Italienische Mode im Rückwärtsgang

    28. Februar 2012, 19:29
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    Die bevorstehende Wiederkehr von Jil Sander überschattete die Mailänder Modeschauen. Sie waren von viel Schwarz, einigen Retrokollektionen und einem gehörigen Schuss Romantik geprägt.

    Natürlich ist die Nachricht von der bevorstehenden Rückkehr Jil Sanders als Designerin in das von ihr gegründete Modeunternehmen, das sie vor acht Jahren im Zorn verlassen hat, das Hauptgesprächsthema während der Mailänder Designerschauen für Herbst/Winter 2012/13. Spiegelt es doch die gegenwärtige Stimmung innerhalb der Mode wider. Denn mögen auch die wunderbaren, superweiten Kimonomäntel aus pastellfarbenem Doubleface, die Sanders Nachfolger Raf Simons vergangenen Samstag in seiner letzten Show für die Marke zeigte, noch so schön anzuschauen und die weit ausschwingenden Glockenröcke noch so raffiniert "verschnitten" sein, in den Geschäften werden sie nicht die Zahlen bringen, die Sanders neuer Eigentümer, Onward Holdings aus Japan, erwartet. Da helfen keine Standing Ovations und keine Abschiedstränen! Nur das Verkaufsargument zählt.

    Ferrettis Taillen
    Heißt es also künftig, kreativ gesehen, den Gürtel enger zu schnallen? Die Mode zumindest scheint aus der Not eine Tugend zu machen. Ausgerechnet Alberta Ferretti, eine Designerin, die man wegen ihrer delikaten Feenkleider liebt, setzt ein signifikantes Zeichen, wenn sie breitschultrige Achtziger-Jahre-Mäntel überzieht, deren Taillen sie mit Lackgürteln fest verzurrt. Die Mode wird zwar strikt, aber die Körpermitte als Symbol für Weiblichkeit steht im Fokus vieler Kollektionen. Karl Lagerfeld betont sie bei Fendi mit breiten Miedergürteln, deren steif abstehende Schößchen bestens mit den Pagodenschultern seiner Jacken korrespondieren. Als lederne Glockenrüschen in Tortenspitzen-Optik tauchen sie bei Etro an Gürtelschärpen und Jackenkanten wieder auf. Dazu passen die traditionellen Paisley-Muster des Hauses, die wieder groß in Mode sind. Romantik als mentale Flucht vor den Negativschlagzeilen der alltäglichen Schuldenkrise wird so zum Haupttrend in den Mailänder Kollektionen.

    Auch Dolce & Gabbana laden mit barock gerahmten Eintrittskarten ins hauseigene Theater, wo unter achtzehn rosenumrankten Kronleuchtern nur Cocktailmode defiliert. Dicke Goldstickereien prunken auf schwarzen Samtkostümen, Pailletten glitzern in kurvigen Spitzenkleidern, und üppige Rosenbouquets blühen auf wippenden Kuppelröcken. Damit hat sich Schwarz endgültig die Laufstege wieder zurückerobert, aber - und das ist wichtig! - in neuer und reicher Optik. So lässt sich Frida Giannini für Gucci von den viktorianischen Dandys um Oscar Wilde inspirieren und druckt schwarzsamtene Tapisseriemuster auf lianenschlanke Sirenenkleider und maskuline Gehröcke in dunklen Juwelenfarben. Schwertlilien, die Kultblumen des Jugendstils, verfremden lässige Seidenpyjamas, während durchsichtige Casanova-Blusen mit Pluderärmeln, unter wehenden schwarzen Capes zu Reiterhosen mit flachen Stiefeln getragen, sehr an Dracula erinnern. Auch Donatella Versace und Miuccia Prada haben diesmal die Nachtseiten der Mode für sich entdeckt. Rätselhaft dabei bleibt, ob sie tatsächlich ihre "Totenkopfmädchen" ohne Augenbrauen über schwarzen Augenhöhlen und blutroten Lippen im kalkweißen Gesicht als schön empfinden? Ihrer Mode jedenfalls tun sie mit ihnen keinen Gefallen. Da mag sich Donatella noch so sehr auf die letzte Kollektion von Bruder Gianni berufen, indem sie wie er byzantinische Kreuze dicht an dicht auf kurze Kinderkleider und Redingotemäntelchen druckt, stickt oder appliziert.

    Prada zitiert sich selbst
    Miuccia Prada dagegen macht sich's einfach, indem sie sich selbst zitiert. Konsequent zieht sie hochgegürtete, wadenlange Mäntel und ärmellose Chasubles in strenger A-Linie über 7/8-lange Hosen, bevorzugt in Schwarz, das sie mit funkelnden Schmucksteinen, so groß wie Streichholzschachteln, reich bestickt. Wer das nicht mag, dem bleiben Miuccias vertraute Tapetenrautenmuster aus den Sixties, die sie diesmal orange oder lila färbt. "Ich wollte einfach kein Thema", sagt sie dazu nach der Schau, "ich wollte mich auf kein Konzept, sondern nur auf Mode konzentrieren!" Vielleicht war ihr auch die Tatsache in die Glieder gefahren, dass sie noch zu Lebzeiten "museumsreif" werden wird. Das Metropolitan Museum of Art in New York gab bekannt, dass es für diesen Sommer eine große Ausstellung plant, in der sie Miuccias Mode jener von Elsa Schiaparelli gegenüberstellt. (Peter Bäldle aus Mailand, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.2.2012)

     

     

     

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