Immer den Sternen nach

28. Februar 2012, 18:31
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Die Astrophysikerin Julia Weratschnig berechnet die exakte Position von Gestirnen

Sie sei schon immer eine gewesen, die ihrer Umgebung Löcher in den Bauch gefragt hat, erzählt Julia Weratschnig. Wie funktioniert dies und das? Warum sind die Sterne so hell? Mit etwa 15 Jahren versuchte sie ihren Wissensdurst, der sich über Biologie und Physik und schließlich auf die Astronomie erstreckte, zu stillen, indem sie dem örtlichen Verein der Vorarlberger Amateurastronomen beitrat. Kurz darauf war ihr klar, dass sie Physik mit Schwerpunkt Astronomie studieren wollte.

Dabei ist es auch geblieben. Heute liest Julia Weratschnig sozusagen in den Sternen: Am United Kingdom Hydrographic Office in Somerset, der britischen Behörde für Nautik, Seefahrt und Hydrografie, berechnet sie die Daten für astronomische Almanache. Die Standardwerke leiten Seefahrer wie Astronomen in aller Welt. "Ich war zuerst überrascht, dass es dieses Arbeitsgebiet als solches überhaupt noch gibt", gesteht Weratschnig. "Es hat mich aber sehr interessiert, da es die Astronomie greifbar macht - auch wenn es etwas ganz anderes ist als das, was ich vorher gemacht habe."

Denn vorher - während ihres Studiums - stürzte sich die 1982 in Hohenems geborene Astrophysikerin auf eine nur äußerst schwer greifbare Materie: nämlich dunkle Materie. Für ihre Diplomarbeit an der Universität Innsbruck untersuchte sie den Raum zwischen einzelnen Galaxien innerhalb eines Galaxienhaufens. "Darin befindet sich ein dünnes Gas, das so heiß ist, dass es im Röntgenlicht strahlt", erklärt sie.

In der Doktorarbeit, die sie bei Sabine Schindler, Galaxienexpertin und Leiterin des Instituts für Astrophysik an der Uni Innsbruck verfasste, ging sie noch weiter: "Wenn kleine Gruppen innerhalb von Galaxienhaufen verschmelzen, heizt sich das Gas dazwischen auf. So konnten wir modellieren, wie sich Millionen von Lichtjahren entfernte Galaxien aufeinander zubewegen."

Werden die unendlichen Weiten des Universums durch die Beschäftigung damit etwas übersichtlicher? "Man gewöhnt sich an die Größenordnungen", meint Weratschnig. "Aber wer darüber nachdenkt, merkt, dass man sich nicht viel darunter vorstellen kann." Während der Arbeit an der Dissertation, die sie 2009 abschloss, lernte sie auch ihren Partner kennen, ein Brite - der auch der Grund für ihren Wechsel nach Somerset in Südwestengland war.

Nach der Erforschung der dunklen Materie widmet sie sich nun ganz den praktischen Anwendungen der Astronomie auf der Erde. Aufgrund von Basisdaten der Nasa errechnen sie und ihre Kollegen, wo exakt sich Sonne, Mond, Planeten und Sterne befinden - und zwar von einer bestimmten Position aus gesehen. Dabei müssen sämtliche Feinheiten wie Gravitationseinflüsse und Korrekturen durch ständig neue Vermessungen berücksichtigt werden. An den Tabellen, welche die Almanache füllen, richten Astronomen ihre Teleskope aus, Hochseeschiffe orientieren sich daran. In einem eigenen Projekt beschäftigte sich Weratschnig mit der noch jungen Klasse von Zwergplaneten.

Wie tief verankert die Orientierung an den Gestirnen in den Kulturen ist, zeigen zahlreiche Anfragen: "Um den genauen Anfang von Ramadan zu bestimmen, muss man den Neumond beobachten. Andere Feste beginnen genau zu Sonnenuntergang." Der nächste Anlass zum Feiern ist für Julia Weratschnig irdischer Natur: Sie wird demnächst Mutter. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.02.2012)

  • Julia Weratschnig: von Innsbruck nach Südengland.
    foto: privat

    Julia Weratschnig: von Innsbruck nach Südengland.

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