"Haben unser Herz an die Kultur verloren"

27. Februar 2012, 19:12
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Zu keiner anderen Nation unterhalten die Chinesen so emotionale Beziehungen wie zu Österreich, meint Wang Shu

Bruno Kreisky war der Erste, von dem Chinas frischgebackener Botschafter in Wien, Wang Shu, über den nie endenden Kampf der Österreicher gegen das Klischee hörte, weltweit nur als Heimat von Sisi, Mozart und den Alpen wahrgenommen zu werden. "Alles stimmt, was Sie mit unserem Namen verbinden", sagte ihm der damalige Bundeskanzler 1980. Wang trat da gerade sein Amt für fünf Jahre an. "Unsere Landschaft ist großartig, unsere Musik ebenfalls." Das lasse sich aber ebenso von Wissenschaft, Technik und Bildung sagen. "Unterschätzen Sie nicht, was wir sonst noch alles können."

Wang war der dritte der zehn Botschafter, die Peking seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen bisher nach Wien schickte. Nach ihm, sagt der heute 88-jährige Senior der Diplomatie, hätten auch alle anderen Botschafter von Österreichs Regierungschefs immer wieder die gleiche Botschaft gehört. Doch sie sei unnötig. China schätze Österreichs Know-how.

Wang war dabei, als sich Steyr 1984 mit seiner Lkw-Produktion gegen alle anderen Bewerber durchsetzte. Das Werk sei bis heute erfolgreich. Viele chinesische Lkw fahren mit Steyr-Technologie. Österreichs Unternehmen setzten früher wie heute industrielle wie ökologische Akzente, von Wasserkraftwerken bis zu den marktführenden AT&S Leiterplatten. Der Handel boomt.

"Unser Herz aber haben wir an die Kultur verloren." Zu keiner anderen Nation unterhalten Chinesen so emotionale Beziehungen. Das reiche bis zur persönlich herzlichen Geste: Bevor vergangenen Dezember Botschafter Martin Sajdik von Peking nach New York wechselte, lud Wangs Ehefrau Yuan Jie Sajdiks Ehefrau Tamara Otunbajewa zum Abschiedsessen ein. Sie machte das nicht nur spontan, sondern zusammen mit den Gattinnen von sechs früheren Botschaftern in Wien.

"Manchmal entkommen auch wir dem Klischee nicht", sagt Wang. Als er seine Memoiren schrieb, wollte er sie in Anspielung an die damalige geostrategische Lage Österreichs und die Zeit des Kalten Krieges " Botschafter an der Schnittstelle zwischen Ost und West" nennen. Der Verlag habe ihn ausgelacht: "Wollen Sie Ihr Buch verkaufen?" Es erschien unter dem Titel In der Heimat der Musik. (DER STANDARD Printausgabe, 28.2.2012)

  • Seniordiplomat Wang Shu: China schätzt Österreichs Know-how auch abseits der bekannten Klischees über Sisi, Mozart und die Alpen.
    foto: standard/erling

    Seniordiplomat Wang Shu: China schätzt Österreichs Know-how auch abseits der bekannten Klischees über Sisi, Mozart und die Alpen.

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