Verschleierte Lebenswelten

19. August 2003, 16:59
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Das Kopftuch aus Sicht muslimischer Frauen

Für viele ist das Kopftuch muslimischer Frauen ein Symbol der "Unterdrückung der Frau im Islam". In Deutschland wird vor dem Bundesverfassungsgericht derzeit mit großem Aufsehen der Fall einer muslimischen Lehrerin verhandelt, die mit Kopftuch unterrichten will.

Mit der Lage muslimischer Frauen in Österreich befasst sich Monika Höglingers Studie "Verschleierte Lebenswelten". Schönreden will sie die Situation keineswegs, sie beschreibt aber die unterschiedlichen Bedeutungen des Kopftuches.

Höglinger stellt exemplarisch vier Frauen vor: Tekil, Lale, Amina und Shirin haben sich zum Tragen des Kopftuches entschlossen. Jede aus ihrer eigenen Geschichte heraus. Gerade bei Shirin, einer Konvertitin, wird sichtbar, wie sich die Bedeutung des Kopftuches ändert. Je nach gesellschaftlichem und weltpolitischem Kontext: Vor der Machtergreifung der Taliban galten in Afghanistan Kopftücher als rückständig.

Auch in Österreich ändern sich die Zuschreibungen: Während viele Musliminnen in den 70er- und 80er-Jahren den Schleier ablegten, ist das Kopftuch für manche ihrer Töchter Teil einer neuen Identität. Gleichzeitig aber fühlen sich diese Frauen als Österreicherinnen, kämpfen gegen Diskriminierung (vor allem am Arbeitsmarkt) und führen ein selbstbestimmtes Leben.

Höglinger weist aber auch auf die Tendenz hin, das Kopftuch möglichst positiv darzustellen. Pauschalurteilen stellt die Autorin Perspektivenwechsel entgegen und erzeugt so ein vielschichtiges Bild. Sprachlich schimmert der Elfenbeinturm immer wieder durch. Dafür erhalten Interessierte auch gleich eine Einführung in aktuelle Diskussionen der Kulturanthropologie und der feministischen Theorie. (Heidi Weinhäupl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.6. 2003)

Monika Höglinger: Verschleierte Lebenswelten. Eine ethnologische Studie Edition Roesner, Maria Enzersdorf 2002, 146 Seiten, 24,20 Euro.
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