Permanente Frischluft, selten auch Lasagneduft

28. Februar 2012, 16:52
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Eine moderne Wohnraumlüftung verringert den Heizwärmebedarf, filtert die Raumluft und lässt die Wäsche schneller trocknen. Manchmal richtet sie auch einen Gruß aus der Nachbarsküche aus

"Stört es euch, wenn ich kurz das Fenster aufmache?" Im Winter teilt diese Frage die Kollegenschaft regelmäßig in zwei Lager: Die einen frösteln schon allein beim Gedanken daran, die anderen freuen sich über jedes Quäntchen Sauerstoff, das die abgestandene Büroluft erträglicher macht.

Mit einer kontrollierten Wohnraumlüftung gehören solche Probleme der Vergangenheit an. Sie sorgt für eine permanente Zufuhr von Frischluft, während die verbrauchte Luft wieder abgeleitet wird.

Heizwärmebedarf sinkt

Die Vorteile: keine Wärmeverluste mehr durchs Lüften, weniger Heizwärmebedarf. Außerdem verbessert eine Komfortlüftung die Luftqualität in den Räumen, da neben CO2 auch Feuchtigkeit und Schadstoffe wie etwa Emissionen aus Möbeln und Klebstoffen abgeführt werden.

Die Funktionsweise ist einfach: Ein Außenluftansauger führt die frische Luft dem Lüftungsgerät zu, in dem sie durch einen Wärmetauscher erwärmt wird. Die angesaugte Luft wird außerdem durch einen Filter von Pollen, Staub, Ruß und Sporen gereinigt und gelangt durch kleine Lufteinlässe weiter in die Wohnräume und ins Schlafzimmer, von wo sie durch Überstromöffnungen auch in Küche und Badezimmer geleitet wird. Von dort wird die verbrauchte Luft durch Luftauslässe wieder abgesaugt und zum Lüftungsgerät geleitet, wo sie im Wärmetauscher dafür genutzt wird, die Frischluft zu erwärmen - freilich ohne dass sich die beiden Luftströme vermischen. Erst dann wird die Abluft ins Freie geleitet.

Von Abwesend bis Intensiv

Das Lüftungsgerät wird standardmäßig im Abstell- oder Haustechnikraum, bei kleineren Wohnungen am WC eingebaut. Über eine zentrale Steuerung im Wohnraum regelt man die Stärke der Belüftung - meistens gibt es drei Stufen: "Abwesenheit" (was 30 Prozent des maximalen Luftvolumenstroms entspricht), "Normal" (70 Prozent) und "Intensiv" (100 Prozent).

Dass man von der ständigen Luftzirkulation weder Zugluft noch Geräusche mitbekommt, kann Oliver Eglseer bestätigen. Er wohnt nun schon das dritte Jahr in einem Mehrparteienhaus, das mit Komfortlüftung ausgestattet ist. 

Hin und wieder bekommt er über diese zwar ungewollte Hinweise auf die Essgewohnheiten der anderen Hausbewohner; wenn plötzlich etwa ein leichter Geruch nach Lasagne durch seine Wohnung zieht und ihm verrät, was beim Nachbarn heute auf den Tisch kommt. "Das passiert aber nicht immer, sondern nur an manchen Tagen. Ansonsten bekomme ich von der Lüftung nichts mit, was mich stören würde."

Frische Luft beim Heimkommen

Im Gegenteil: Eglseer kann der Komfortlüftung durchaus positive Effekte abgewinnen: "Praktisch ist es vor allem, wenn man den ganzen Tag außer Haus ist oder länger wegfährt - wenn du zurückkommst, hast du frische Luft in der Wohnung, ohne dass du erst groß die Fenster aufreißen musst." Auch mit der Luftfeuchtigkeit hat er nie Probleme, sie liegt konstant auf, wie er sagt, angenehmen 30 Prozent.

Was ihm noch aufgefallen ist: Die Wäsche trocknet schneller, und dank der Zirkulierung der Raumluft wird die Wärme von der Heizung gleichmäßig im ganzen Raum verteilt. Dass man durch die Lüftungsleitungen bei den Nachbarn mithören könne, kann er entkräften.

Im Sommer nicht in Betrieb

In Betrieb nimmt Eglseer die Komfortlüftung allerdings nur in der kalten Jahreszeit: "Ich schalte die Belüftung nur im Winter ein, im Sommer ist sie für mich überflüssig. Ich will einfach keinen Strom verbrauchen, wenn ich denselben Effekt mit Fensterkippen erreiche."

Dass im Sommer weiterhin über die Fenster gelüftet wird, ist nicht so abwegig, sagt Heinrich Huber, Senior Engineer am Energy Department des Austrian Institute of Technology (AIT). "Komfortlüftungsanlagen sind für den Winterbetrieb geplant. Im Sommer herrschen andere Luftfeuchtigkeits- und Temperaturverhältnisse, da wird man um herkömmliches Lüften mit geöffneten Fenstern nicht herumkommen. Außer die Anlage ist mit einem Erdkollektor gekoppelt, der für einen Kühlungseffekt sorgt."

