Das Privacy-Paradox

Blog | Sarah Spiekermann, 1. März 2012, 10:54
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    Sarah Spiekermann ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo sie dem Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik vorsteht. Seit über 10 Jahren lehrt und forscht sie zu sozialen Fragen der Internetökonomie und Technikgestaltung.

86 Prozent der User machen sich Sorgen um ihre Datensicherheit - 845 Millionen Menschen nutzen Facebook - English Version

Ist es nicht seltsam, dass 88 Prozent der Leute behaupten, sie wären besorgt darüber, wer Zugriff auf ihre Daten hat? 86 Prozent behaupten, sie würden sich immer mehr Sorgen um ihre Datensicherheit machen. 85 Prozent erwarten, dass Regierungen Unternehmen sanktionieren, die Daten missbrauchen. In den USA würden sogar 83 Prozent der Verbraucher Geschäfte mit Unternehmen vollständig unterlassen, wenn sie hören, dass diese mit den Informationen ihrer Kunden Missbrauch treiben.

845 Millionen Menschen auf Facebook

Gleichzeiting sind aber 845 Millionen Menschen auf Facebook aktiv und jeden Tag werden über 250 Millionen Fotos auf die Plattform hochgeladen. In vielen Ländern nutzen über 70 Prozent der Käufer Kundenkarten. Ist das nicht eine Diskrepanz? Wissenschaftler nennen das Phänomen "Das Privacy-Paradox" und - soweit es die wissenschaftliche Welt betrifft - war ich zufällig die Erste, die es damals an der Humboldt-Universität zu Berlin nachgewiesen hat. Was ist die Geschichte dazu?

Rückgrat der Internetökonomie

Persönliche Daten sind - sorry für die Offenheit - immer noch das Rückgrat der Internetökonomie. Je mehr die Unternehmen davon bekommen können, desto besser für sie. Das ist übrigens auch der Grund weshalb wir dauernd nach Kundenkarten gefragt werden....Jedenfalls baute ich vor einigen Jahren einen Software-Agenten namens Luci, welcher Studierenden der Humboldt-Uni Kameras und Winterjacken online verkaufte und sie in diesem Kontext aufforderte, haufenweise persönliche Fragen zu ihrem Lebensstil zu beantworten. Zum Beispiel fragte Lucy, ob man eitel sei oder was man so mit den eigenen Fotos täte. Ob sie im Schuhkarton landeten, oder eingeklebt würden, usw. Ich war 100 Prozent überzeugt, dass die Leute solche Fragen nicht beantworten würden. Ich hatte sogar ein Formel entwickelt zur Berechnung der "Kosten der Privatsphäre", welche es nachzuweisen galt...

Keine Spur von Vorsicht

Aber: Pustekuchen! Die Studierenden LIEBTEN die Luci-Beratung. Sie erzählten ihr wirklich alles, egal wie intim die Frage auch war. Auf halbem Wege durch meine Experimentreihe realisierte ich, dass ich nicht die Daten bekommen würde, die ich suchte. So ging ich den drastischen Schritt, veränderte die Instruktion und gab dem Rest der Studierenden eine wirklich harte Datenschutzerklärung zum unterzeichnen. Mit dieser unterschrieben sie, dass alle ihre Daten, die Luci einsammeln würde, an einem anonymen Sponsor weitergereicht würden, dessen Namen wir nicht preisgeben könnten und der dann freie Hand hätte, damit zu tun, was ihm beliebt. Wow, ich war sicher, die Studierenden würden jetzt vorsichtiger werden. Zumal die meisten von ihnen im Vorfeld der Luciberatung in einem Fragebogens behauptet hatten, dass sie wirklich um ihre Privatsphäre besorgt seien. Aber auch diesmal: Keine Spur von Vorsicht. Alle Studenten liebten den Agenten weiterhin, beantworteten ihm alle Fragen und verließen zusammen mit einer mittelmäßigen Produktempfehlung zufrieden das Labor. Das Privacy-Paradox war entdeckt.

Was ist wichtiger: Unsere Einstellungen und Überzeugungen?

Was machen wir mit diesem Ergebnis? Lassen Sie mich eines fragen: Was ist wichtiger: Unsere Einstellungen und Überzeugungen? Oder unser tatsächliches Verhalten? Ist unser Sicht auf die Dinge, wie etwa unsere Einstellung zum Datenschutz und zur Privatsphäre, veraltet, nur weil wir es nicht schaffen, ihr immer gerecht zu werden? Oder sind wir wirklich in einer Zeit angekommen, in der die Privatsphäre ein veraltetes Konzept ist? Wenn wir es nicht schaffen, in dieser süchtig machenden Online-Welt unseren moralischen Standards gerecht zu werden, was sollen Regierungen dann tun? Ist es ihre Aufgabe uns vor uns selbst zu schützen?

