Ein Plädoyer für das Angestelltendasein

Marietta Türk
1. März 2012, 06:15
  • Voller Einsatz fürs Unternehmen, auch wenn es nicht das eigene ist.

    Voller Einsatz fürs Unternehmen, auch wenn es nicht das eigene ist.

  • Es müsste mehr Intrapreneurs geben, meint Conrad Pramböck. Unternehmerisch denkende Angestellte seien zufriedener im Job.
    foto: edition a

    Es müsste mehr Intrapreneurs geben, meint Conrad Pramböck. Unternehmerisch denkende Angestellte seien zufriedener im Job.

Warum es Angestellte besser haben als Selbstständige - Unternehmensberater Conrad Pramböck hat seine Thesen dazu niedergeschrieben

Er ist davon überzeugt, dass es Angestellte besser haben als Selbstständige: Der Unternehmensberater Conrad Pramböck hat mit seinem Buch Jobstars quasi ein Plädoyer für das Angestelltendasein geschrieben.

derStandard.at: Menschen werden heute ermutigt, sich selbstständig zu machen. Sie halten dagegen.

Pramböck: Es ist eine gefährliche Entwicklung, dass Arbeitslose in die Selbstständigkeit gedrängt werden, damit sie aus der Arbeitslosenstatistik verschwinden. Außerdem erlebe ich in meiner Beratertätigkeit und im Freundeskreis, dass viele Angestellte frustriert sind, auf ihre Chefs und die Kollegen schimpfen und deswegen den Traum haben, sich irgendwann selbstständig zu machen. Ich empfehle das nur jenen, die genau wissen, was sie erwartet.

derStandard.at: Was haben Angestellte besser?

Pramböck: Sie haben extrem große Sicherheit, regelmäßiges Einkommen, verdienen ab dem ersten Arbeitstag, haben einen voll ausgestatteten Arbeitsplatz und bekommen Unterstützung von ihren Kollegen. Selbstständige hingegen verbringen die ersten Wochen damit, Möbel und Computer zu besorgen, mit Rechtsanwalt und Steuerberater zu sprechen. Das sind zwar wichtige Dinge, aber es vergeht Zeit, die sie nicht dafür investieren können, Geschäfte zu machen.

derStandard.at: Sehen Sie gar keine Schattenseiten?

Pramböck: Doch, und ich habe auch hinterfragt, warum so viele Angestellte frustriert sind. Laut einer Gallup-Studie hat mehr als die Hälfte innerlich gekündigt. Ich habe mit vielen gesprochen und herausgefunden, es liegt vor allem an der Einstellung zum Arbeiten. Der größte Fehler, den Angestellte machen können, ist, zugunsten eines sicheren Einkommens oder der Bequemlichkeit zahlreiche Kompromisse einzugehen - nämlich auf Kosten der Zufriedenheit mit dem Job. Kein Wunder, dass viele unmotiviert sind, sich Montagmorgen ins Büro quälen und Freitagnachmittag auf Facebook posten, dass endlich Wochenende ist.

Ein Selbstständiger hingegen stellt niemals das sichere Einkommen in den Vordergrund, für ihn gibt es keine Sicherheit. Die Arbeitsleistung zählt. Er mit seinem Job ist die Lösung für ein Problem, und er sucht einen Markt dafür. Diese Einstellung sollten sich Angestellte zu Herzen nehmen.

derStandard.at: Heißt das, Angestellte werden glücklicher, wenn sie denken wie Selbstständige?

Pramböck: Unternehmerisch zu denken ist das Um und Auf für Angestellte. Es gibt auch das Schlagwort "Intrapreneur": der Unternehmer im Unternehmen. Will ich als Angestellter persönlich erfolgreich sein, muss ich mir ein Ziel setzen. Dann kann ich nach kollegialer Unterstützung innerhalb der Firma und auch extern suchen. Und je besser mein Netzwerk an Personen ist, die mich dabei unterstützen, desto erfolgreicher werde ich. In diesem Angestelltendasein sehe ich die Zukunft.

derStandard.at: Nicht jeder hat aber diese Möglichkeiten. Viele Menschen sind auf Billigjobs angewiesen - auch sie sind angestellt.

