Feuer und Flamme

Gastkommentar
28. Februar 2012, 09:51

Aufbruchstimmung in London - Im Sommer stehen zwei Großereignisse an, die auch städtebaulich zur Herausforderung werden - Von Ruben Alexander Schuster

Mit den stetig steigenden, fast frühsommerlichen Temperaturen in London rücken gedanklich die bevorstehenden warmen Monate immer näher und damit auch die zwei großen Top-Veranstaltungen des Sommers. Beide werden die britische Hauptstadt in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit rücken und Millionen von Besuchern an die Themse locken. Im Juni fängt alles an mit dem Diamond Jubilee, dem 60-jährigen Thronjubiläum der Queen.

Hunderttausende werden die Straßen säumen, um einen Blick auf die gekrönten Häupter zu erhaschen. Kaum wird das letzte Glas Champagner auf die Königin geleert sein, werden die Royalisten den Staffelstab den Olympioniken übergeben, die ab dem 27. Juli die Stadt fest in ihrer Hand haben werden. Es wird ein Sommer der Superlative.

Zwei Masterpläne

Die Vorbereitungen laufen seit Jahren und London will die Chance nutzen, das lange vernachlässigte East-End städtebaulich neu zu erschließen und zu definieren. Zehn Milliarden Pfund werden bis zur zentralen Eröffnungsfeier investiert, damit nicht nur die Olympischen Spiele ein Erfolg werden, sondern die Bezirke um Stratford auch nach den Wettkämpfen ihr neues Gesicht beibehalten. Der Chef der Olympic Delivery Authority (ODA) spricht daher sogar von "zwei Masterplänen". Eine Strategie, die auf Nachhaltigkeit setzt und Hoffnungen schafft, den angrenzenden Stadtteilen, die hauptsächlich von Migranten bewohnt werden, Perspektiven zu eröffnen. Neue Infrastrukturen wie Schulen, Bahnhöfe, Naherholungs- und Einkaufsmöglichkeiten sollen die Problembezirke aufwerten und zugleich ein positives Signal an die dort lebende Bevölkerung senden. Die Wunden der Krawalle vom August vorigen Jahres sind dort noch immer nicht ganz verheilt und das Verhältnis zu staatlichen Strukturen extrem belastet. So schenken viele der öffentlichen Hand kein Vertrauen und fühlen sich ausgegrenzt und vergessen. Olympia soll hier die Wende bringen.

Die Architektur der Olympiabauten erlaubt eine flexible Nachnutzung. So soll z. B. das Athletendorf bereits im Herbst dieses Jahres 2900 Familien ein neues Zuhause bieten. Eine Maßnahme, die beruhigend auf den immer kleiner werdenden Ost-Londoner Wohnungsmarkt wirken wird und besonders weniger solventen Kreisen ein würdiges Wohnen ermöglichen soll. Das Olympiastadion wird von 80.000 auf 60.000 Plätze zurückgebaut und dem Premier-League-Fußballclub West Ham United einen neuen Sitz geben.

Die Londoner Politik und Stadtentwicklung hat früh erkannt, dass Olympia wahrscheinlich ihre einzige Chance sein wird, den so angespannten Sozialstrukturen im Osten der Stadt eine neue Dynamik zu geben und den Staat zurückkehren zu lassen in Regionen, die zwischenzeitlich schon als rechtsfreie Zonen bezeichnet wurden. Der Erfolg dieser Mission hängt jedoch an einem seidenen Faden. Groß ist die Gefahr, dass die Viertel zur Spekulationsmasse von Großinvestoren werden, die statt sozialem Wohnungsbau eher Luxus-Lofts betreiben wollen. Der Staat darf die Fackel nicht aus der Hand geben, sonst entfacht sie womöglich ein neues Feuer, das den sich langsam festigenden sozialen Frieden für immer zerstören könnte.

