Debatte statt Sozialneid

Kommentar28. Februar 2012, 19:25
40 Postings

Paris verliert schon heute Milliarden durch Steuerflüchtlinge, die sich ins Schweizer Tiefsteuerdomizil abgesetzt haben

Fünfundsiebzig Prozent Einkommenssteuer - darauf muss man erst mal kommen. Doch Frankreichs Präsidentschaftskandidat und -favorit François Hollande bekräftigte gestern, dass er Jahreseinkünfte von mehr als einer Million Euro so stark besteuern will. Auf den Punkt gebracht, lautet sein Argument: Skandalöse Supersaläre rufen nach drastischen Steuern.

Frankreich wird in den nächsten Wochen heftig darüber debattieren, ob diese neue Steuerklasse moralisch vertretbar und außerdem auch fiskalpolitisch sinnvoll ist. Paris verliert schon heute Milliarden durch Steuerflüchtlinge, die sich wie etwa Alain Delon oder Alain Prost ins Schweizer Tiefsteuerdomizil abgesetzt haben.

Deshalb ist es alles andere als sicher, dass Frankreich die neue Steuerklasse jemals einführt - selbst wenn Hollande ins Élysée einziehen sollte. Die Botschaft des 57-jährigen Sozialisten ist einfach: Er verschont die Reichen im Land nicht, wie das Nicolas Sarkozy nach seiner Wahl 2007 getan hat; er bittet sie vielmehr zur Kasse.

Ganz so einfach liegen die Dinge aber mitnichten. Hollande hatte vor Jahren einmal offen erklärt: "Je n'aime pas les riches." - "Ich mag die Reichen nicht." Das riecht nach plumpem Sozialneid. Man könnte sich subtilere Argumente gegen Sarkozys Reichenförderung vorstellen. Und für die - dringend notwendige - Debatte um die Besteuerung von Supereinkommen, Börsengewinnen und dergleichen.  (DER STANDARD, Printausgabe, 29.2.2012)

Share if you care.