Pramböck: Wenn Sie alleinerziehend sind, keine Qualifikationen haben, sind Sie auf Billigjobs angewiesen. Als Hilfsarbeiter oder Kassiererin versuchen Sie irgendwie über die Runden zu kommen. Aber die Selbstständigkeit ist für diese Menschen auch keine Lösung. Innerhalb der ersten drei Jahre geht ein Drittel der Kleinstunternehmen in Konkurs. Ein sicheres Einkommen ist besser, als pleitezugehen. Nicht einmal an der Wirtschaftsuni lernt man, wie man erfolgreicher Gründer wird. Man lernt es durch Versuch und Irrtum, und jeder Irrtum kann fatal sein und bares Geld kosten.

derStandard.at: Sie schreiben, die Angestellten säßen in den Unternehmen am längeren Hebel. Was ist mit den Arbeitgebern?

Pramböck: Auf der einen Seite werden die Anforderungen der Unternehmen an die Angestellten immer höher. Früher war ein akademischer Grad quasi eine Jobgarantie für den Rest des Lebens. Heute reicht das nicht. Habe ich Soziologie studiert, tue ich mir schwer, überhaupt einen Job zu finden. Und in manchen Branchen ist es schwer, von Anfang an eine fixe Anstellung zu bekommen. Ich brauche dazu noch Praktika, eine Post-Graduate-Ausbildung, internationale Erfahrung, perfekte Englischkenntnisse. Die Anforderungen steigen und die Einstiegsgehälter bewegen sich kaum nach oben.

Auf der anderen Seite sind qualifizierte, leistungsbereite Mitarbeiter so gefragt wie noch nie. Die Demografie zeigt, es kommen auch nicht mehr so viele Angestellte nach. Dieser War for Talents wird sich in Zukunft noch verstärken. Immer mehr Unternehmen werden immer mehr qualifizierte Mitarbeiter suchen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Angestellten um 50 Prozent gewachsen, die Zahl der Selbstständigen um 15 Prozent. Dieser Trend wird sich fortsetzen, weil für Unternehmen eine qualifizierte Stammmannschaft wichtig ist. Jeder gute Unternehmer weiß, dass er nichts ist ohne seine Angestellten. 

derStandard.at: Muss sich auch die Einstellung der Führungskräfte verändern?

Pramböck: Die Einstellung der Führungskraft von gestern lautet: Es geht nicht um die Arbeitsleistung, ich komme nur weiter mit politischen Spielchen. Wenn ich oben sitze und Macht, Status und ein hohes Einkommen habe und es kommt ein junger Mitarbeiter, der gute Ideen hat, habe ich als schlechte Führungskraft die Befürchtung, er sägt an meinem Sessel. Führungskräfte sollten diese Ideen vielmehr aufnehmen, verbessern und die Umsetzung wieder in die Hände der Mitarbeiter geben. Gelingt das, sind die Angestellten von sich aus motivierter. Zudem profitieren auch die Führungskräfte davon: Sie vergrößern ihren Einfluss, weil sie Mitarbeiter haben, die ihre Interessen verfolgen. 

derStandard.at: Das Pensionsalter soll angehoben werden. Was muss sich dafür für die älteren Angestellten ändern? 

Pramböck: Viele Menschen wollen länger arbeiten, aber nicht so, wie es jetzt ist. Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen passen. Das zeigt sich am Beispiel des flexiblen Arbeitens: Viele Angestellte wollen das. Doch die Menschen müssen immer noch die Stechuhr betätigen - wegen der Gewerkschaft. Das passt überhaupt nicht zusammen. (derStandard.at, 1.3.2012)

Buch

Conrad Pramböck: Jobstars. Mehr Glück, mehr Erfolg, mehr Leben als Angestellter. Edition a, 2012.

