Ehrensold

29. Februar 2012, 18:58
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Christian Wulff wollte nicht sehen, dass die Gefälligkeiten, die er als Politiker annahm, nicht angehen

Was macht ein 52-jähriger ehemaliger deutscher Bundespräsident beruflich weiter? Verdingt er sich als Berater bei Wladimir Putin (Ex-Kanzler Gerhard Schröder) oder für BMW, Siemens, RWE, OMV ("Nabucco-Project") wie Ex-Außenminister Joschka Fischer? Geht er in die "Privatwirtschaft", oder macht er schlicht eine Anwaltskanzlei auf?

Nichts von alledem. Christian Wulff, vor kurzem wegen unterschiedlicher Auffassungen (im Vergleich zur Staatsanwaltschaft) über die Annahme von Vorteilen zurückgetreten, bekommt einen "Ehrensold" von 199.000 Euro jährlich. Lebenslang.

Praktischerweise entscheidet das seine frühere Amtsbehörde, das Bundespräsidialamt. Wahrscheinlich nach Rücksprache mit Kanzlerin Merkel, aber jedenfalls mit einer rechtskonformen Begründung (für den Rücktritt waren "politische, nicht persönliche Gründe" gegeben gewesen), mit der man einverstanden sein kann oder nicht.

Jedenfalls passt die Tatsache, dass ein Mann Anfang 50, der aufgrund seiner Vorbildung in der Lage sein müsste, sich auch so einen angemessenen Lebensunterhalt zu verdienen, diesen Ehrensold annimmt, zum Charakterbild von Wulff. Er wollte nicht sehen, dass die Gefälligkeiten, die er als Politiker annahm, nicht angehen. Er will jetzt auch nicht sehen, dass er auf den Ehrensold hätte stolz verzichten müssen. So richtet er noch im Abgang den größtmöglichen Schaden an. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.3.2012)

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