ORF eins hat Parallelprogramme mit Privaten verdoppelt

28. Februar 2012, 18:48
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Programmanalyse der Rundfunkregulierung: ORF eins bringt mehr Unterhaltung als deutsche und österreichische Privatsender - "Kritisch zu fragen", ob "ORF ausreichend unverwechselbar"

Wien - Film, Serien und andere Unterhaltung machen 83 Prozent von ORF eins aus. Fast das Doppelte von RTL, ein Drittel mehr als die Privatsender ATV und Puls 4, das Vierfache von Servus, weit mehr als RTL 2. Das erhob Jens Woelke, Medienwissenschafter an der Uni Münster, für die Rundfunkregulierung. Immerhin: 2009 fand Woelke 86 Prozent Unterhaltung.

Dafür programmiert ORF eins weit öfter parallel mit anderen Kanälen wie ProSieben, Vox: 2007 13,7 Prozent der Sendezeit von ORF 1, 2009 15 und 2011 28,2 Prozent.

Die Privaten sehen sich bestätigt. Sie beschwerten sich mit ihrer Programmanalyse über 22 Monate bei der Medienbehörde, der ORF verletze das Gesetz.

"Spartenkanal für Unterhaltung?"

Der ORF zitiert dazu Michael Kogler, Vize der Medienabteilung im Kanzleramt: Unverwechselbar bedeute kein Totalverbot, "der ORF muss seine Programmplanung nicht ex ante auf die Programmierung anderer Anbieter abstimmen." "Aber er tut es", kontert ATV-Chef Ludwig Bauer. Und fragt: "Ist ORF 1 überhaupt noch ein Vollprogramm oder ein Spartenkanal für Unterhaltung?"

ORF-Jurist Klaus Kassai verlangt eine Gesamtbetrachtung aller Kanäle, inklusive Spartenkanälen: "Mit einer Kanalbetrachtung ist nicht viel zu gewinnen." Markus Breitenecker (Puls 4, ProSiebenSat.1) dazu: ORF 2 entspreche grob ARD und ZDF, gemeinsam mit ORF 1 spielten beide - trotz 600 Millionen Gebühren - in der Liga der Privaten. 

Zitiert: Fazit aus der Studie

O-Ton aus dem Fazit der zur Präsentation verteilten Studie: "Die Diskussion der Frage, inwiefern sich das für den öffentlich-rechtichen Anbieter ORF vorgesehene Konzept von Außenpluralismus durch mehrere TV-Programme tatsächlich realisiert, gerät mit Blick auf das zu ORF 1 deutlich mehr komplementäre Servus TV erneut in den Fokus."

ORF kritisiert Methoden der Studie

In einer Stellungnahme kritisiert der ORF die Studie. Unterhaltung, meint ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, sei "unverzichtbarer Bestandteil des Programmauftrags". Vernachlässigt werde der "qualitative Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Programmen". Weiters moniert der ORF, dass ORF eins und ORF 2 getrennt analysiert werden, da sie als komplementäre Programm zu betrachten seien. Und: "Der Unterhaltungsanteil ist in ORF eins primär deshalb höher als bei kommerziellen Sendern, weil diese bis zu 40 Prozent ihrer täglichen Sendezeit mit Werbung, Teleshopping und Promotion füllen."

"Mit Engelszungen Defizite schönreden"

Angesichts der Daten von ORF eins stellten die privaten Mitbewerber von ATV und Puls 4 polemisch die Frage, ob der Kanal nicht schon mehr ein Spartenprogramm für Unterhaltung darstelle. "Der ORF muss mit Engelszungen Defizite schönreden", konstatierte ATV-Chef Ludwig Bauer, der angesichts der Studie aber selbst nur bedingt Grund zur Freude hatte. Zwar ist der Unterhaltungsanteil seines Senders im Vergleich zu 2009 von 53 auf 45 Prozent zurückgegangen, der höhere Anteil an fernsehpublizistischen Sendungen beschränkt sich jedoch vorwiegend auf Informationsunterhaltung und vor allem "Human Touch"-Themen. Der gleichzeitig gestiegene Umfang von Teleshopping-Formaten unterstreiche den Eindruck, dass der Sender "sein Programmprofil noch nicht ganz gefunden" hat, hieß es. Bauer kündigte an, den Informationsanteil in den kommenden Jahren um weitere fünf Prozent steigern zu wollen.

Puls 4 und Servus TV hatten unterdessen Grund zur Zufriedenheit. Puls 4 liegt bei einem Anteil von 50 Prozent Unterhaltung und 24 Prozent Fernsehpublizistik, also Informations- und informative Unterhaltungssendungen, und zeichnet sich programmprofiltechnisch laut Studie durch "eine deutlich höhere Binnenvielfalt als ATV oder ORF eins" aus. Den Mammutanteil der Puls 4-Information machen allerdings Verbraucher- und Gesundheitsthemen aus, die vor allem im Frühstücksfernsehen behandelt werden. (fid/red/APA)

Links
Die Programmanalyse im Detail

Artikel auf Springerlink
Michael R. Kogler: Bauer sucht Frau ohne Schatten - Qualitätskategorien im audiovisuellen Medienrecht

 

  • ORFeins ist "mit Abstand das Programm mit dem größten Unterhaltungsanteil", so die Studie. Ein Beispiel für "Unterhaltung" ist "Dancing Stars".
    foto: orf/schafler

    ORFeins ist "mit Abstand das Programm mit dem größten Unterhaltungsanteil", so die Studie. Ein Beispiel für "Unterhaltung" ist "Dancing Stars".

  • Programmprofil im Vergleich
    grafik: standard

    Programmprofil im Vergleich

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