Feuerprobe für die Stadt

Aber nicht nur städtebaulich wird Olympia eine Feuerprobe für die Politik und Stadtverwaltung. Die Sicherheitsbehörden werden sich besonders beweisen müssen, erhalten aber auch die Möglichkeit, ihren in letzter Zeit etwas gelittenen Ruf wieder aufzupolieren. Während der Feierlichkeiten werden 10.000 Polizisten und 13.000 Soldaten im Einsatz sein, um einen friedlichen und störungsfreien Ablauf zu garantieren. Inoffizielle Hochrechnungen rechnen mit Sicherheitsausgaben von einer Milliarde Pfund.

So viele Risiken die Spiele und ihre Auswirkungen bergen, so viele Chancen bieten sie auch dem von vielen Krisen und Rezessionen geschüttelten Großbritannien, wieder neue Stärken und Fähigkeiten zu zeigen, alte Fehler auszumerzen und sich der Welt neu zu präsentieren. (Ruben Alexander Schuster, derStandard.at, 28.2.2012)

Autor

Ruben Alexander Schuster, The European, lebt und arbeitet seit Herbst 2011 in London und ist für "The European" als Auslandskorrespondent tätig.

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10 Postings
Jubelruben

Das klingt so wie die Propagandamaschine der Olympia-Veranstalter: alles ist gut und schön. Natürlich ist die Grundidee, einen verkommenen Stadtteil mithilfe eines Großereignisses zu sanieren und zu revitalisieren, zu begrüßen. Der Artikel sollte jedoch auch die Verdreifachung der Kosten, die weitgehend ungeklärten Nachnutzungen berichten. Ob Westham United wirklich das Olympiastadium bekommt, darf bezweifelt werden, da bei der Vergabe offenbar geschummelt wurde. Ob wirklich 2900 glückliche Familein preisgünstig in das Athletendorf einziehen werden, ist ebenfalls unsicher.
Die Manie, auf Großereignisse zu setzen, hat bisher nirdgends funktioniert. Stadtentwicklung sieht anders aus.

Mittelfristig wird man nicht drumrum kommen die bristische Unterschicht zurück zum Arbeitsmarkt zu führen. Jobs gibts in England ja genug, aber die stattlichen Förderungen des Staates sorgen dafür dass die Unterschicht sich nicht bemüßigt fühlt zu arbeiten. Das sorgt dann für Kinder und Jugendliche die sehr viel Zeit haben und Eltern die ein schlechtes Vorbild sind. Gäbe es in England nicht so viele Sozialhilfedynastien wäre die Jugendkriminalität viel geringer. Die Einwanderer in England zeigen wie man es mit Fleiß und Ausdauer selbst in widrigen Umständen zu etwas bringen kann.

krone-leser oder blau-wähler? oder wirklich verdammt gute ironie ...

Danke für die Ironie!

Selten so geschmunzelt....

http://www.telegraph.co.uk/news/poli... money.html
george osborne: uk has run out of money

aufbruchstimmung in der tat, und wie

Osborne ist halt ehrlich. Uns gehts genauso schlecht und wir stopfen dennoch den Beamten und Pensionisten das Geld hinten rein - das ist mittelfristig die viel gefährlichere Strategie.

Groß ist die Gefahr, dass die Viertel zur Spekulationsmasse von Großinvestoren werden ...

wenn ich manche kommentare in britischen medien anhöre/lese/ansehe, bekomme ich den eindruck, dass dieser warnruf vielleicht - leider - schon zu spät ist ...

Was ist an Spekulation so böse? Wenn Leute bereit sind viel zu zahlen um dort zu wohnen / dort Büros zu eröffnen dann ist das ja auch vollkommen in Ordnung. Was passiert wenn man die Unterschicht ein Viertel dominieren lässt hat man ja bisher gesehen.

...die Unterschicht...

iund was haben sie mit dieser vor? massenerschiessungen?

ja, am besten

weg mit der Unterschicht - oder?

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