"Die Sonne ist eine ganz persönliche Erfahrung"

28. Februar 2012, 19:33
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Dass mehr Sonnenaktivitäten zur Erderwärmung beitragen, gilt als sicher, sagt der Physiker Wolfgang Baumjohann - Der CO2-Ausstoß dürfe dennoch nicht kleingeredet werden, erfuhr Peter Illetschko

STANDARD: Das Buch "Die kalte Sonne" von Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning sorgt seit einigen Wochen für Aufregung. Die Autoren meinen: Hauptgrund der Klimaerwärmung sei die Sonne, nicht die vom Menschen freigesetzten Treibhausgase, wie man seit Jahren annimmt. Was halten Sie von der These? Ist sie ernst zu nehmen oder pure Provokation und Nonsens?

Baumjohann: Wenn die Sonne weniger aktiv ist, also weniger Sonnenflecken hat, dann strahlt sie weniger Wärme ab. Man weiß heute, dass es im 17. Jahrhundert eine derartige Phase gab. Ein Gemälde von Pieter Bruegel, Winterlandschaft mit Eisläufern, zeigt eine Alltagsszene aus dieser Epoche. Da war es eindeutig kälter. Davor gab es eine Wärmeperiode, als Grönland grün war. Nun dürfte es in den vergangenen Jahrzehnten wieder mehr Sonnenflecken und daher auch verstärkte Sonnenaktivitäten gegeben haben. Das Maximum soll heuer erreicht werden. Ein Zyklus der Sonne dauert elf Jahre. Man müsste aber seriöserweise viele derartige Zyklen aneinanderreihen und vergleichen, um zu sehen, wie stark sich die Sonnenaktivitäten auf das Klima auswirken. Dazu gibt es zu wenige Daten. Man nimmt an, dass sie sich auswirken - und dass die Erwärmung durch Treibhausgase noch dazukommt.

STANDARD: Liegen die Autoren des Buches also doch nicht so falsch?

Baumjohann: Es gibt keinen seriösen Wissenschafter, der behaupten würde, der CO2 -Ausstoß sei zu vernachlässigen. Man kann allerdings nicht sagen, dass das der einzige Grund für die Erderwärmung ist, wenn damit offensichtlich auch verstärkte Sonnenaktivitäten korrelieren. Das muss man einbeziehen. Wenn der Sonnendynamo stärker läuft, ist eine Erwärmung logisch. Mehr wird man vielleicht durch die Solar Orbiter Mission der Europäischen Weltraumagentur Esa wissen, die 2017 starten soll. Der Satellit wird nahe an die Sonne herankommen und sich teilweise sogar in Korotation mit ihr befinden wird. Wir arbeiten in Graz daran mit. Diese neuen Erkenntnisse muss man dann mit Ergebnissen aus Simulationen, die nun laufend gemacht werden, vergleichen. Dann wird man vielleicht in zehn Jahren wissen, um wie viel Grad mehr es während einer Hochphase der Sonne hat.

STANDARD: Die Theorie von der Sonne als dem wichtigsten Faktor der Erderwärmung wird ernsthaft diskutiert. Zeigt sich die Gesellschaft dadurch dankbar, einmal jemanden anderen als sich selbst die Schuld dafür geben zu können?

Baumjohann: Ich bin kein Weltraumforscher und kein Sozialwissenschafter. Dennoch: Sicher wissen wir Menschen, welche lebensspendende Kraft in der Sonne liegt. Das spürt jeder im Frühling. Das ist eine ganz persönliche Erfahrung. Es hat wahrscheinlich vor allem praktische Gründe, warum wir offen für neue Theorien zu diesem Thema sind. Laut der jüngsten Prognosen müssten wir enorm viel Geld in die Hand nehmen, um Ziele wie die Energiewende erreichen zu können. Wir müssten liebgewonnene Gewohnheiten aufgeben. Die Menschen sind zum Beispiel ständig mit dem Auto unterwegs. Es bräuchte aber eine vernünftige Verkehrsplanung.

STANDARD: Sie haben in einem Vortrag davon gesprochen, dass das Magnetfeld der Erde abnimmt. Kann das auch klimatische Folgen haben?

Baumjohann: Es wäre dann tatsächlich so, dass mehr kosmische Strahlung und mehr solare Teilchen in die oberste Schicht der Atmosphäre eindringen - und das hätte wohl direkte Auswirkungen auf das Wetter. Ob positive oder negative kann man derzeit nicht sagen. Langfristige, also klimatische Veränderungen hängen von der kosmischen Strahlung und ihrem Einfluss auf die Bewölkung ab. Das ist aber bis heute nicht sicher. Manche Wissenschafter halten angesichts des abnehmenden Magnetfeldes der Erde sogar eine Umpolung des Magnetfelds für möglich. Dazu fehlen aber Vergleichszahlen. Das Magnetfeld nimmt zwar relativ deutlich ab, aber trotz paläomagnetischer Messungen kann man nicht sagen, ob das normale Schwankungen sind.

