System in der Midlife-Crisis

28. Februar 2012, 19:01
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Forscher suchen neues Wachstumsmodell für Europa

Es gehe nicht darum, einen weiteren tausendseitigen Bericht zu verfassen, der dann in der Schublade verschwindet, stellte Karl Aiginger gleich vorweg fest. Der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) koordiniert ein EU-Forschungsprojekt, das kein geringeres Ziel hat, als das derzeitige Wirtschaftssystem umzukrempeln und den Weg für eine "sozioökonomische Transformation" zu ebnen.

"Europa verliert die Führungsrolle, auch bei vielen Umweltthemen. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Wirtschaftssystems lässt nach, die Offenheit gegenüber den Nachbarn sinkt", konstatierte Aiginger bei der Projektpräsentation am Dienstag. "Das europäische Modell leidet an einer Midlife Crisis."

Insgesamt 33 Institute aus zwölf Ländern erarbeiten unter der Leitung des Wifo die empirischen Grundlagen für ein neues Wachstumsmodell, das stärker als bisher "die soziale und ökologische Komponente" berücksichtigt, wie Aiginger betonte. Der Name des Projekts ist Programm: "WWWforEurope", also Welfare, Wealth and Work (Wohlstand und Wachstum mit Beschäftigung).

Dabei sollen Forscher der verschiedensten Disziplinen politische Prozesse wissenschaftlich begleiten und gleich Konzepte für die Umsetzung entwickeln: "Wir erwarten neue Zahlen und Fakten, die helfen, die wichtigen Fragen zu beantworten, die unter Europas Fingernagel brennen", formulierte Richard Kühnel, Delegationsleiter der Europäischen Kommission in Wien, welche das Projekt mit acht Millionen Euro unterstützt.

Das Projekt gliedert sich in fünf Forschungsschwerpunkte: Herausforderungen an den europäischen Wohlfahrtsstaat, ökologische und biophysische Dimensionen, Innovations- und Industriepolitik als Treiber des Wandels, Governance-Strukturen sowie die Rolle der Regionen. In den nächsten vier Jahren sollen regelmäßig "Meilensteine", also vorläufige Ergebnisse präsentiert werden. Bereits im Herbst sollen zwei Berichte vorliegen, eines zu Governance-Strategien der europäischen Institutionen und eines zu Handlungsmöglichkeiten in südeuropäischen Krisenländern wie Griechenland. Hoffnung in die Forschungsarbeit legen auch die Chefs von Wirtschafts- und Arbeiterkammer, Christoph Leitl und Herbert Tumpel. An bisherigen Ziele sei man kläglich gescheitert. (kri)

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    Wifo-Chef und Projekt-Leiter Karl Aiginger.

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