Die ISTA-Milliarde und das "Exzellenz"-Problem

Kommentar der anderen28. Februar 2012, 19:13
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Wie glaubwürdig ist eine Forschungspolitik, die ihre Budgetentscheidungen nach angeblich objektiven Kriterien trifft? Und was heißt das für die Zukunft einer Wissenschaft, die genau diese "Objektivität" in Frage stellt? Von Monika Mokre

Die Finanzierungszusage an das Insitute of Science and Technology Austria (Ista) (Ista) hat eine breite Debatte um die österreichische Wissenschaftspolitik ausgelöst. Das ist erfreulich, denn dadurch wird deutlich, worum es hier geht - nämlich um Politik, genauer gesagt Verteilungspolitik, und politischen Streit, der in Zeiten schrumpfender Budgets notwendigerweise härter wird.

Allerdings erwecken die meisten Wortmeldungen zu diesem Thema den Eindruck, dass es objektive Kriterien zur Messung wissenschaftlicher Exzellenz gibt, die politischen Entscheidungen zugrunde gelegt werden können. Doch das ist nicht der Fall. Drittmitteleinwerbung etwa, die für die Legitimation der Ista-Milliarde eine zentrale Rolle spielt, zeigt die breite Akzeptanz bestimmter Formen wissenschaftlicher Forschung, nicht aber notwendigerweise ihren Innovationsgrad. Und die Definition der wichtigsten wissenschaftlichen Publikationsorgane ist seit langem heftig umstritten und führt tendenziell dazu, dass randständige Forschung, kritische Forschung und eben auch besonders innovative Forschung ausgegrenzt wird.

All dies spricht nicht gegen die Definition von Evaluierungskriterien, die immer nötig sind, wenn öffentliche Gelder vergeben werden. Aber es spricht auch für eine ständige kritische Überprüfung dieser Kriterien. Denn die jeweilige Definition von Exzellenz bedeutet stets einen Einsatz im politischen Streit, der entsprechend politischer Interessen gewertet wird.

Aus wissenschaftlicher Sicht wird dieser politische Einsatz in Arbeiten der kritischen Sozial- und Kulturwissenschaften analysiert: Welches Wissen unterstützt welche Form der Machtausübung? Und welche Form der Wissensproduktion wird daher gefördert und welche wird vernachlässigt? Das sind unbequeme Fragen und die Antworten darauf lassen sich schlecht in die üblichen Exzellenzraster einordnen.

Zur Zeit scheint evident, dass der Fokus der Wissenschaftsförderung auf einem Teil der Naturwissenschaften und auf Fragen der technischen Machbarkeit liegt. Wobei zumeist diejenigen Forschungsrichtungen als besonders förderungswürdig dargestellt werden, die auf möglichst unmittelbare kommerzielle Verwertbarkeit hoffen lassen.

In diesem Sinne werden dann Mittel zwischen Institutionen - wie etwa dem ausschließlich naturwissenschaftlichen Ista und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit einem sehr viel breiteren Forschungsportfolio - wie auch innerhalb von Institutionen verteilt. (Auch an der ÖAW sind etwa die life sciences in ihrer herausragenden Bedeutung wie auch entsprechend hohen Finanzierung unumstritten, während die kultur- und sozialwissenschaftlichen Institute um vergleichsweise geringfügige Mittel streiten.)

Vor kurzem wurde ich von einem Vertreter der Life Sciences aufgefordert, die Bedeutung der Kultur- und Sozialwissenschaften im Vergleich zur Lungenkarzinomforschung zu rechtfertigen. Meine Antwort darauf lautete: " In Bezug auf mein eigenes Fach erscheint mir die Frage durchaus relevant, warum bereits erforschte und erprobte Medikamente und Heilverfahren großen Teilen der Weltbevölkerung und auch zunehmend mehr Einwohnern der reichsten Länder der Welt nicht zur Verfügung stehen."

Die Chancen auf Drittmittel, möglichst aus der Wirtschaft, sind für die Beantwortung solcher Fragen gering. Aber ist die Frage deshalb wissenschaftlich und politisch irrelevant? (Monika Mokre, DER STANDARD, Printausgabe, 29.2.2012)

Autorin

Monika Mokre arbeitet als Politikwissenschaftlerin in Wien.

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    Müssen Kopfarbeiter Drittmittel-tauglich sein? - Austellungebsucher vor einer Skulptur von Fritz Wotruba ("Der Denker", 1948).

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