Auch eine Geruchsübertragung im Haus ist laut Huber durchaus möglich. "Die Filter in den Geräten sind nicht so konzipiert, dass sie Gerüche herausfiltern. Da helfen nur Aktivkohlefilter, die sind allerdings teurer und haben kürzere Standzeiten." Standardmäßig werden Filter der Klassen F6 oder F7 eingebaut, diese halten neben Staub, Pollen, Bakterien und Sporen auch Feinstaub (bis zu 25 Prozent) ab.

Rohrreinigung alle zehn bis 15 Jahre

Die Filter müssen je nach Staubbelastung in der Wohnumgebung in regelmäßigen Abständen ausgewechselt werden, das Steuerungsgerät sollte eine Anzeige zur Filterüberwachung integriert haben. "Wichtig ist auch, dass die Rohrleitungen so zugänglich sind, dass man sie reinigen kann", so Huber. Alle zehn bis 15 Jahre sollte man dann noch eine Rohrreinigung durch einen Experten durchführen lassen.

Auch wenn die Technologie noch relativ jung ist, fehleranfällig seien Komfortlüftungen kaum, sagt Huber. Allenfalls müsse man nach Jahren eventuell einmal einen Bauteil wie etwa den Ventilator austauschen lassen, schließlich habe alles eine begrenzte Lebensdauer. "Man muss aber nicht Zweifel daran haben, ob die Technologie überhaupt ausgereift genug ist", beruhigt Huber. Was nicht bedeutet, dass die Hersteller nicht weiter an Verbesserungen arbeiten - Feuchterückgewinnung und Effizienzsteigerung seien zurzeit Forschungsthemen. Wenn man nach Einbau einer Komfortlüftung mit Zugluft, Lärm oder anderen Problemen zu kämpfen hat, liege das an Fehlern bei der Planung bzw. Installation. "Deshalb ist es so wichtig, dass die Planer und Anlagenerrichter gut ausgebildet sind", so Huber.

Kleine Geräte sind lauter

Zahlt sich der Einbau einer Komfortlüftung in jedem Haus aus? Bei Passiv- und Niedrigstenergiehäusern ist eine solche Anlage ohnehin ein Muss, damit die niedrigen Energiekennwerte eingehalten werden können. Aber auch bei weniger energieeffizienten Gebäuden sollte man über einen Einbau nachdenken: "Eine Komfortlüftung macht prinzipiell in allen Neubauten und bei Sanierungen Sinn, weil man damit ja auch überhöhte Feuchtigkeit und Schadstoffe abtransportieren kann", sagt Josef Seidl vom auf energieeffiziente Haustechnik spezialisierten Unternehmen drexel und weiss. Außerdem senkt (UPDATE: hier stand "erhöht", der Fehler wurde ausgebessert) eine Wärmerückgewinnung die Energiekennzahl des Gebäudes, was sich günstig auf die Wohnbauförderung auswirkt.

Förderungen sind darüber hinaus von Bundesland zu Bundesland verschieden. Wer eine Komfortlüftungsanlage einbauen lassen möchte, sollte laut Seidl mit etwa 10.000 Euro brutto bei einem Einfamilienhaus rechnen, bei einer Wohnung belaufen sich die Kosten auf 7.000 bis 8.000 Euro. Auch Einzelgeräte für einzelne Räume sind erhältlich, davon hält Seidl allerdings nicht viel: "Diese Geräte sind so klein, dass die Wärmerückgewinnung weniger effizient ist und die Lautstärke höher." (Jutta Kalian, derStandard.at, 28.2.2012)

Service

So wie bei der Ausführung gibt es auch bei den Geräten Qualitätsunterschiede: Die Bauteile sollten der ÖNORM EN 13141-7 entsprechen. Mehr Informationen dazu gibt es unter www.komfortlüftung.at.

Das AIT bietet in Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen eine Ausbildung zum zertifizierten Komfortlüftungstechniker an.

Link

drexel und weiss

  • Mit 7.000 bis 10.000 Euro muss man rechnen, will man eine Komfortlüftungsanlage einbauen lassen. Frischluft kommt durch Zuluftöffnungen im Boden (Bild) oder an der Wand, ....
    foto: drexel und weiss

    Mit 7.000 bis 10.000 Euro muss man rechnen, will man eine Komfortlüftungsanlage einbauen lassen. Frischluft kommt durch Zuluftöffnungen im Boden (Bild) oder an der Wand, ....

  • ... die Abluft wird durch ein Ventil an der Decke gesaugt.
    foto: drexel und weiss

    ... die Abluft wird durch ein Ventil an der Decke gesaugt.

  • Das Herzstück einer Wohnraumlüftung ist aber das Lüftungsgerät.
    foto: drexel und weiss

    Das Herzstück einer Wohnraumlüftung ist aber das Lüftungsgerät.

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