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Posting 1 bis 25 von 74
1 2
Graypi
01
23.5.2012, 17:00
Lucy oder Luci

oder hängt das von der Sprachversion des Artikels ab?

M. C. Escher
01
12.5.2012, 00:11
einfach erklärt:

Ich mache mir Sorgen um meine Daten und die Datensammelwut demokratischer Regierungen

und

Ich nutze Facebook oder Vergleichbares nicht.

könnte dies öfter vorkommen?
Schwacher Versuch, uns den Mist zu verkaufen.

dunkelhaar
02
30.4.2012, 11:21
Das Privacy Paradoxon einfacht erklärt

In dem einen Fall gib ich (so depad ich vielleicht auch bin) FREIWILLIG meine Daten her.

In dem andere Fall nimmt wer meine Daten ohne meine direkte Zustimmung.

Wichtig dabei zu vermerken. Daten die ich freiwillig hergegeben habe, möchte ich auch auf nimmer wiedersehen löschen können.

Edward NORTON
12
29.4.2012, 14:07
"Ist es nicht seltsam, dass 88 Prozent der Leute behaupten,"

Die Zahl der aktiven Internetnutzer liegt bei ca. 2 Mia Menschen. D.h. maximal 2/7 der Erdbevölkerung hat überhaupt Internet und davon können Sie gerne 88% hernehmen.

Es bleibt ein Bruchteil "der Leute".;o)

Um das Verfahren abzukürzen:

Vernunft hört immer dort auf, wo es etwas gratis abzustauben gibt. Sicher kein wie auch immer geartetes Paradoxon, eher ein evolutionäres Anhängsel zur Arterhaltung.

Abgesehen davon, dass ein Großteil der Internetuser gar nicht einschätzen kann, was in Bezug auf das Medium vernünftig ist oder nicht. Man musste zb. darüber nie ein Zeugnis ablegen. Genauso durchwachsen sind die Kenntnisse.

Komm übrigens ausgezeichnet ohne FB und ohne Prepaid Karten zurecht. Umsonst ist nichtmal der Tod.;o)

gratis trinken
13
22.4.2012, 14:42

Diletantische wichtigtuerin. vor ca. 7jahren gabs svon studien zum thema. Das panini phaenomen zb

gratis trinken
00
22.4.2012, 14:43

Dilettant. corr.

Bastian Balthasar Bux
07
Nun Frau Spiekermann,

bei mir hätten Sie Pech gehabt, ich beantworte prinzipell keine Fragen ohne meinen Anwalt. ;)
Ich bin auch nicht auf Fratzenbuch und werde es auch nie sein. Zumindest nicht mit Klarnamen.

Und hey, nur weil jemand mit einer Kundenkarte ein paar Euro sparen will, heißt das noch lange nicht, dass selbiger den Mißbrauch der daraus gewonnen Daten automatisch gut heißt. Das wäre eine grundfalsche Annahme.

Reisinger
02
24.3.2012, 08:45
Paradox? Jeder Bergsteiger muss „besorgt“ sein

umseinem seine Sicherheit.

PEKN
21
12.3.2012, 18:25
Wer bitte...

liest denn AGBs oder Datenschutzerklärungen? Bei Facebook zu sein gilt als "in" und da is doch wurscht was da drin steht. Und jede Frage zu beantworten, ohne darüber großartig nachzudenken, zeigt doch wohl recht eindeutig wie unsere Gesellschaft langsam, aber sicher, verblödet.
Und diese Dummheit wird ausgenutzt...

schniggschnagg
 
18
Wieso ist's ein Paradoxon? Wieso können, dürfen...

...und sollen sich Kunden/User nicht darauf verlassen, daß mit ihren freiwillig herausgegebenen Daten nur das passiert, was im Rahmen der Gesetze erlaubt ist? Diese Argumentation liest sich wie "selber schuld". SO sehe ich das aber nicht. Denn, wenn ich früher nach einem Urlaub Photos (vielleicht sogar intime) zum Kodak zur Entwicklung getragen habe - freiwillig - konnte und durfte ich mich auch darauf verlassen, daß die entwickelten Photos danach nicht "weiterverwendet" werden. Ebenso können sich Milliarden Menschen, die SMS nutzen darauf verlassen, daß ihre Messages "vertraulich" behandelt werden von seiten der Provider! Dasselbe muß auch für Soziale Netze gelten sollte genausowenig paradox sein wie meine genannten Beispiele.

tho_mi
33

Ich glaub Sie vergessen da einen Punkt. Für die Entwicklung des Fotos und das Versenden eines SMS bezahlen Sie, das heißt der Anbieter wird für seine Leistung entlohnt. Soziale Netzwerke kosten nichts, Sie bekommen einen Service ohne direkte monetäre Gegenleistung. Hier erfolgt die Bezahlung dann in Form von Informationen.