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das-angestelltendasein-als-der-heilige-gral-einer-sicheren-existenz

http://www.netcurator.at/blog/das-... n-existenz

"Unternehmerisch zu denken ist das Um und Auf für Angestellte."

najaaaa... würden alle den bestmöglichen Beitrag leisten um das wohl eines großen Ganzen zu garantieren.... hätte der Kommunismus auch funktioniert.

Wenn dich Menschen wie Conrad Pramböck derart angrinsen, müsste man eigentlich eine Watschn verteilen...

Die Einstellung der Führungskräfte:

Zumindest sollten sie sich bewusst sein, das sie ebenfalls Angestellte sind.

Dann wäre es fein, wenn sie wüssten, was ihre Aufgabe ist, nämlich zu führen - und nicht nur in den vorgeschriebenen Abständen zu 'reporten'.

Vielleicht sich einmal als 'Servicefunktion' verstehen, damit der normale Mitarbeiter seine Leistung auch erbringen (und verrechnen) kann.

Das einzige, was mich glücklicher machen würde, wenn sich mein Gehalt verdoppelte, aber da stehen mir noch harte Verhandlungen mit dem Chef bevor :-)

Anständige Bezahlung und Behandlung...

motivieren Angestellte übrigens immer noch am besten, Herr Pramböck.

finde das auch immer sehr geheuchelt, dass ja geld nicht so wichtig sei.

immerhin ist es ja doch so, dass man, je mehr geld man zur verfügung hat, umso mehr machen und sich leisten kann. ich meine hierbei nicht unbedingt, dass man noch mehr konsumiert, sondern dass man vielleicht öfter essen geht, sich in hobbies vertieft, einen schöneren urlaub leistet, bessere produkte kauft - man also auch weniger auf den billigramsch angewiesen ist.

und das ist sicherlich vielen etwas wert. dafür ist man dann vielleicht auch bereit einen nicht ganz so tollen job zu machen. ja, man versklavt sich damit ein wenig. aber wenn der preis stimmt, warum nicht? nur stimmt der preis halt leider oft nicht.

Bitte was heißt "unternehmerisch denken"?

Wenn ich als Angestellter unternehmerisch denke, dann kündige ich doch sofort und auf der Stelle!

So ein halbkomischer Philo-Quaggel.

Soll man als Angestellter den Job des Unternehmers auch noch machen? Gratis?

"..halbkomischer Philo-Quargel" = super!!!!!!!!

das muß ich mir merken.

Gratis?

Eher die (mehr oder weniger) simple Rechnung, ob man innerhalb oder ausserhalb der Anstellung mehr für den unternehmerischen Einsatz bekommen kann.

Und so wie ich das verstehe sollte man die Anstellung dabei nicht per Vorurteil übergehen sondern als mögliche Option betrachten.

ich finde, dass der herr pramböck ein riesen ungustl ist.

präzise analysiert!

Da will jemand den Rohstoff Arbeitnehmer wohl noch ein wenig mehr melken.

Ja der Angestellte ist nur glücklich wenn er Arbeiten darf, wenn er sich kreativ entfalten darf, networking in seinem eigenen Umfeld betreiben darf, das macht den Arbeitnehmer glücklich.

Wieviel Propaganda muss man hergestellt haben damit man anfängt diesen Mist selbst zu glauben? Der Mann gehört zu dem Schlag der der Belegschaft erklärt wie wichtig jeder Einzelne für den Erfolg des Unternehmens ist, aber ohne mit der Wimper zu zucken einem Dutzend Arbeitnehmer erklärt, dass er sie der Wirtschaft zur Verfügung stellt.

Bitte lieber Herr Unternehmensberater erkläre mir wieviel besser ich es als mein Chef hab.

