Dojç-Štrajk

Blog1. März 2012, 15:26
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Nicht jeder muss Deutsch können. Damit aber Mehrsprachigkeit und sozialer Aufstieg selbstverständlich werden, müssen neue Ideen her

Die türkische Hausfrau aus Favoriten braucht keine Deutschkenntnisse für ihre soziale Integration. Sie wird auch den MigrantInnen-Streik, der heuer wieder am 1. März stattfindet und im Zeichen der Sprache steht, kaum mitbekommen. Dieser Umstand empört alle, die an der sogenannten Integrationsdebatte teilnehmen: sowohl jene, die sofort "Parallelgesellschaft!" schreien, als auch jene, die finden, dass der türkischen Hausfrau bisher nicht genügend Möglichkeiten geboten wurden, Deutsch zu lernen. Empört und überrascht sind aber auch jene, die in ihrem Namen für Sprachvielfalt streiken.

Wenn man ehrlich Zusammenleben – und nicht dieses schwammige etwas, das man "Integration" nennt – fördern will, muss man auch klar aussprechen, was von allen Beteiligten gefordert wird. Mit der Aufforderung, (endlich) Deutsch zu lernen, ist die bildungsferne Schicht jener Migranten gemeint, die wenig prestigeträchtige Sprachen wie Serbokroatisch oder Türkisch zu Hause, in der Straßenbahn und im Pausenhof sprechen. Diese Realität als die viel propagierte kulturelle Bereicherung zu sehen fällt allen Teilen der Aufnahmegesellschaft recht schwer.

Kauderwelsch in der Straßenbahn

Was bei aller Aufregung um "Verlust der Kultur, Sprache und Werte" vergessen wird: Sprache ist kein fixes und einheitliches System, Sprache verändert sich. Sie verändert sich unter anderem durch neue Medien, technologische Neuerungen oder eben auch Migrationsbewegungen. Dieses Kauderwelsch, das man in der Straßenbahn oder auf der Straße hört, dieses problemlose Switchen zwischen zwei oder gar drei Sprachen ist der beste Beleg dafür. Je besser die Sprecher beide Sprachen (also die Muttersprache und die Zweitsprache) beherrschen, desto kreativer und interessanter wird dieses Switching, sagt zum Beispiel die Germanistin İnci Dirim.

Sprache ist identitätsstiftend und stark emotional besetzt. Will man also sensibel, ernsthaft und ehrlich alle gesellschaftlichen Schichten ins sprichwörtlich viel strapazierte Boot holen, dann wird man pädagogische Konzepte entwickeln müssen, um beide Sprachen gleichzeitig zu stärken. Das gilt vor allem für die zweite und dritte Generation. Ihre Erstsprachen kann und darf man ihnen nicht nehmen, sie gehören längst zu dieser Gesellschaft dazu.

Ohne Deutsch durch Favoriten

Ob das verpflichtende Kindergartenjahr den gewünschten Effekt hat, wird sich zeigen. Ein ähnlicher Versuch aus Berlin liefert allerding negative Ergebnisse: "Jahrelanger Kitabesuch garantiert noch keine ausreichenden Sprachkenntnisse", lautet das Resümee einer ersten Studie. Gemeint sind hier übrigens sowohl Migranten- als auch Kinder mit deutscher Muttersprache.

Spannende Herausforderung

Die Bewältigung der Herausforderungen, vor die uns die moderne Migrationsgesellschaft stellt, bleibt eine der spannendsten Unternehmungen der kommenden Jahrzehnte. Die türkische Hausfrau aus Favoriten wird an diesem Prozess wohl nicht mehr teilnehmen. Das muss sie auch nicht. Um ihren Alltag zu bewältigen, braucht sie keine Deutschkenntnisse auf B2-Niveau. Damit aber ihre Kinder den gewünschten sozialen Aufstieg schaffen, von dem wir alle nur profitieren können, müssen die politischen Entscheidungsträger das Thema Sprache ernst nehmen. Das heißt: Mehrsprachigkeit als Realität anerkennen und sinnvolle Wege finden, diese - jenseits der Weltsprachen – zu fördern. (daStandard.at, 1.3.2012)

  • Das T-Shirt-Label vajt und brajt spielt bewusst mit der Wiener Mehrsprachigkeit.

    Das T-Shirt-Label vajt und brajt spielt bewusst mit der Wiener Mehrsprachigkeit.

  • Artikelbild
    foto: florian wagner
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