STANDARD: Welche Folgen hätte eine Umpolung?

Baumjohann: Zunächst einmal: Wenn es zu einer Umpolung kommt, dann in mehr als tausend Jahren. Und selbst dann sollten die Folgen nicht katastrophal sein. Man wird das allerdings merken, auch schon vorher, weil dann eben das uns vor der energiereichen kosmischen Strahlung und den Sonnenstürmen schützende "magnetische Schild" viel schwächer ist.

STANDARD: Ist die Erforschung solcher Phänomene überhaupt noch leistbar? Die Weltraumagenturen fahren ihre Programme herunter. Wie sehr spürt die Wissenschaft dieses Sparprogramm?

Baumjohann: Wir spüren das vermutlich in den nächsten Jahren, wenn die Sparziele umgesetzt werden. Die Nasa ist hier in einer Zwickmühle. Einerseits können sie aufgrund ihrer Geschichte die bemannte Raumfahrt nicht völlig aufgeben. Deswegen wollen sie als Ersatz für das Shuttle neue bemannte Raketenmodule entwickeln. Andererseits will Obama das Erdbeobachtungsprogramm ausweiten. Wenn man über die Entwicklung des Universums mehr erfahren will, muss die Forschung leistbar bleiben.

STANDARD: Letztlich müssen Sie als Direktor des Instituts für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auch mit dem Sparbudget der Akademie leben. In Österreich stagniert die Forschungsfinanzierung wegen der Krise, in Deutschland, Ihrem Heimatland, wächst sie trotz Krise. Macht Sie das sauer?

Baumjohann: Es ist kein Wunder, dass alle Länder, die ein Triple-A-Rating behalten, auch verstärkt in die Forschung finanzieren. Österreich wäre gut beraten, das Gleiche zu machen. Das Land hat keine verwertbaren Ressourcen außer vielleicht die Landschaft und damit den Tourismus, der aber wieder wegen des Klimawandels Probleme hat. Da müsste man eigentlich auf Forschung und Bildung setzen. Als ich Anfang des Jahrhunderts nach Österreich kam, war das Wort Exzellenz hierzulande eher ungeliebt. Dann investierte man viel Geld in die Forschung. Und jetzt, da der Begriff gern verwendet wird, setzt man ihn nicht mehr um. Und riskiert damit, bereits existierende exzellente Einrichtungen und Gruppen ins Mittelmaß zurückzuschicken.

STANDARD: Wie passt das mit der Finanzierungszusage bis 2026 an das Ist Austria zusammen?

Baumjohann: Ich bin froh, dass die Wissenschafter in Gugging eine langfristige Finanzierungszusage erhalten haben. Nur so kann man etwas aufbauen, was international sichtbar ist. Die Exzellenz, die es im Land bereits gibt, sollte diese Gelder auch bekommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.02.2012)

=> Wissen: Wie Polarlichter entstehen


Wissen: Wie Polarlichter entstehen

Wenn Forscher von einem "koronalen Massenauswurf" der Sonne reden, dann meinen sie den Ausstoß geladener Partikel. Große Sonneneruptionen und die so entstehenden Sonnenstürme sind, wenn sie auf die Erde gelangen, folgenreich: Telekommunikations- und Navigationssatelliten können gefährdet sein. 1973 kam es zu einem Stromausfall in Quebec, Kanada. Wenn Sonnenstürme auf die Erdatmosphäre prallen, kommt es zu Naturschauspielen: zu Polarlichtern, die es im Norden (Nordlicht) und im Süden (Südlicht) geben kann. (red)


Wolfgang Baumjohann, Jahrgang 1950, studierte Geophysik in Münster. Er war lange am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München tätig. 2001 wechselte der auf Plasmaphysik und planetare Magnetfelder spezialisierte Wissenschafter nach Graz ans Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, seit 2004 leitet er das Institut.

  • Der Sonnenorbiter Soho, eine Kooperation zwischen Nasa und Esa, beobachtete 
kürzlich eine hochaktive Sonne mit fünf solaren Eruptionen in zwei Tagen.
    foto: nasa

    Der Sonnenorbiter Soho, eine Kooperation zwischen Nasa und Esa, beobachtete kürzlich eine hochaktive Sonne mit fünf solaren Eruptionen in zwei Tagen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein besonders starker Sonnensturm erzeugte 2003 "Nordlichter" sogar in der Nähe von Münster in Deutschland.

  • Wolfgang Baumjohann: "In Österreich setzt man den Begriff Exzellenz nicht mehr um und riskiert Mittelmaß bei exzellenter Forschung."
    foto: philipp

    Wolfgang Baumjohann: "In Österreich setzt man den Begriff Exzellenz nicht mehr um und riskiert Mittelmaß bei exzellenter Forschung."

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