "hausgemacht" sei, dann könne sie "durch eine Erneuerung der Wohnungspolitik auch wieder beseitigt werden". Sie schlagen höhere Kompensationszahlungen des Bundes an die Länder vor - die bisherigen Mittel in Höhe von 518 Millionen Euro pro Jahr, die noch dazu (wie die österreichische Wohnbauförderung) nicht laufend inflationsangepasst werden, würden in einigen Ländern "gerade einmal die Altverpflichtungen aus früher gewährten Förderzusagen abdecken". Gebot der Stunde sei auch, die Zweckbindung dieser Mittel "über das Jahr 2013 hinaus aufrecht zu erhalten" und diese Zweckbindung auf den Neubau von Wohnungen auszuweiten - zuungunsten der Förderung des Erwerbs von Bestandsobjekten. (map, derStandard.at, 1.3.2012)

Share if you care
23 Postings

Landflucht kann auch was Positives haben wenn es weniger Pendler gibt und die Natur renaturiert wird.
Fuchs und Hase werden sich freuen, in Ostdeutschland habens schon freien lauf.

Geh, die "Märkte" machen das schon !

Der sichere Weg, um eine Krise auf dem Wohnungssektor herbeizuführen

1. Über Jahrzehnte werden die Reallöhne gesenkt.
2. Der Staat steigt aus dem sozialen Wohnungsbau aus.
3. Die Privatisierung von bestehenden, öffentlich geförderten Mietwohnungen wird vom Gesetzgeber gefördert.
4. Eine Gesetzgebung, die es dem privaten "kleinen Häuslebauer" systematisch vergällt, privat Wohnraum zu vermieten oder dafür zu schaffen.
5. Die Augen fest verschließen und alle sich abzeichnenden demographischen Entwicklungen stur ignorieren.

Voila, so einfach ist das! Jetzt nur noch ein paar Jährchen warten, dann passt es schon!

Und jetzt mal scharf nachdenken, was wohl die Bausparprämie im Sparpaket bringt?
Jetzt: ein paar Prozent vom Sinnfrei-Sparpaket
in 5-10 Jahren: satte Wohnbauförderungen notwendig, die den Betrag um ein vielfaches übersteigen?

ich würde mich einmal fragen, warum der Bedarf an Single-Wohnungen steigt, und warum vom Land abgewandert wird. Problem(e) bei den Wurzeln packen wäre mal eine Idee wert.

Alternativ kann man die Städte natürlich auch um die Bezirke 21 & 22 erweitern, oba najo :)

Probleme an der Wurzel gepackt - die Lösung:
- Transmigrationsprogramm - Umsiedlung von 20% der Stadtbevölkerung aufs Land
- Zwangsverheiratung aller Ledigen über 30

1: gezielte zerstörung der konzepts "familie" - die anzahl der singelhaushalte hat sich seit den 80ern verdoppelt weil ja frauen jetzt auch für wirtschaftwachstum sorgen dürfen und die eh vollkommen unwichtige und entwertete aufgabe der kindererziehung lieber jenen überlassen sollten, die es verstehen die kinder zu brechen und in stupide systemsoldaten zu verwandeln.

2: die landflucht ist natürlich auch wirtschaftlich bedingt - die arbeitsplätze für das wachstum sind in der stadt

Es ist ja kein Problem dass die Leute vom Land wegwandern sondern die Lösung vieler Probleme.

Insbesondere kann man dadurch in den Städten wieder ordentlich an den Mieten verdienen.

Bei durchschnittlich 1400 Euro verdienst (oft weniger)

und Mieten um die 600 (oft 800) Euro kann man wohl kaum von niedrig sprechen.
Das Problem ist eher, daß die Reichen ihren Arbeitern immer weniger bezahlen und damit haben die Reichen noch mehr Geld, das sie in Immobilien stecken und dort auch wieder mehr Rendite wollen.
Reiche Leute bekommen für ihr von den Arbeitern gestohlenes Geld für´s nichts tun noch mehr Geld in Form von Renditen.
Das tötet unsere Gesellschaft.

Soviel Unsinn hab ich noch selten in einem Posting gelesen.

Habe keinen Fehler gefunden.

warum?
er hat recht..

kaufen sie sich doch einen wohnung. 25m² sind immer leistbar, solange sie nicht ein undurchdachtes lebenskonzept pflegen.

25m² sind mehr als sich der großteil der menschen (weltweit) heute bzw in der vergangenheit leisten konnten.

sie dürfen sich also glücklich schätzen.

25m² ist ein Zimmer und keine Wohnung!

Tja, SSKM. Wer Mieten künstlich billig halten will muss damit rechnen dass niemand bauen und vermieten will. In Österreich kommt genau dasselbe Problem auf uns zu.

Weil Wohnungsvermieter meist am Hungertuch nagen.

Die Vermieter (etc.) kommen bei mir gleich nach den Taxlern, wenn es um das Ranking der größten Unsympathler geht.

richtig. und vorallem die unsitte jetzt oft nur mehr mit dem navi zu fahren anstatt die stadt wirklich zu kennen.

Ihr ranking ist unwesentlich

gehen Sie einmal mit offenen Augen durch Wien und sehen Sie sich die 'alten Häuser' an und dann fragen Sie sich warum die Häuser so aussehen wie sie aussehen.
Ich selbst habe ein Haus in Wien, das Einkommen K€5 p.a. vor Steuern, und davon soll ich allgemeine Reparaturen, Dacherneuerung, neue Steigleitung, Wasser- u. Kanalleitung erneuern.
Soziale Unterstützung ja, aber nicht für alle und ewige Zeiten und vor allem KEINE Weitergabe an 'erbberechtigte' Mieter, weil ich nichts vererben kann, was nicht mir gehört.
Der Mieterschutz gehört ersatzlos gestrichen, dann wird es genug Wohnungen geben, allerdings nicht um 70 cent/m2.

Ich übersetze mal frei:

"Lieber Staat,

wir würden gerne wieder neue Wohnungen bauen. Aber wenn wir dabei nur das verdienen, was die Leute sich leisten können, fällt die Rendite unter 10%. Bitte erhöhe die Förderungen, damit die Leute wieder - zu unseren Gunsten - höher über dem Standard leben können, den sie sich eigentlich leisten können.
Danke
Die Wohnbauindustrie"

Der deutsche Staat hat erkannt, dass es keinen Sinn macht, Wohnraum zu fördern, der nicht genutzt wird. Die Regierung könnte es erwägen, eine Förderung Nutzungsgebunden an Paare und Familien zu vergeben um die Dichte und Auslastung zu erhöhen.

zu nutzungsgebunden

ich empfehle "Wir tun es für Geld" von Matthias Sachau zum Thema Förderung für Paare ;)

10% müssen's erst mal machen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.