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Wien - Zu diesem nun mittlerweile 52-jährigen Promi unter den Jazzsaxofonisten existiert durchaus so etwas wie ein Konsens bezüglich seiner glanzvollen Biografie. Branford Marsalis, als begabter Spross einer von Vater Ellis Marsalis begründeten Jazzdynastie, kam - zusammen mit Bruder und Trompeter Wynton - früh in den Genuss einer Karriere. Kein Geringerer als Schlagwerklegende Art Blakey holte den 20-Jährigen einst zusammen mit Wynton zu seinen Jazz Messengers, was bedeutete, an der Spitze angekommen zu sein.
Und Branford blieb nicht nur dort, was man an der Arbeit mit Trompeter Miles Davis ersehen konnte. Reichweite und Bankkonto des Stilflexiblen profitierten danach jazzunüblich von der Kooperation unter anderen mit Popstar Sting und der Tatsache, dass Marsalis 1992 (für zwei Jahre, länger hielt er es dann doch nicht aus) Leiter jener Band wurde, welche dem Late-Night-Talker Jay Leno zu Diensten stand.
Branfords Version zu alledem ist allerdings weniger glanzvoll. "Für mich war es zwar der richtige Zeitpunkt, bei Art Blakey zu landen. Allerdings mochte er nicht, was ich spielte, und ich wusste das. Blakey hat mich nur geholt, um meinen Bruder Wynton in der Band zu halten. Blakey dachte, Wynton würde länger bleiben, wenn er mich dazunimmt. Ich machte mir diesbezüglich keine Illusionen. Solange ich lernen konnte, Informationen bekam, war es mir egal." Und "Informationen" bekam er reichlich: "Blakey verlangte etwa von mir, eine einfache Ballade zu spielen, was ich nicht wollte. Er duldete keine Widerrede, also nahm ich einen Song von Gershwin und veränderte gleich alle Akkorde, wollte es cool klingen lassen."
Art Blakeys Kritik
Blakey allerdings - mäßig beeindruckt, um nicht zu sagen verärgert - habe gemeint, "dass Gershwin nicht mich brauchen würde, um wirklich cool zu klingen. Und er diagnostizierte: Der einzige Grund, warum ich die Akkorde verändert hätte, so Blakey, wäre in meinem unzulänglichen Sound zu suchen. Er hatte wohl Recht." Zu jener Jugendzeit wäre eben "Wynton derjenige gewesen, der geübt hat, und ich war der, der mit Mädchen unterwegs war."
So wurde Wynton schließlich 25 Jahre alt "und hing mit den Mädchen rum - allerdings als bereits großer Trompeter. Ich jedoch war ein schlechter Saxofonist, der immer noch mit den Mädchen unterwegs war. Und dann: Plötzlich war ich 36 und merkte, dass es ein übles Gefühl war, ein schlechter Saxofonist zu sein ..."
So viel ungeschönte Selbstreflexion ist wohl auch bei einer Sonderbegabung nur möglich, so sie mittlerweile mit sich und ihren Fähigkeiten im Reinen ist. "Mir geht es mittlerweile um ökonomisches Spielen, um einen wirklich bedeutenden Sound, um Emotionen. Ich will nicht mehr beeindrucken. Es geht darum, schon die Einzelnote substanzvoll klingen zu lassen. Wenn du eine Note armselig spielst, wirst du zehn spielen, um das zu verstecken." Wer seine neue, auf seinem eigenen Label Marsalis Music erschienene CD Four MFs Playin' Tunes hört, versteht, was gemeint ist.
Branford entwirft auf hardboppiger Basis intensive Neuinterpretationen eines historisch glorreichen Stils. Er vermag ihn jedoch zusammen mit einer eingespielten Band mit Hitze aufzuladen. Alles passiert innerhalb einer klaren Struktur, denn "ich spüre innerhalb der Struktur die meiste Freiheit. Insgesamt: Je disziplinierter ich bin, desto mehr Freiheit verspüre ich beim Improvisieren."
Dies allerdings heißt nicht, für die CD endlose Proben anzusetzen. "Das mag ich gar nicht - Musik kann totgeprobt werden. Ich entscheide deshalb recht spät, welche Songs wir aufnehmen. Mein Pianist Joey Calderazzo hat etwa immer Angst, schlecht zu klingen. Wenn er das Repertoire im Voraus erfährt, geht er nach Hause und übt das stundenlang. Und er weiß, was er im Studio tun wird. Ich versuchte, das diesmal zu verhindern, indem ich bis auf zwei Stücke offen ließ, was auf die CD kommt."
Aufeinander hören
Das hatte zwar den Nachteil, dass "Joey ständig bei mir anrief und fragte, ob ich das Repertoire für die CD endlich beisammen hätte. Allerdings führt diese Ungewissheit im Studio dazu, dass alle genauer zuhörten. Dieses Arbeiten nahe am Abgrund ist belebend. Die Idee dahinter ist, dass alle kommunizieren und aufeinander reagieren. Wenn ich das Gefühl habe, einer spielt ein Solo und hört nicht auf die anderen, dann unterbreche ich."
Wichtig sei auch, in der Band unterschiedlichste Charaktere zu versammeln. "Ich persönlich glaube an die Ökonomie der Gedanken, also an eher sparsames Spiel. Joey hingegen hebt eher episch ab, spielt und spiel und spielt. Das ist okay. Wenn er so agieren würde wie ich, wäre es eher traurig." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, Printausgabe, 29.2.2012)
Branford Marsalis Quartet, 15. April, Porgy & Bess, 20.30
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... ist Branford auch ein begnadeter Komponist, dieser Aspekt wurde im Artikel nicht entsprechend gewürdigt. Und dann vertritt er auch nicht nur einen Stil sonder schaut durchaus mal nach links und rechts und versucht was Neues. Das kann man bei Winton lange suchen. Aber da erzähl ich vermutlich den Wissenden nichts Neues, sorry.
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