Er hat aber zumindest zum Teil schon recht: Viele Leute, die von ihrem Wissen und ihrer Ausbildung her durchaus gute Chancen am Arbeitsmarkt hätten, bleiben ewig im gleichen Unternehmen, obwohl sie unzufrieden und unglücklich sind. Die Menschen warten drauf, dass sich etwas ändert, ändern selbst aber nichts (z.B. auf den Tisch hauen, oder auch einen anderen Job suchen).

Insofern gibt es sicherlich viele Menschen, die "unternehmerisch" tätig werden sollten und etwas gegen ihre Situation unternehmen(!) sollten.

Ein Scherz, die These

dass Angestellte glücklicher wären, würden Sie doch bitte unternehmerisch denken, ist doch das Gegenteil von wahr: Es heizt das Frustrations- und Burnoutpotenzial erst so richtig an.

quatsch; natürlich ist das richtig. auch sonst hat er zur gänze recht. ist natürlich abhängig wie (weit) die firma schon ist. wo ich bin sehe ich schon über jahre dass nur die noch dabei sind, die wirklich unternehmerisch denken können und handeln (bei den guten jobs). alle anderen sind weg. und so gut wie immer nicht freiwillig (auch höchste posten, oder vorallem). man muss weder sich durchboxen, kriechen, oder sonstige grauslichkeiten machen, sondern einfach nur seinen job gut machen; zahl sich fast immer positiv aus.

"Habe ich Soziologie studiert, tue ich mir schwer, überhaupt einen Job zu finden"

Und mit Kunstgeschichte, Floete, Publizistik, etc auch.

Es gibt halt leidergottes Studien, die mehr einem Hobby aehnlen als einer Berufsausbildung. Nur halt ein Hobby, wo ich interessante Skripten und Buecher lese, und dann ein Diplom bekomme. Das will man nur offiziell nicht aussprechen.

Warum soll ich fuer ein Hobby mit Diplom dann auch bessere Berufschancen haben, als ein gut ausgebildeter Handwerker oder Menschem mit Technik, Wirtschaft und Naturwissenschaftsabschluessen?

unterschätzen Sie mir bitte den Kunstmarkt nicht .. da wechseln sehr hohe Beträge über den Ladentisch

Bildung

Hast eh recht, was ist das Wissen der Menschheit schon im Vergleich zu einer ordentlichen Berufsausbildung

Stechuhr.

Über Stechuhren läßt sich streiten, aber warum sie der Flexibilität im Weg stehen sollen ist mir unverständlich. Ob ich um 6 oder um 10, ob ich einmal am Tag oder 10x die Stechuhr betätige, macht keinen Unterschied.

Stechuhr ist wohl als Synonym für vergleichsweise strenge Kernzeiten, etc. zu sehen.

Wenn SIe anwesenheit verlangen und messen - bekommen SIe Anwesenheit.

Wenn SIe Leistung verlangen und messen - ebkommen SIe eher Leistung.

Es ist immer noch ein Stunden-(oder Zeit-)Lohn

Die Leistung wird dann in der Höhe und in flexiblen Anteilen dargestelt.

Wenn Sie die Zeit messen: ja.

Aber die Zeit ist irrelevant - weil eben nicht die abgesessene Zeit über Erfolg bei Geahltsverhandlungen und Entwicklung (oder Verbleib) im Unternehmen entscheiden, sondern der Output.

Am Besten: Zeit ignorieren.

Gratuliere zu ihrem Dienstgeber!

Es gibt tausende andere. Wo die Dauer der Mittagspause, die Leistung von pauschalierten Überstunden, etc. ein relevanmtes Kriterium ist.

Leistung und Output sind nämlich nicht so simpel messbar wie Zeit.
Z.B. sagt die Menge der Zeilen Coding die ein Programmierer schreibt nichts über die Qualität.

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