Wyle E. Koyote
02
genauso wie

früher einheimischen wertvolle rohstoffe, land etc. gegen ein paar glasperlen getauscht haben, tauschen wir heute unsere daten gegen ein paar lächerliche rabatte....

das mit den glasperlen hat auch nicht ewig funktioniert...

roman@ch
218
Bitte aufhören ...

"Wissenschaftler nennen das Phänomen "Das Privacy-Paradox" und - soweit es die wissenschaftliche Welt betrifft - war ich zufällig die Erste, die es damals an der Humboldt-Universität zu Berlin nachgewiesen hat."

Eigenlob ist die Schwester der Dummheit.

tock tock tock
10

?

suit
 
00
27.5.2012, 21:19

roman@ch will damit möglicherweise sagen, dass sich die Autorin des Artikels ggf. auch in den genannten Schwesternbund einreiht.

tho_mi
23

Ich hab bei Unternehmen wie Google weniger Angst um meine Daten als bei unserem Verwaltungsapparat, Google passt wenigstens auf die Daten auf...

oink
13
12.3.2012, 10:10

vor allem ist google freiwillig, das meldeamt nicht.

und google hat definitiv fähigere (wenn nicht die fähigsten) techniker.

aceFruchtsaft
11

Dafür ist aber unser Verwaltungsapparat noch zu unfähig oder gesetzlich daran gehindert, diese Daten automatisch zu verknüpfen und auszuwerten. Google kann sich uneingeschränkt austoben.

tho_mi
01

Ist auch gar nicht notwendig, das machen dann die, die sich Zugriff auf die Daten verschaffen.

woifee 0.0
01

Im Internet zahlt man eben mit private Daten, aber die habe ich wenigstens im gegensatz zu Geld :)

sarlon
37
wer

mal was lustiges über Facebook lesen will:

http://www.stupidedia.org/stupi/Facebook

rolin
22

Hier wird oft von “missbraeuchlicher Verwendung der Daten” geschrieben?

Aber was ist das?

Ausser politische Verfolgung aufgrund eines Datenprofils oder Identity-theft und Diebstahl ueber Kreditkartendaten faellt mir jetzt nichts ein. Das alles setzt aber eine Weitergabe der Daten an Regierungen oder Datendiebstahl voraus.

Jeder moechte das beste Service und die umfangreichste Funktionalitaet und das alles gratis.

Das ist aber oft mit der Auswertung von Daten verbunden. Nur vermuten viele immer boese Absichten hinter der Datensammlerei.

Facebook ist gratis, weil es mit den ausgewerteten Daten Geld verdient. Werbung ist individualisiert. Apps geben Restaurantempfehlungen aufgrund des Profils.

Was ist schlecht daran?

aceFruchtsaft
12

Datenmissbrauch ist z.B., wenn eine App ungefragt dein Adressbuch raufladet und auswertet. Hat die FB-App für Smartphones früher auch gemacht.
Also ich würde das definitiv nicht wollen.
Selbst wenn du vorher die Leute um Erlaubnis fragst, klicken die meisten einfach "ok" und kümmern sich nicht darum. Wollen würden sie das aber nicht.

Meiner Freundin habe ich erst unlängst erklärt, dass FB über Like-Buttons viele ihrer Aktivitäten im Internet verfolgen kann, weil die Cookies selbst beim Logout nicht gelöscht werden. Darüber war sie so schockiert, dass sie für FB nun einen eigenen Browser verwendet.

Tatsache ist, dass die meisten keine Ahnung haben, welche Daten eigentlich erhoben werden. Das ist mMn eine Form von Missbrauch.

RS69
 
02
16.3.2012, 01:23

"weil die Cookies selbst beim Logout nicht gelöscht werden."

Das ist wohl eine Frage der Einstellungen.

rolin
01

Ja, das hab; ich irgendwo anders (aufgrund der Zeichenbeschraenkung hier) schon geschrieben, dass ein Transfer der Daten aus dem System zu Servern oder Drittherstellern ohne Zustimmung des Users problematisch ist.

Die Funktion und Konsequenz der Like Buttons ist mir voellig klar und das stoert mich nicht im Geringsten.

Nur wuerde ich niemals ein kommerzielles Produkt oder eine Firma (mit sehr wenigen Ausnahmen) “liken”. Nicht weil ich datenschutzrechtliche Bedenken haette, sondern weil ich es einfach unnoetig und seltsam finde Hundefutter oder Banken zu “liken”.

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