Alltägliche Krisengipfel zur neuen Matura

29. Februar 2012, 11:14
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In zwei Jahren werden Österreichs Schüler erstmals die Zentralmatura ablegen - Im Schulalltag ist sie schon jetzt überpräsent

Wien/Gmunden/Salzburg - Wer im Klassenzimmer das Wort "Zentralmatura" in den Mund nimmt, provoziert Aufschreie von allen Seiten. Jede Supplierstunde wird zum Krisengipfel, jede freie Minute zur Diskussionsrunde.

Die "standardisierte Reifeprüfung" macht am Ort des Geschehens viel Lärm. In zwei Jahren soll sie kommen, schon jetzt zeigen sich die Schüler vom ewigen Hin und Her genervt, vor allem von den Floskeln, die sich in den letzten Wochen im Klassenzimmer einbürgerten. Je nach Schulstufe: "Seid froh, dass ihr die Zentralmatura noch nicht haben werdet." Oder: "Das kann alles zur Zentralmatura kommen."

Zu kurzfristig und planlos

Selbst jene, die die Idee prinzipiell gutheißen, kritisieren das derzeitige Vorgehen als planlos und zu kurzfristig. "Die Idee, den Bildungsstandard in Österreich auf ein Level zu bringen" sei gut, aber "nicht realistisch", meint Fiona Müller, Schülerin am Gymnasium Ort in Gmunden. Ihr Kollege Markus Neuwirth sieht das ähnlich und macht eine Checkliste für die sinnvolle Umsetzung: auf die unterschiedlichen Schultypen abstimmen, den Lehrplan vereinheitlichen, die Schüler auf die Prüfungsmethoden vorbereiten. Der Niveauausgleich und die Kompetenzorientierung seien interessant, sagt ein Wiener Klassenvorstand: "Es geht nicht mehr ums sture Auswendiglernen."

Schülerin Bernadette Kalcher sieht sich von der Standardisierung betroffen, da ihre Klasse "seit der Unterstufe auf die alte Matura vorbereitet wurde". Die Zeit reiche nicht aus, um sich speziell auf die Zentralmatura vorzubereiten.

Auch die Unterrichtsmaterialien sind ein Problem, die Schulbücher seien nur teilweise angepasst. Auch solle auf das Interpretieren von Texten und Bildern bei der Zentralmatura mehr Gewicht gelegt werden. "Es kann nicht sein, dass manche acht Jahre zum Erlernen dieser Kompetenzen haben und wir nur drei", beschwert sich eine Wiener Gymnasiastin.

Positiver wird die Idee der "Vorwissenschaftlichen Arbeit" gesehen, die als gute Übung für die Universität gilt. Doch auch hier sei die Vorbereitung ungenügend.

Felix Hohn, Schüler in Gmunden, übt grundsätzliche Kritik: Für die Individualität der einzelnen Schulen sei es besser, "die zuständigen Lehrkräfte selbst entscheiden zu lassen und nicht das Ministerium." Auch ein Wiener AHS-Lehrer kritisiert: "Ich habe bei der Matura gerne zum Schulschwerpunkt passende Aufgaben gegeben. Das kann ich jetzt nicht mehr." Viele Schüler zeigen sich erbost darüber, dass "irgendwelche Politiker etwas beschließen, von dem sie selbst nicht wissen, wie genau das funktionieren soll". Es sei "abschreckend" und mache "Angst", dass sie vor "neuartige Probleme" gestellt würden, die von "irgendjemand Fremdem" zusammengestellt werden.

Es bestimmt die Wirtschaft

Noch größer als die Angst vor zu schwierigen Aufgaben ist am Musischen Gymnasium Salzburg die Befürchtung eines Niveauverlusts. Laut Geschichts- und Deutschprofessor Markus Haider werde die Bildungspolitik immer mehr "atomisiert": Wissen in kleine, abrufbare Portionen eingeteilt, um später "verwertet" werden zu können. Auch Deutschlehrerin Daniela Marinello meldet Bedenken dieser Art an: "Der literarischen Kreativität wird der Nährboden entzogen." Die bei der Matura zu schreibenden Textsorten - Erörterung, Leserbrief, Empfehlung - führten zu pragmatisch-ökonomischem Schreiben.

Leopoldine Hauser, die Geografie unterrichtet, findet die Idee eines einheitlichen EU-Standards gut. Sie fürchte jedoch, dass es die Wirtschaft sei, die derzeit bestimme, was gewusst werden muss. "Beim Aufstellen solcher folgenschweren Pläne sollten auch Soziologen und Philosophen einbezogen werden." Die Schüler seien menschliche Individuen, nicht nur spätere Bruttoinlandsprodukt-Einbringer. (tdie, laus, klien/DER STANDARD-Printausgabe, 29. Februar)

  • Gegen die Zentralmatura als "Rasenmäher", der alles gleichmacht, wurde viel protestiert. Auch Befürworter sehen jedoch die jetzige rasante Umsetzung problematisch.
    foto: newald/standard

    Gegen die Zentralmatura als "Rasenmäher", der alles gleichmacht, wurde viel protestiert. Auch Befürworter sehen jedoch die jetzige rasante Umsetzung problematisch.

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